Treibermutationen für Krebs entdeckt

Räsel um die Endometriose

Die Endometriose gilt normalerweise als gutartige Veränderung. Zumindest für die tiefe infiltrierende Form muss das wohl überdacht werden. Denn: Kanadische Wissenschaftler haben in den Zellen Treibermutationen für Krebs gefunden. Der Fund gibt Rätsel auf.

Von Robert Bublak Veröffentlicht: 01.06.2017, 05:12 Uhr
Räsel um die Endometriose

Endometriose: Die eigentlich gutartige Erkrankung hat Eigenschaften, die sonst für maligne Neoplasmen typisch sind, wie ein lokal invasives Wachstum.

© SENTELLO / Fotolia

VANCOUVER. Die Endometriose ist eine häufige Störung, bis zu 10 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter sind betroffen. Für gewöhnlich hält man die Läsionen für nichtneoplastisch, entzündlich und östrogenabhängig. Eine Ausnahme stellt die ovarielle Endometriose dar, die als Vorläufer von klarzelligen oder endometroiden Ovarialkarzinomen angesehen wird.

Bei aller angenommenen Gutartigkeit hat die Endometriose aber durchaus Eigenschaften, die sonst für maligne Neoplasmen typisch sind, etwa ein lokal invasives Wachstum und eine Resistenz gegen Apoptose.

Auch die Ätiologie der Endometriose ist unklar, mehrere Theorien sind in der Diskussion, beispielsweise die Verpflanzung durch retrograde Menstruation, eine Metaplasie von Epithel der Urogenitalfalte oder auch die Kombination der Transplantations- und Metaplasietheorie in der Induktionstheorie.

Treibermutationen für Krebs

Ein Team von Wissenschaftlern um Michael Anglesio von der University of British Columbia in Vancouver, Kanada hat nun Ergebnisse einer Untersuchung vorgelegt, die das Bild der Endometriose – jedenfalls der tief infiltrierenden Form – in noch etwas mysteriöseres Licht tauchen (N Engl J Med 2017; 376: 1835-48).

Anglesio und seine Kollegen hatten Gewebe aus tief infiltrierenden Endometriosen von 24 Patientinnen genetisch untersucht. Die Wissenschaftler sequenzierten das Exom und entdeckten bei 19 der Patientinnen somatische Mutationen. Dabei waren fünf dieser Mutationen bekannte Treibermutationen für Malignome – ein Fund, der nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 Promille auf Zufall beruhen konnte.

Eine gezielte Suche bei 15 weiteren Endometriose-Patientinnen förderte bei fünf KRAS-Mutationen zutage. Insgesamt lagen demnach bei rund einem Viertel der Patientinnen mit tiefer infiltrierender Endometriose Treibermutationen für Malignome vor.

Alle Mutationen fanden sich im Epithel, nicht im Stroma der endometriotischen Läsionen. Möglicherweise bieten sie den Epithelzellen einen Selektionsvorteil.

Was bedeutet das alles?

Es könnte bedeuten, dass die Endometriose doch nicht so gutartig ist wie bisher gedacht. Doch bekanntermaßen entarten diese Läsionen so gut wie nie. Anglesio und seine Mitarbeiter spekulieren, es könne sich bei der infiltrierenden – im Gegensatz zur oberflächlichen – Form der Endometriose um ein gutartiges Neoplasma handeln.

Spezielle Rätsel gibt den Wissenschaftlern eine Patientin auf, bei der die gleiche KRAS-Mutation in drei räumlich getrennten Läsionen gefunden wurde. Koinzidierende Mutationen sind hier zwar nicht auszuschließen, jedoch unwahrscheinlich.

Ein gewissermaßen metastatischer Prozess käme hier infrage – aber warum finden sich die Veränderungen dann nicht im Stroma? Wandert es mit dem Epithel? Oder bildet es sich metaplastisch am Ort der Ansiedlung der mutanten Epithelzelle?

Bipotente Stammzelle

Gemäß einer weiteren Erklärung, die womöglich auch ein Licht auf die generelle Pathogenese der Endometriose wirft, stammen beide Komponenten der Endometriose von einer bipotenten uterinen Stammzelle ab. Das wäre mit dem Modell einer Einzelzellmetastasierung kompatibel.

Auch hier fragt sich dann aber, wieso nur der epitheliale Abkömmling Treibermutationen entwickelt oder behält.

26% der tief infiltrierenden endometriotischen Läsionen trugen Treibermutationen für Krebs. Alle Mutationen fanden sich im Epithel, nicht im Stroma.

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