Neue Therapie-Option in Sicht?

Tuberkulose-Impfstoff schützt vor Multipler Sklerose

Lässt sich Multiple Sklerose bald mit einer Impfung aufhalten? Eine Studie mit einem Tuberkulose-Impfstoff weckt große Hoffnungen.

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Bei Multipler Sklerose ist das zentrale Nervensystem geschädigt.

Bei Multipler Sklerose ist das zentrale Nervensystem geschädigt.

© ktsdesign / fotolia.com

ROM. Die Inzidenz der Multiplen Sklerose (MS) hat in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Industrieländern deutlich zugenommen, die Gründe dafür liegen jedoch weitgehend im Dunkeln, vielleicht sogar buchstäblich: Eine Hypothese besagt, dass der Lichtmangel durch zunehmende Büroarbeit ein Grund sein könnte - er führt zu niedrigen Vitamin-D-Spiegeln, die mit einem erhöhten MS-Risiko einhergehen.

Es gibt aber auch andere Erklärungen: Der Hygiene-Hypothese zufolge langweilt sich das Immunsystem in unserer aseptischen Welt und macht sich mangels Herausforderungen am eigenen Körper zu schaffen - was Autoimmunerkrankungen wie MS begünstigt.

Vertreter dieser Hypothese dürften durch eine aktuelle Studie Aufwind bekommen: Danach ist es offenbar möglich, die MS in einem frühen Stadium auszubremsen, wenn die Patienten nach einem ersten MS-ähnlichen Schub eine intradermale Injektion mit abgeschwächtem Bacillus Calmette-Guérin (BCG) bekommen.

Der Lebendimpfstoff wurde lange Zeit zur Tuberkuloseprävention verwendet. Erste Pilotstudien hatten bereits gezeigt, dass sich damit offenbar auch die MS-Aktivität reduzieren lässt.

Nach sechs Monaten deutlich weniger Hirnläsionen

In einer kleinen Studie haben italienische Forscher um Giovanni Ristori vom Zentrum für experimentelle neurologische Therapien in Rom die ursprünglich aus Rindertuberkulose gewonnene Bazillen nun Patienten mit einem ersten schubähnlichen Ereignis (CIS) injiziert (Neurology 2013; online 4. Dezember).

In der Regel entwickelt etwa die Hälfte der unbehandelten CIS-Patienten innerhalb von zwei Jahren eine klinisch manifeste MS mit weiteren Schüben und Hirnläsionen. Von 82 CIS-Patienten wurden 33 mit BCG geimpft (0,1 mg), 40 Patienten erhielten Placebo-Injektionen.

Nach sechs Monaten bekamen alle eine immunmodulierende Basistherapie mit Interferon beta-1a für ein Jahr, anschließend wurden sie nach den Vorstellungen ihrer jeweiligen Neurologen weiterbehandelt.

Die Ergebnisse sind durchaus überraschend: Sechs Monate nach der Impfung hatten die Patienten mit BCG im Schnitt 3,1 Gadolinium-anreichernde Läsionen, diejenigen mit Placebo dagegen mehr als doppelt so viele (6,6 Läsionen).

Dies übersetzte sich auch in eine niedrigere Rate von MS-Diagnosen fünf Jahre nach Beginn der Studie: Schubfrei und damit ohne MS-Diagnose blieben 19 von 33 Geimpften (58 Prozent), aber nur 12 von 40 Ungeimpften (30 Prozent). Die MS-Rate war nach fünf Jahren bei den Geimpften folglich nur etwa halb so hoch.

Ein Viertel der Geimpften konnte die MS-Therapie absetzen

Auffallend war auch, dass sich in der Gruppe mit BCG-Impfung in den ersten 18 Monaten praktisch keine neuen T1-hypointensen Läsionen bildeten, es kam im Schnitt sogar zu einem leichten Rückgang der bestehenden Läsionen (minus 0,2), dagegen nahm die Zahl in der Kontrollgruppe zu (plus 1,0 Läsionen).

Schwere Nebenwirkungen traten während der Behandlung nicht auf, mit der Impfung kam es gelegentlich zu lokalen Hautreaktionen.

Bei 8 von 33 Patienten (24 Prozent) mit BCG setzten die Neurologen die immunmodulierende Therapie im Laufe der Studie wegen fehlender Krankheitszeichen ab, dies war dagegen nur bei 3 von 40 (7,5 Prozent) in der Kontrollgruppe der Fall.

Offenbar hatte die Impfung einen Teil der Patienten vor einer MS bewahrt.

Tür für neue MS-Therapien?

Die Studienautoren sehen in der BCG-Impfung einen kostengünstigen und simplen Ansatz, das MS-Risiko nach einem ersten demyelinisierenden Ereignis zu reduzieren. Die Therapie müsse nun in Phase-III-Studien geprüft werden.

In einem Kommentar zur Studie weisen die US-Neurologen Dennis Bourdette und Robert Naismith von der Washington University in St. Louis darauf hin, dass Ärzte BCG nicht off-label bei CIS-Patienten oder gar MS-Patienten verwenden sollten (Neurology 2013; online 4. Dezember).

Noch seien Wirksamkeit und Sicherheit nicht ausreichend geprüft, auch sei unklar, ob es bei wiederholten Impfungen zu Gesundheitsproblemen komme.

Bei Patienten, die bereits eine immunmodulierende oder -supprimierende Therapie erhalten, sei die Verwendung eines Lebendimpfstoffes besonders problematisch. Hierfür sollten besser Ansätze mit toten Bakterien oder Protein-basierten Vakzinen entwickelt werden.

Die beiden Neurologen sehen in der Bazillentherapie jedoch einen interessanten Ansatz, der "die Tür für neue MS-Therapien öffnen könnte". (mut)

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