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"Weinen verschafft Ihnen die beste Ekstase, die sie je hatten"

Von Lars Nicolaysen Veröffentlicht:

Wenn sich gestreßte Japaner einmal richtig entspannen wollen, dann fangen viele neuerdings an zu heulen. Weinen sorgt in dem asiatischen Land als Therapie gegen Streß derzeit für Gesprächsstoff. Es gibt sogar Seminare, in denen man das Weinen übt, damit es einem anschließend besser geht. Zeitungen empfehlen ihren Lesern, öfter mal die Tränen fließen zu lassen. "Weinen verschafft Ihnen die beste Ekstase, die sie je hatten", schrieb kürzlich das japanische Monatsmagazin "Dakapo".

Der neue Trend mag erstaunen, ist Japan doch als eine auf Formen bedachte und harmoniebetonte Gesellschaft bekannt, in der Gefühle nur selten gezeigt werden. Viele erklären den "Tränen-Boom" mit herzzerreißenden TV-Melodramen aus Südkorea, die in Japan seit einigen Jahren einen riesigen Erfolg feiern.

Vor allem japanische Frauen mittleren Alters, die derart emotional geladene Dramen aus ihrem eigenen Land bis dahin nicht kannten, schmelzen bei den südkoreanischen Romanzen nur so dahin. Seither ziehen japanische Fernseh- und Filmproduzenten mit eigenen herzerweichenden Produktionen nach.

Doch der Korea-Boom ist nicht die einzige Erklärung für die neue Vorliebe der Japaner fürs Weinen. Hinzu kommt das Bedürfnis nach Gefühlsausdruck im sonst oft emotionslosen Alltag. Ein Viertel der etwa 1800 von der Zeitung "Asahi Shimbun" Befragten gab kürzlich an, sich nach einem kräftigen Weinen schon mal erleichtert gefühlt zu haben.

"Wenn sich bei mir Erschöpfung breitmacht, dann sage ich mir, los, jetzt weinen wir eine Runde", erzählte Yasushi Kamata der Zeitung "Sankei Shimbun". Der 39jährige Internet-Manager betreibt eine "Laß uns weinen"-Seite im Internet. Um die Tränen zum Laufen zu bringen, empfiehlt er, sich regelmäßig rührende Filme anzuschauen. Die Video-Verleihkette Tsutaya hat im Tokioter Szene-Viertel Shibuya extra eine eigene Abteilung mit Filmen eingerichtet, die geeignet seien, Leute zu Tränen zu rühren.

Zeitungen wie die "Mainichi Shimbun" empfehlen ihren Lesern ebenfalls, sich mal tüchtig auszuweinen. Das gebe einem fast das gleiche erfrischende Gefühl wie sportliches Training. "Die Leute begannen, die Bedeutung des Weinens zu erkennen, als sie unter der harten Konkurrenz in der japanischen Gesellschaft litten", erklärte der Experte Shinichi Yoshino dem Blatt.

In den 90er Jahren, als Japan unter einer Rezession litt, war es umgekehrt. Damals hieß es, die Japaner müßten lernen, zu lächeln und den Kunden in die Augen zu schauen. Firmen schickten ihre Angestellten in Lächel-Kurse, bei denen sie auf Stäbchen beißen oder sich Plastikspannfedern in den Mund klemmen mußten. Da mögen manchem vor Lachen die Tränen gekommen sein. (dpa)

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