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COVID-19 und Myokardinfarkte

Vor allem NSTEMI-Patienten blieben zuhause

Die Versorgung von Infarktpatienten hat während der ersten COVID-19-Welle stark gelitten. Die Briten haben jetzt genauer analysiert, was passierte – auch um für kommende Wellen zu lernen.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
In England wurden die Krankenhauseinweisungen und Revaskularisationsprozeduren bei akutem Koronarsyndrom beziehungsweise Myokardinfarkt für den Zeitraum von Anfang Januar 2019 bis Ende Mai 2020 analysiert.

In England wurden die Krankenhauseinweisungen und Revaskularisationsprozeduren bei akutem Koronarsyndrom beziehungsweise Myokardinfarkt für den Zeitraum von Anfang Januar 2019 bis Ende Mai 2020 analysiert.

© psdesign1 / stock.adobe.com

Oxford. Das britische Gesundheitswesen verfügt über verschiedene Datenbanken, die eine sehr zeitnahe Analyse von Versorgungsprozessen erlauben. Die jetzt publizierte Analyse der Krankenhauseinweisungen und Revaskularisationsprozeduren bei akutem Koronarsyndrom (ACS) beziehungsweise Myokardinfarkt bezieht sich auf England und den Zeitraum von Anfang Januar 2019 bis Ende Mai 2020 (Lancet 2020; online 14. Juli).

40 Prozent weniger Klinikaufenthalte

Bezugsgröße der Analyse ist die mittlere Zahl an Klinikeinweisungen pro Woche im Jahr 2019. Verglichen damit waren die Krankenhauseinweisungen wegen ACS Ende März rund 40 Prozent geringer. Wurden nur die klar als solche klassifizierten Myokardinfarkte (STEMI und NSTEMI) betrachtet, betrug der Rückgang immer noch 35 Prozent.

Im Verlauf des April und Mai kamen dann wieder mehr Patienten mit ACS in die englischen Krankenhäuser. Allerdings war die Vorjahresquote Ende Mai noch immer nicht erreicht: Die Zahl der ACS-bedingten Hospitalisationen war auch knapp drei Monate nach Beginn der COVID-19-Pandemie noch 16 Prozent niedriger als im Mittel des Jahres 2019.

Der Rückgang war nicht allein Folge des Lockdowns. Vielmehr zeigen die englischen Zahlen, dass schon vier Wochen vor Beginn des Lockdowns und zwei Wochen vor dem ersten offiziellen COVID-19-Toten in Großbritannien weniger Patienten kamen. Dies spreche dafür, dass zumindest ein Teil der Infarktpatienten aus Angst lieber zuhause geblieben sei als in die Notaufnahme zu kommen.

Dazu passt auch, dass es einen Unterschied zwischen Patienten mit „großen“ ST-Hebungsinfarkten und NSTEMI-Patienten gab: Während die Zahl der Aufnahmen wegen STEMI Ende März „nur“ um 23 Prozent geringer war als im Mittel 2019, waren es beim NSTEMI 42 Prozent. Ende Mai waren die Aufnahmen wegen STEMI beziehungsweise NSTEMI noch um 10 Prozent beziehungsweise 24 Prozent geringer als im Vorjahr.

Rückgang aus psychologischen Gründen?

Die Briten können auch zeigen, dass sich das Management der ACS-Patienten in der Corona-Krise veränderte. Die mittlere Liegedauer der ACS-Patienten fiel von vier auf drei Tage. Beim NSTEMI fiel sie sogar von fünf auf drei Tage. Dies ging nicht mit einer höheren Krankenhaussterblichkeit einher.

Es gab auch eine klare Zunahme des Anteils der Patienten, die sofort am Aufnahmetag eine perkutane Intervention erhielten. Tatsächlich betrifft der Abfall bei den koronaren Prozeduren in erster Linie die Angiographien und die PCI-Interventionen jenseits des Aufnahmetags. Die Zahl der PCI am Aufnahmetag war – bei deutlich niedrigerer Gesamtpatientenzahl – nahezu konstant.

Psychologische Gründe

Insgesamt gehen die Autoren davon aus, dass der Rückgang im Wesentlichen psychologische Gründe hatte, sprich eine Folge der Angst vor Ansteckung in medizinischen Einrichtungen war. Dass sich die Klinikaufnahmen noch während des Lockdowns teilweise normalisierten, spreche dagegen, dass veränderte körperliche Aktivität oder geändertes Stressempfinden eine große Rolle spielten.

Als besondere Stärke ihrer Untersuchung sehen die Briten die Größe der Datenbasis an, die anders als ähnliche Analysen aus Österreich und Italien ein landesweites Bild erlaubt. Sie wollen die Daten bis auf weiteres wöchentlich fortschreiben.

Bei künftigen Corona-Wellen gelte es, die Bevölkerung stärker dafür zu sensibilisieren, dass bei Angina-Symptomen auch übertriebene Angst vor Ansteckung lebensgefährlich sein kann.

Mehr Informationen zur Kardiologie gibt es auf: www.springermedizin.de

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