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HINTERGRUND

Verstopfung ist kein Problem nur alter Menschen - auch jedes fünfte Kind kommt nicht zu Potte

Von Nicola Siegmund-Schultze Veröffentlicht:

Obstipation wird meist als Problem im höheren Lebensalter angesehen. In der Tat haben etwa vier von zehn Menschen, die 60 Jahre oder älter sind, eine verminderte Stuhlfrequenz, verbunden mit hartem Stuhl und Schmerzen beim Stuhlgang. Aber auch Kinder sind oft verstopft.

15 bis 20 Prozent der Kinder leiden unter Obstipation, berichtete Professor Marc Benninga von der Abteilung für pädiatrische Gastroenterologie der Uni Amsterdam bei einer Fortbildungsveranstaltung in Duisburg. Zu der Veranstaltung hatte das Marburger Unternehmen Norgine eingeladen. Bei vier von zehn betroffenen Kindern treten die Beschwerden schon im ersten Lebensjahr auf.

Wichtigstes Symptom sind bei Kindern Schmerzen beim Stuhlgang, bei Säuglingen vor allem Schmerz im Abdomen. Der Darm entleert sich bei obstipierten Kindern meist nur ein- bis zwei Mal pro Woche. Sehr oft geht mit Obstipation ein Kotstau einher, tastbar im linken Unterbauch. Der Sphinktertonus ist schlaff oder normal, die Ampulle gefüllt.

Der Enddarm muß gereinigt und kotfrei gehalten werden

"Jedes vierte Kind, das zum pädiatrischen Gastroenterologen kommt, ist chronisch verstopft, also seit vier bis sechs Wochen", so Professor Klaus-Michael Keller, Pädiater an der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden. Am wichtigsten bei der Therapie: Den Enddarm vom Kot zu reinigen und sauber zu halten. Denn normalerweise befindet sich im Rektum kein Stuhl. Was kann getan werden? "Man kann versuchen, eine akute Obstipation beim Kleinkind zunächst mit Hausrezepten zu beheben", erläuterte Keller im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Zum Beispiel mit einem warmen Bad nach dem Essen, wobei der Stuhl ruhig im Badewasser landen darf. Auch Einläufe oder Mikroklistiere seien probate Mittel, bei den Kindern allerdings verhaßt.

    Klistiere wirken bei Obstipation zwar gut, aber Kinder hassen die Prozedur.
   

"Die Möglichkeit, den Kotstau von oben aufzulösen, also oral, ist eine Alternative und ein großer Fortschritt", erläuterte Keller. Für die orale Behandlung eigneten sich gut synthetische Makrogole. Die langkettigen Kohlenhydrate (Polyethylenglykol) binden Wasser, machen den Stuhl weich und werden unverändert ausgeschieden. "Überzeugend" in Bezug auf die Wirkung als Abführmittel, aber auch für die länger andauernde Behandlung zum Weichhalten des Stuhls ist nach Kellers Worten die Studienlage zu PEG-haltigen Präparaten, die mit Elektrolyten angereichert sind (vom Unternehmen als Movicol® angeboten; für Kinder von zwei bis elf Jahren als Movicol Junior®).

Wichtig sei, die Obstipation bei Kindern so rasch wie möglich erfolgreich zu therapieren, um einen Teufelskreis zu vermeiden: nämlich daß der physiologische Entleerungsreflex bei den Kindern verloren geht und die Obstipation dann chronisch wird. Am Anfang dieses Teufelskreises steht meist eine akute Verstopfung. Betroffene Kinder erlebt den Stuhlgang als schmerzhaft. In der Folge versuchen sie, den Stuhl zurückzuhalten. Passiert dies häufiger, bilden sich immer größere Stuhlballen, der Enddarm erweitert sich langsam und löst keinen Entleerungsreflex mehr aus. "Beratung und Aufklärung der Eltern stehen da an erster Stelle", sagte Keller.

Die Kinder müßten die Möglichkeit haben, streßfrei auf die Toilette zu gehen, etwa ohne Zeitdruck. Und es gelte, wieder ein normales Stuhlverhalten zu konditionieren. Zum Beispiel, indem Kinder nach dem Essen auf die Toilette gehen. Wichtig sei aber, auch den Enddarm frei zu halten von Stuhl, damit der sekundär erweiterte Enddarm schrumpft und wieder ein normales Gefühl für den Stuhldrang entsteht.

Zur Vermeidung der Stuhlreakkumulation hätten sich PEG-Präparate plus Mineralsalze bewährt. Sie seien auch über längere Zeit sicher und effektiv zur Behandlung bei Kotstau und chronischer Obstipation bei Kindern. "Behandelt werden sollte solange, bis das Kind regelmäßig weichen Stuhl absetzt", betonte Keller. "Das kann ein halbes Jahr dauern, aber auch länger." Eine intensive Behandlung und Langzeitüberwachung der kleinen Patienten sei unbedingt erforderlich. Keller: "Es ist nicht davon auszugehen, daß sich das Problem mit der Pubertät auswächst." Selbst bei konsequenter Therapie hätten später noch etwa 30 Prozent im Erwachsenenalter Obstipation.

Was sind die Ursachen bei Kindern mit Obstipation? Mindestens 95 Prozent der Kinder haben keine organische Störung, sondern eine funktionelle, zum Beispiel durch seelische Belastung. Auch inadäquate Ernährung durch zuwenig Flüssigkeit, zu wenig ballaststoffreiche Nahrung und wenig Bewegung sind Ursachen; Allergien, Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Schilddrüsen- oder Nierenerkrankungen eher selten. Bei der Diagnostik sei es wichtig zu fragen, seit wann genau das Problem bestehe und ob es normale Intervalle gebe.

Bei Hirschsprung-Verdacht ab zum Kinder-Gastroenterologen!

Haben die Symptome schon in der Neugeborenenzeit begonnen und halten an, ohne daß es Intervalle mit normalem Stuhlgang gibt, sei auch an einen Morbus Hirschsprung zu denken, sagte Benninga. Diese Innervationsstörung finde sich bei einem von 5000 Lebendgeburten. Jungen sind viermal häufiger betroffen als Mädchen. Hauptmerkmal sei, daß sich das Kindspech erst später als 24 Stunden nach der Geburt entleert habe. Die Diagnosesicherung sollte ein pädiatrischer Gastroenterologe mache. "Ich persönlich bevorzuge die rektale Saugbiopsie als wenig invasive, kaum schmerzhafte und strahlungsvermeidende Methode", so Keller zur "Ärzte Zeitung". Es sollte möglichst ein Kinderpathologe die Gewebeproben untersuchen.

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