Antibiotika-Tag

Resistente Keime auf dem Vormarsch

Antibiotika werden immer noch häufig verschrieben - vor allem Kindern. Dass dies statt Genesung oft eher Gefahren mit sich bringt, darauf machen Experten anlässlich des heutigen Europäischen Antibiotika-Tages aufmerksam.

Von Wolfgang Geissel Veröffentlicht: 18.11.2014, 05:03 Uhr
Resistente Keime auf dem Vormarsch

Pseudomonas-Keime: Gegen die Erreger von Pneumonien und Sepsis wird jetzt ein neues Antibiotikum geprüft.

© Roche Diagnostics

BERLIN. Zum Europäischen Antibiotikatag soll das Bewusstsein für die Probleme durch Resistenzen geschärft werden. In den vergangenen Jahren standen dabei vor allem gram-positive Erreger wie Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) im Vordergrund, berichtet das Robert Koch-Institut (RKI) in einer Mitteilung.

Inzwischen rückt aber das zunehmende Auftreten von gram-negativen multiresistenten Infektionserregern in den Fokus, die neben anderen Antibiotikagruppen auch gegen alle ß-Laktam-Antibiotika resistent sind, so das RKI. Solche resistenten Keime werden inzwischen bundesweit gefunden (Epi Bull 2014, 43: 419).

Antibiotika zurückhaltend verordnen

An Ärzte geht der Appell, Antibiotika zurückhaltend zu verordnen. Experten kritisieren dabei immer wieder den hohen Anteil von Breitspektrum-Antibiotika bei den Verordnungen in Kliniken und Praxen. Besonders Cephalosporine und Fluorchinolone üben einen besonders hohen Druck zugunsten der Selektion multiresistenter Erreger aus.

Der Anteil dieser Antibiotikaklassen für die Therapie sollte daher möglichst gesenkt werden, heißt es in dem Bericht über den Antibiotikaverbrauch und die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Human- und Veterinärmedizin in Deutschland 2012.

Spitzenreiter im Verbrauch sind Kindergartenkinder

Zudem müsse es gelingen, den Antibiotikaeinsatz bei akuten Atemwegsinfektionen zu reduzieren. Nach einer bundesweiten und repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit sind in Deutschland Kindergartenkinder die Spitzenreiter im Antibiotika-Verbrauch. 41 Prozent der Vier- bis Sechsjährigen erhielten im vergangenen Jahr Antibiotika.

Bei der Gesamtaltersgruppe der 0- bis 18-Jährigen sind es danach nur knapp 30 Prozent, die Antibiotika einnahmen. Laut Umfrage bekamen 37 Prozent der Vier- bis Sechsjährigen Antibiotika bei Bronchitis, 29 Prozent bei Otitis media und 27 Prozent bei Erkältung.

Bei all diesen Beschwerden sind Antibiotika nur in Ausnahmefällen indiziert. Bei der Verordnung spielt offenbar die Einstellung der Eltern eine Rolle: 17 Prozent der Befragten erwarten ein Antibiotikum bei Infektionskrankheiten. "Aufklärung ist entscheidend", wird Dr. Michael Freitag, Facharzt für Allgemeinmedizin und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Krankenkasse, in dem Bericht zitiert.

Eltern müssten wissen, dass es durchaus normal sein kann, dass ein Kleinkind bis zu zehn Infekte pro Jahr durchmacht und diese in den allermeisten Fällen innerhalb einiger Tage folgenlos vorübergehen.

Dass Pharma-Unternehmen keine neuen Antibiotika mehr entwickeln, wie häufig behauptet, ist nicht richtig. In diesem Jahr gleich vier neue Antibiotika herausgebracht: zwei gegen den Klinikkeim MRSA, zwei gegen multiresistente Tuberkulose, betont der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) in einer Mitteilung.

Neue Antibiotika in der Entwicklung

Drei weitere Antibiotika befänden sich im Zulassungsverfahren, 15 weitere sowie vier antibakterielle Antikörperpräparate in Phase-III-Studien. Die kommenden Medikamente richten sich unter anderem gegen Pseudomonas (Pneumonien und Sepsis), den Darmkeim Clostridium difficile (schwere Diarrhöe) und resistente Gonokokken. Weitere Mittel sind in früheren Stadien der Entwicklung und Erprobung.

"Neue Antibiotika lassen sich jedoch nicht nach Belieben nachliefern", so vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer: "Deshalb ist es ebenso wichtig, die Bildung und Verbreitung weiterer Resistenzen möglichst zu vermeiden. Das aber erfordert die Kooperation von vielen Akteuren, darunter Ärzten, Grundlagenforschern, Pharma- und Diagnostika-Unternehmen und der Politik."

Die Bundesregierung habe mit der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) seit 2008 schon wichtige Maßnahmen angeschoben - etwa in der Krankenhaushygiene; ebenso die EU mit ihrem "Action Plan" gegen Resistenzen von 2011. Nun gehe es jedoch darum, die Aktionspläne noch entschlossener mit Leben zu erfüllen, so Fischer.

Antibiotikaresistenzen vermeiden – aber wie?

Immer mehr Bakterien entwickeln Resistenzen gegen immer mehr Antibiotika. Das Problem ist erkannt – allein wie lässt es sich lösen? Im Video-Interview erläutert Professor Cord Sunderkötter, Leiter des Hauttumorzentrums sowie der Abteilung für Dermatomikrobiologie am Uniklinikum Münster, welchen Beitrag Ärzte, Gesellschaft und Politik leisten können.

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