Gastbeitrag

Soziale Beziehungen: Das unterschätzte Heilmittel in der ärztlichen Versorgung

Immer mehr Studien zeigen, wie wichtig soziale Beziehungen für unser Wohlbefinden sind. Dennoch wird deren Bedeutung oft noch ignoriert, bedauert unser Gastautor Ulrich Schnabel.

Ein Gastbeitrag von Ulrich Schnabel Veröffentlicht:
Schmerzbekämpfung durch Beziehung? Das Händehalten durch einen geliebten Menschen kann die Schmerzaktivität im Gehirn bereits deutlich reduzieren, haben Neurologen und Psychologen nachgewiesen.

Schmerzbekämpfung durch Beziehung? Das Händehalten durch einen geliebten Menschen kann die Schmerzaktivität im Gehirn bereits deutlich reduzieren, haben Neurologen und Psychologen nachgewiesen.

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Kennen Sie die Anekdote der zwei jungen Fische, die morgens im Meer einem alten Fisch begegnen? Dieser nickt ihnen freundlich zu und sagt: „Morgen Jungs, wie ist das Wasser?“ Die beiden schwimmen stumm weiter und schließlich sagt der eine zum anderen: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Ulrich Schnabel, Wissenschaftsredakteur bei der Wochenzeitung „DIE ZEIT“

Ulrich Schnabel, Wissenschaftsredakteur bei der Wochenzeitung „DIE ZEIT“

© Martina van Kann

Was diese Geschichte schön auf den Punkt bringt, ist das Phänomen, dass wir gerade die offensichtlichsten und am nächsten liegenden Tatsachen häufig übersehen. Das gilt auch für jenes Element, in das wir Menschen eingetaucht sind: die sozialen Beziehungen, die uns umgeben. Denn egal, was wir tun: Wir handeln immer in sozialen Konstellationen; und der Austausch und die Rückmeldung unserer Umgebung sind für uns ebenso lebenswichtig wie für Fische das Wasser.

Dennoch wird das häufig ignoriert – auch in der Medizin. Dabei wird inzwischen in immer mehr Studien die soziale Zuwendung als hocheffektives Heilmittel entdeckt.

Pseudotherapie Anonyme Alkoholiker? Von Wegen!

Zum Beispiel in der Suchttherapie. Viele Alkoholiker bevorzugen keine professionelle Therapie, sondern schließen sich lieber einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker (AA) an. Lange wurde das eher als wirkungslose Pseudotherapie belächelt: Da sitzen ein Haufen ungeschulter Leute zusammen und sprechen ohne professionelle Anleitung über ihre Erfahrungen und Hoffnungen.

Das kann ja wohl nicht funktionieren!, so das Urteil vieler Experten. Doch vor einigen Jahren räumte eine große Cochrane-Übersichtsarbeit mit diesem Vorurteil auf. Die Auswertung schloss 27 Studien mit 10.565 Teilnehmern ein und kam zu dem Ergebnis, dass das Zwölf-Schritte-Programm der AA sogar wirkungsvoller als eine professionelle Psychotherapie ist.

Ein Jahr nach Absolvierung des Zwölf-Schritte-Programms waren 42 Prozent der Teilnehmer der AA abstinent, ein Jahr nach einer professionellen Therapie nur 35 Prozent.

Die Gemeinschaft wirkt als Therapeutikum

Wie ist dieser Effekt zu erklären? Offenbar wirkt die Gemeinschaft der Alkoholkranken selbst als Therapeutikum. Zum einen machen die Teilnehmenden die Erfahrung, dass andere mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und man sich ungeschminkt offenbaren kann – was bereits eine psychologisch unterstützende Wirkung hat.

Zum anderen wird die scheinbar individuelle Suchtkrankheit zur gemeinschaftlichen Herausforderung. Denn auch nach Abschluss des 12-Schritte-Programms nehmen die Anonymen Alkoholiker weiter an den Treffen der AA-Gruppen teil; nach dem Abschluss einer Psychotherapie dagegen verblasst deren Wirkung immer mehr. Und weil dieses Prinzip so effektiv ist, arbeiten inzwischen auch viele andere Suchtabhängige danach.

Dieser hilfreiche Gemeinschaftseffekt kommt aber nicht nur bei Suchtkranken zum Tragen, sondern auch in vielen anderen Bereichen der Medizin. So erweist sich die soziale Unterstützung beispielsweise in der Schmerztherapie als wirksamer Faktor.

Gemeinsames Lachen erhöht die Schmerzgrenze

Neuropsychologische Untersuchungen zeigen, dass die Schmerzaktivität im Gehirn bereits zurückgeht, wenn einem ein geliebter Mensch die Hand hält. Britische Forscher haben nachgewiesen, dass auch gemeinsames Lachen die Schmerzgrenze erhöht. Denn durch die soziale Heiterkeit werden körpereigene Endorphine ausgeschüttet, die im Rückenmark die Schmerzempfindung modulieren und dämpfen.

Einsamkeit oder Spannungen zwischen Menschen indes bewirken das Gegenteil: In solchen Situationen nimmt man einen Schmerz als noch stärker wahr. Wenn sich jemand aus einer Gemeinschaft ausgegrenzt fühlt, löst das im Gehirn sogar ganz ähnliche Aktivitätsmuster aus wie körperliche Qual. Dann ist die Rede von „sozialem Schmerz“. Und dieses Einsamkeitsgefühl wiederum kann durch Schmerzmittel wie Paracetamol (zumindest zeitweilig) gelindert werden – auch das wurde durch Experimente im Kernspintomografen belegt.

Dennoch werden solche soziale Faktoren erstaunlicherweise immer noch oft vernachlässigt und nicht ausreichend erforscht, wie vor zwei Jahren auf dem Deutschen Schmerzkongress beklagt wurde.

Einsamkeit verstärkt den Schmerz

Einsamkeit verstärkt aber nicht nur den Schmerz, sondern erweist sich generell als krankmachend: Nicht nur, dass Singles ein höheres Herzinfarkt-Risiko haben als Menschen in einer Beziehung. Einsame Menschen leiden im Schnitt auch häufiger unter Depressionen, Schlafstörungen, schnellerem Gehirnabbau, Kreislaufproblemen oder Störungen des Immunsystems.

Auch in Zeiten von Stress und Krisen kommt es entscheidend darauf an, ob Menschen sich sozial unterstützt fühlen. In einer schwedischen Studie wurden in den 1990er Jahren Männer untersucht, die in einem Jahr mehrere starke Stress-Situationen zu bewältigen hatten – Entlassung, Scheidung, Finanzprobleme oder ähnliches.

Verdreifachung der Todesrate unter Stress

Bei den Männern ohne soziale Unterstützung verdreifachte sich die Todesrate. Die Männer mit gutem Rückhalt durch Freunde oder Familie zeigten keinen Anstieg der Sterblichkeit. Fazit der Forscher: „Männer mit adäquater emotionaler Unterstützung scheinen geschützt.“

Angesichts solcher Ergebnisse müsste man eigentlich soziale Zuwendung auf Rezept ausstellen. Gerade bei alleinstehenden, einsamen Menschen ist die effektivste medizinische Maßnahme daher oft das verständnisvolle Gespräch und die Anteilnahme im Sprechzimmer – was in der Regel allerdings viel zu wenig honoriert wird (und damit den Zulauf zu Heilpraktikern, Homöopathen und anderen Alternativmedizinern erklärt, die sich sehr viel mehr Zeit für ihre Patienten nehmen.)

Ein positiver Faktor wird häufig vergessen – auch bei Longevity

Selbst in der heute so aktuellen Langlebigkeits-Medizin lässt sich der Sozial-Effekt nachweisen. Was wird da heute unter dem Stichwort „Longevity“ nicht alles angepriesen: Anti-Aging Superfood, Biohacking, Kältekammern, Wundermittel wie Rapamycin – doch die wissenschaftlichen Belege für deren Wirkung sind häufig dünn. Empirisch gut bestätigt ist vor allem der Einfluss altbekannter Faktoren: Kein Übergewicht, Bewegung, gute Ernährung, wenig Alkohol und Nikotin und viel Schlaf.

Und dann gibt es noch einen Faktor, der häufig vergessen wird, und das ist die Qualität unserer sozialen Beziehungen. Das zeigt eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2010. Darin verglichen Forscher 148 Studien und gelangten zu dem Schluss, gute Sozialkontakte und das Gefühl der Zugehörigkeit reduzierten das Sterblichkeitsrisiko durchschnittlich um 50 Prozent.

Die Win-win-Strategie für gutes Altern

Damit ist der positive Einfluss menschlicher Nähe deutlich größer als jener, der durch sportliche Aktivität oder das Einhalten eines gesunden Gewichts erreicht wird, und entspricht etwa jenem Gesundheitseffekt, den ein starker Raucher erzielt, wenn er seine Nikotinsucht aufgibt. Denn wer sozial gut eingebunden ist und viele Freunde hat, führt automatisch ein gesünderes Leben: Man bewegt sich in der Regel mehr, ernährt sich besser, raucht weniger.

Wer also eine Win-win-Strategie für gutes Altern sucht, für den gibt es einen einfachen Tipp: Pflegen Sie ihre Beziehungen und Freundschaften!

Ulrich Schnabel ist Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT und Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher. Zuletzt erschien von ihm: „Zusammen. Wie wir mit Gemeinsinn globale Krisen bewältigen“ (Aufbau-Verlag).

Näheres siehe: www.ulrichschnabel.de

Der Autor hält am 1. Oktober die Keynote zur Eröffnung des Kongresses für Allgemeinmedizin und Familienmedizin in Hannover: https://degam-kongress.de/2025/

Literatur beim Verfasser

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