Seltener Verlauf

Trotz HIV-Infektion lange klinisch gesund

Eine kleine Gruppe von HIV-infizierten Patienten bleibt unbehandelt jahrelang klinisch gesund. Sie sind aber verstärkt kardiovaskulär gefährdet.

Veröffentlicht: 28.11.2018, 07:07 Uhr

Der Verlauf einer HIV-Infektion ist von Patient zu Patient sehr variabel: Meist ist ein allmählicher CD4-Zellverlust zu sehen und die Entwicklung von Aids setzt sehr verzögert ein. Auf der anderen Seite gibt es aggressive Verläufe.

Etwa ein bis fünf Prozent der Patienten jedoch bleiben trotz Infektion und ohne antiretrovirale Behandlung jahrelang klinisch gesund mit peripheren CD4-Zellzahlen von über 500/μl und vergleichsweise niedriger HI-Viruslast – sie werden als Long-Term Non-Progressors bezeichnet.

Höchste Viruslast bei 1445/ml

Gerardo Ibarra von der Medizinischen Klinik IV der Universität München und seine Kollegen schildern den Fall eines heute 68-jährigen, seit 30 Jahren verheirateten Mannes, der sich im Jahr 2007 erstmals wegen einer neu diagnostizierten HIV-Infektion in der infektiologischen Ambulanz des Universitätsklinikums vorstellte (MMW 2018; S2/160:39-41).

Wenige Monate zuvor war bei seiner Frau während einer Routineuntersuchung eine HIV-Infektion festgestellt worden. Die CD4-Zellzahl des Mannes lag bei 935/μl, die HI-Viruslast betrug 82/ml.

Wegen des guten Immunstatus bei vorliegender Adipositas und erhöhtem Blutdruck leiteten die Infektiologen keine antiretrovirale Behandlung ein.

Bis 2011 blieb der Patient ohne ART klinisch und laborchemisch stabil, die höchste Viruslast lag in diesem Zeitraum bei 1445/ml. Dann entwickelte der Mann einen essenziellen Tremor und es wurde ein metabolisches Syndrom diagnostiziert, beides erforderte die entsprechende medikamentöse Therapie.

Immunologisch jedoch ergaben sich bei ambulanten Kontrolluntersuchungen alle drei Monate weiterhin keine Veränderungen. Erst 2017, also zehn Jahre nach der HIV-Diagnose, stieg die Viruslast auf 6350/ml, wobei die CD4-Zellzahl weiterhin stabil bei 870/μl blieb. Die nun vorgeschlagene antiretrovirale Behandlung lehnte der Patient ab, da er hoffe, dass die Viruslast auch ohne Therapie wieder sinken würde.

In frühen Stadien langlebige Reservoirs

Die Ursache der fehlenden Krankheitsprogression bei Long-Term Non-Progressors scheine einerseits auf eine verminderte genetische Suszeptibilität zurückzuführen zu sein, andererseits auf eine vermehrte T-Zell-Aktivität und systemische Inflammation, so die Münchner Infektiologen.

Aus jüngeren Studien gehe hervor, dass der Wirt breit neutralisierende Antikörper bilden kann, die eine virale Neutralisierung auslösen und auf diese Weise die CD4-Zellen bei Long-Term Non-Progressors schützen.

Die systemische Inflammation könne jedoch auch ein erhöhtes kardiovaskuläres und metabolisches Risiko bedeuten. „Daher sollte ein besonderes Augenmerk auf diese nicht Aids-assoziierten Erkrankungen gerichtet werden.“

Die Aussichten, bei jahrelang unbehandelten Patienten die HI-Viren zu eradizieren, sind nach Angaben von Ibarra gering, weil HIV in frühen Krankheitsstadien langlebige Reservoirs etabliere, die für die heute verfügbaren antiretroviralen Therapien unerreichbar seien.

Für Forscher sind Long-Term Non-Progressors interessant, weil sie sich davon die Entwicklung von therapeutischen Strategien erhoffen, die eine langfristige Virämie-Kontrolle ermöglichen, etwa mit Impfstoffen. (ner)

Lesen Sie dazu auch: Neue Erkenntnisse: HIV-Heilung ist schwierig, aber möglich

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