Kasuistik nach Konsum

Wenn Kokain auf Herz und Brust schlägt

Down nach dem High: Ein junger Mann kommt mit plötzlich aufgetretenen Brustschmerzen in die Notaufnahme. Er räumt ein, am Tag zuvor Kokain konsumiert zu haben. Die kardiologische Diagnostik ergibt einen überraschenden Befund.

Dr. Robert BublakVon Dr. Robert Bublak Veröffentlicht:
Herz aus Kokain: Nach dem Kokainkonsum kann es zu Beschwerden in Brust- und Herzbereich kommen.

Herz aus Kokain: Nach dem Kokainkonsum kann es zu Beschwerden in Brust- und Herzbereich kommen.

© tadicc1989 / stock.adobe.com

ANTWERPEN. Es ist gar nicht so selten, dass Kokainkonsumenten nach dem ersten High ziemlich down sind und in der Notaufnahme landen. Das liegt an kardiovaskulären und respiratorischen Effekten der Droge; die Fallzahlen steigen. Brustschmerzen stellen dabei die Hauptmanifestation dar.

Kokain wirkt auf den Sympathikus, die Gefäße werden enger, der Blutdruck steigt, es kommt zu Tachykardien und Arrhythmien. Kardiale Tachyarrhythmien und akute Herzinfarkte sind die häufigsten kardiovaskulären Komplikationen, die von Kokain ausgelöst werden. Doch es gibt auch andere Gründe für Brustschmerzen nach dem Schnupfen von Kokain, wie ein Fallbericht aus Belgien belegt (Case Rep Cardiol 2019, online 20. Februar).

Der Kardiologe Xavier Galloo von der Middelheim-Klinik im Krankenhausnetz von Antwerpen hat zusammen mit Kollegen den Fall eines 29-jährigen Patienten geschildert. In der Notaufnahme klagte der Mann über retrosternale Brustschmerzen, die plötzlich eingesetzt hätten, und lokalisierte Nackenschmerzen. Ein Ausstrahlen der Beschwerden verneinte er.

Der junge Mann hat keinerlei bekannte Vorerkrankungen. Er nimmt auch keine Medikamente ein, raucht aber seit seiner Teenagerzeit regelmäßig Marihuana. Nach Kokain befragt, gibt er an, die Droge zweimal konsumiert zu haben, letztmals am Abend zuvor. Nach dem Schnupfen der Prise habe er Brustschmerzen und Herzklopfen bekommen.

Um Remedur zu schaffen, habe er daraufhin einen Joint geraucht. Am Morgen habe er immer noch Schmerzen gehabt, es dann erfolglos mit Paracetamol probiert und schließlich die Notaufnahme aufgesucht.

Luft im Perikard

Labor und EKG fördern außer einer nicht kompensierten Alkalose mit einem pH-Wert von 7,50 nichts Auffälliges zutage. Ergiebiger ist die radiologische Diagnostik. Die Thoraxaufnahme ergibt Hinweise auf ein Pneumomediastinum und ein rechtsseitiges leichtes subkutanes Emphysem in der Nackenregion.

Im mittleren Mediastinum ist Luft eingeschlossen. Die anschließende Computertomografie des Thorax bestätigt das subkutane Emphysem, ein ausgedehntes Pneumomediastinum, einen geringgradigen Pneumothorax – und ein Pneumoperikard.

Der Patient wird stationär aufgenommen, gegen die Schmerzen bekommt er Paracetamol und Tramadol. Am nächsten Morgen sind die Schmerzen weg, der Patient kann entlassen werden und soll zwei Wochen später zur Kontroll-CT erscheinen. Das tut er auch – und die Bilder zeigen, dass sich sämtliche freie Luft im Thorax verflüchtigt hat.

Neun ähnliche Fälle

Bleibt die Frage, wie die Luft überhaupt dorthin gekommen war. Die medizinische Literatur kennt bis dato neun ähnliche Fälle nach Kokainkonsum. Es ist nicht ganz klar, ob die Luft im Perikard auf feste Bestandteile im kristallinen Pulver zurückgeht, die mikroskopische Verletzungen von Luft- oder Speiseröhre verursachen, oder ob ein Barotrauma der Auslöser ist.

Falls Letzteres, führt die abrupte Erhöhung des intraalveolären Drucks zur Alveolenruptur, die Luft breitet sich dann entlang der bronchovaskulären Scheiden bis ins pulmonale Interstitium, das Mediastinum und die Perikardhöhle aus.

Zu dieser Erklärung neigen Galloo und Kollegen im Fall ihres jungen Patienten. Obwohl der verneint, gehustet, erbrochen, lang anhaltend inhaliert oder den intrathorakalen Druck Valsalva-artig erhöht zu haben, glauben die belgischen Mediziner, dass der plötzlich erhöhte intraalveoläre Druck beim Schnupfen des Kokains die folgenden Probleme verursacht hat.

Abwartendes Vorgehen sei in solchen Fällen angebracht, da Befunde und Beschwerden meist von selbst verschwänden.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1-- Zeit bis zum ersten Ereignis (Tod durch jegliche Ursache oder kardiovaskuläres Ereignisb) in der Gesamtpopulation (a) bzw. in der Monotherapie-Population (b).

© Springer Medizin Verlag

Mit Vutrisiran früh kausal behandeln

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
SCD-PROTECT-Studie-- Frühe Phase nach Diagnose einer Herzinsuffizienz – deutlich höheres Risiko für den plötzlichen Herztod als in der chronischen Phase.

© Zoll CMS

SCD-Schutz in früher HF-Phase

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: ZOLL CMS GmbH, Köln
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Juristische Fallstricke

So lassen sich Haftungsrisiken in der Hausarztpraxis minimieren

Sie fragen – Experten antworten

Pertussis: Auch die Großeltern impfen?

Lesetipps
Lungenfunktionsuntersuchung

© Viktor Koldunov / stock.adobe.co

Vernarbung und Fibrosierung

Interstitielle Lungenerkrankung: Die Nachwehen von COVID-19