Corona setzt Insult-Patienten zu

Schlaganfall: Selbsthilfe-Gruppen fürchten um Existenz

Die Schlaganfall-Selbsthilfe in Deutschland schlägt Alarm: Weil wegen der Pandemie nur digitale Treffen stattfinden können, treten immer mehr Mitglieder aus. Die Neurologen fürchten um Therapieerfolge.

Von Kathrin HandschuhKathrin Handschuh Veröffentlicht:
Präsenztreffen sind in der Selbsthilfe derzeit kaum möglich. Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Präsenztreffen sind in der Selbsthilfe derzeit kaum möglich. Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

© Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Gütersloh. Die Digitalisierung in der Pandemie hat dem Gesundheitswesen viele Fortschritte beschert, Selbsthilfegruppen bekommen mit verstärkten Mitgliederaustritten jedoch immer mehr die negativen Seiten des technischen Fortschritts zu spüren: Da viele Treffen seit Monaten nur noch digital stattfinden, fühlen sie sich abgehängt und verlassen die Gruppen.

Die deutsche Schlaganfall-Selbsthilfe sendet nun einen Hilferuf. „Wir gehen davon aus, dass die Gruppen gerade ein Drittel ihrer Mitglieder verlieren“, sagt Stefan Stricker von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. „Für viele kleinere Gruppen kann das ihr Aus bedeuten.“

Bundesweit führt die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe rund 350 Selbsthilfegruppen in ihrem Netzwerk. Etwa 12.000 Menschen engagierten sich in ihnen, gäben sich gegenseitig Rat und Halt, heißt es in einer Pressemitteilung der Stiftung. Doch vielerorts könnte das künftig schwierig werden, denn die Corona-Pandemie bedroht manche Gruppe in ihrer Existenz.

Kleine Gruppen brechen weg

„Seit über einem Jahr sind kaum persönliche Treffen möglich“, sagt Stefan Stricker. „Aus vielen Gruppen hören wir, dass sich Mitglieder deshalb zurückgezogen und abgemeldet haben.“ Stricker beobachtet derzeit drei Tendenzen in der Selbsthilfe.

„Ein Drittel ist aufgeschlossen für technische Lösungen, Online-Treffen oder Telefonketten. Ein zweites Drittel hat daran kein Interesse, will sich aber engagieren, wenn Präsenzveranstaltungen wieder möglich sind. Das letzte Drittel jedoch scheint uns gerade verloren zu gehen. Das sind Menschen, zu denen die Selbsthilfe momentan keinen Kontakt mehr hat.“

Stricker sieht eine gut ausgebaute Infrastruktur in Gefahr. „Selbsthilfe hat sich in den vergangenen 25 Jahren als wichtige Säule der Schlaganfall-Versorgung etabliert“, sagt er. Gerade nach einem Schlaganfall mit seinen vielfältigen und komplexen Folgen könnten die Patienten von der Selbsthilfe profitieren. „Die Rehabilitation ist ein langer, anstrengender Prozess. Da gibt das Miteinander in einer Selbsthilfegruppe den Mitgliedern unglaublich viel Motivation“, erklärt Stricker.

Die Rehabilitation ist ein langer anstrengender Prozess. Da gibt das Miteinander in einer Selbsthilfegruppe unglaublich viel Motivation.

Stefan Stricker Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Insbesondere kleinere Gruppen in ländlichen Regionen könnten wegbrechen, wenn sie eine kritische Größe unterschritten oder ihre Leiterinnen und Leiter die Lust verlören, befürchtet Stefan Stricker. „Diese Gruppen stehen und fallen in der Regel mit dem Enthusiasmus von ein oder zwei Personen. Lässt deren Engagement nach, ist das oft der Anfang vom Ende.“

Sollten Selbsthilfegruppen tatsächlich wegfallen, würde das auch für die Arbeit von Neurologen eine deutliche Einschränkung bedeuten. „Die Gruppen bieten vor allem viel Unterstützung bei der Vermittlung und Beratung, beispielsweise bei Therapiemöglichkeiten“, sagt Dr. Klaus Gehring, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte, im Gespräch mit der „ÄrzteZeitung“.

Weniger sozialrechtliche Beratung

Ein Schwerpunkt der Selbsthilfegruppen ist die sozialrechtliche Beratung, beispielsweise zu Hilfsmitteln oder auch zur Beantragung von Schwerbehindertenausweisen. „All das kann nur stattfinden, wenn der Kontakt gesucht wird“, so Gehring.

Dass Patienten durch die Pandemie der Selbsthilfe den Rücken kehrten, betreffe aber nicht nur die Insult-Patienten, sondern auch andere Krankheitsbilder wie beispielsweise MS oder Parkinson. Alle Patienten mit chronischen Erkrankungen seien derzeit verunsichert und würden wegen COVID-19 Kontakte meiden.

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