Epidemiologie

Was Frauen und Männer beim Schlaganfall unterscheidet

Bluthochdruck in der Schwangerschaft, späte Menopause sowie Früh- und Totgeburten erhöhen das Schlaganfallrisiko bei Frauen. Bei Männern sind es Potenz- und Prostataprobleme.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Bluthochdruck in der Schwangerschaft ist ein wichtiger Schlaganfall-Risikofaktor.

Bluthochdruck in der Schwangerschaft ist ein wichtiger Schlaganfall-Risikofaktor.

© baka32 / Fotolia

UTRECHT. Ein Großteil des Schlaganfallrisikos lässt sich auf Faktoren zurückführen, die Frauen und Männer gleichermaßen betreffen, etwa Rauchen, Hypertonie und Bewegungsmangel. Das erhöhte Schlaganfallrisiko von Männern im Vergleich zu Frauen wird zu einem guten Teil damit erklärt, dass Männer einen ungesünderen Lebensstil pflegen. Allerdings reichen Lebensstildifferenzen als Erklärung nicht aus, es muss auch relevante geschlechtsspezifische Schutz- und Risikofaktoren geben.

Um welche es sich dabei handelt, haben Neurologen um Dr. Michiel Poorthuis von der Universität in Utrecht anhand einer großen Metaanalyse eruiert (JAMA Neurol. 2017; 74(1): 75-81). Sie schauten gezielt nach Risiken, die nur Männer oder nur Frauen betreffen. Letztlich handelt es sich dabei um Faktoren, die in irgendeiner Weise mit Reproduktion und Reproduktionsorganen zu tun haben.

Gut bekannt ist etwa das erhöhte Risiko für einen ischämischen Schlaganfall unter oralen Kontrazeptiva. Mit ihrer Analyse von 78 Studien, an denen über zehn Millionen Personen teilnahmen, wollten sie noch weitere solcher Faktoren dingfest machen. Soweit möglich, versuchten sie die Angaben der 70 Longitudinal- und acht Fall-Kontroll-Studien in einen Topf zu werfen und daraus Schlaganfallrisiken zu berechnen.

Die wesentlichen Ergebnisse:

  • Eine späte Menopause erhöht das Risiko für eine Hirnblutung. Tritt die Menopause erst mit 55 Jahren oder danach auf, ist die Gefahr für einen hämorrhagischen Insult 2,4-fach höher als bei einer Menopause zwischen 50 und 54 Jahren, gleichzeitig ist das Risiko für einen ischämischen Insult um knapp ein Drittel verringert. Bei einer Menopause vor dem 50. Lebensjahr ist die Gefahr für jeglichen Schlaganfall tendenziell reduziert, allerdings ergeben sich hier keine statistisch signifikanten Differenzen. Insgesamt ist die Gefahr, an einem Schlaganfall zu sterben, bei später Menopause tendenziell um 23 Prozent reduziert. Beginnt die Menarche erst mit 16 oder 17 Jahren, scheint dies nach Daten einer der Studien vor einer Hirnblutung zu schützen.
  • Bluthochdruck in der Schwangerschaft erhöht die Schlaganfallgefahr. Bei Frauen, die einmal eine Hypertonie in der Schwangerschaft hatten, ist das Risiko für einen ischämischen Infarkt um 80 Prozent gesteigert, für einen hämorrhagischen Insult ist es gar fünffach erhöht. Die Gefahr, an irgendeinem Schlaganfall zu sterben, ist den Berechnungen zufolge um knapp 60 Prozent größer.
  • Eine Ovariektomie verstärkt, eine Hysterektomie verringert das Risiko. Frauen, denen die Ovarien entfernt wurden, tragen ein 42 Prozent höheres Risiko für Schlaganfälle aller Art, bei einer Hysterektomie ist das Risiko um 12 Prozent geringer als bei Frauen mit intakten Geschlechtsorganen. Allerdings beruhen die Berechnungen nur auf wenigen Studien.
  • Früh- und Totgeburten sind ein Indikator für eine erhöhte Schlaganfallgefahr. So ist das Risiko für Schlaganfälle allgemein nach einer Frühgeburt um rund 60 Prozent, nach einer Totgeburt um fast 90 Prozent erhöht. Die Zahl der Geburten ist wohl ebenfalls relevant. Am wenigsten müssen sich Frauen mit zwei Geburten fürchten, darunter oder darüber scheint die Schlaganfallgefahr zu steigen.
  • Geschlechtshormone schützen Männer. Offenbar wirken Testosteron und andere Geschlechtshormone bei Männern protektiv. Nach einer Androgendeprivation oder einer Orchiektomie ist die Gefahr eines ischämischen Insults um 20 Prozent erhöht. In einer der Studien gingen zudem hohe Testosteronspiegel mit einer reduzierten Rate von Schlaganfällen jeglicher Art einher.
  • Potenzschwäche deutet auf ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle. Männer mit einer erektilen Dysfunktion erleiden etwa 35 Prozent häufiger einen Schlaganfall jeglicher Art als potente Männer.

Wie die einzelnen Faktoren genau mit dem Schlaganfallrisiko zusammenhängen, ist häufig unklar. Eine erektile Dysfunktion lässt sich oft als Zeichen einer vaskulären Erkrankung deuten, weniger offensichtlich ist hingegen die Verbindung zu Schwangerschaftskomplikationen. Die Neurologen um Poorthuis vermuten einerseits eine gemeinsame Veranlagung, andererseits könnte ein entgleister Blutdruck in der Schwangerschaft das vaskuläre Risiko dauerhaft erhöhen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Das könnte Sie auch interessieren
Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

© DG FotoStock / shutterstock

Update

Neue Podcast-Folgen

Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Herz mit aufgemalter Spritze neben Arm

© Ratana21 / shutterstock

Studie im Fokus

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Prävention durch Influenzaimpfung?

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Junge Frau spricht mit einer Freundin im Bus

© skynesher | E+ | Geytty Images

Update

Impflücken bei Chronikern

Chronisch krank? Grippeimpfung kann Leben retten

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
SCD-PROTECT-Studie-- Frühe Phase nach Diagnose einer Herzinsuffizienz – deutlich höheres Risiko für den plötzlichen Herztod als in der chronischen Phase.

© Zoll CMS

SCD-Schutz in früher HF-Phase

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: ZOLL CMS GmbH, Köln
Abb. 1: Risikoreduktion durch Bempedoinsäure gegenüber Placebo in der CLEAR-Outcomes-Studie für den primären 4-Komponenten-Endpunkt (A) und den sekundären 3-Komponenten-Endpunkt (B) stratifiziert nach Diabetes-Status

© Springer Medizin Verlag

Diabetes mellitus

Bempedoinsäure: Benefit für Hochrisiko-Kollektive

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Daiichi Sankyo Deutschland GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

KI verweigert Assistenz beim Suizid

Fallbeispiel: ChatGPT empfahl ärztliche Hilfe bei Psychose

Team- und Patientenschutz

Hygieneplan für die Praxis – was zählt!

Medizinische Rehabilitation

Wie Ärzte beim beim Reha-Antrag unterstützen können

Lesetipps
Illustration eines Kolonkarzinoms

© Sebastian Kaulitzki - stock.adobe.com

Stiftung Lebensblicke

Darmkrebs bei jungen Menschen: Entwarnung für Deutschland

Diabetespatientin spritzt sich Insulin mit Insulinpen

© Goffkein / stock.adobe.com

Wenig bekannte Insulinkomplikation

Vorsicht bei Insulininjektionen: Nicht immer dieselbe Stelle nehmen

Eine kalorienarme, pflanzenbasierte Kost für mehrere Tage am Stück pro Monat kann Patienten und Patientinnen mit Morbus Crohn bei der Remission helfen.

© rh2010 / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Morbus Crohn: In nur fünf Tagen per Diät zur Remission?