Wettrennen zwischen Psycho- und Kardiopharmaka

Der Nutzen von Psychopharmaka wird immer mal wieder in Frage gestellt: Nur wenige sind besser als Placebo und, nur wenige Patienten profitieren davon, heißt es dann. Was ist dran an solchen Vorwürfen?

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BERLIN (mut). Arzneien in der Psychiatrie geraten immer wieder ins Kreuzfeuer: So behaupteten zum Beispiel Autoren einer Metaanalyse vor einigen Jahren, Antidepressiva hätten nur bei schwer Depressiven einen klinisch relevanten Nutzen.

Beim DGPPN-Kongress in Berlin hat nun Professor Stefan Leucht von der TU München eine Datenanalyse präsentiert, nach der sich die Behauptung kaum aufrecht erhalten lässt, dass Arzneien in der Psychiatrie weniger wirksam seien als etwa in der internistischen Medizin.

Leucht und sein Team hatten sich 33 Metaanalysen zu 16 Arzneien aus der Psychiatrie genauer angeschaut und die Ergebnisse mit denen von 91 Metaanalysen zu 48 Arzneien aus anderen Fachbereichen verglichen.

Diverse Parameter verglichen

Vergleichskriterien waren die absoluten Effektraten, also welcher Anteil der Teilnehmer in den Placebo- und Verumgruppen profitierte, die Numbers Needed to Treat (NNT), also wie viele Patienten man im Mittel behandeln muss, damit bei einem der gewünschte Effekt auftritt, sowie die Effektstärke.

Eine Effektstärke von 0,2 gilt als gering, bei 0,5 ist der Therapieeffekt mittelgroß, ab 0,8 groß.

Antidepressiva schnitten mit einer Effektstärke von 0,3 und einer NNT von 7 bis 10 in der Akuttherapie tatsächlich etwas schlechter ab, doch die Werte bei der Erhaltungstherapie waren mit einer NNT von 4 bis 5 wiederum relativ gut.

Dagegen sahen einige etablierte kardiovaskuläre Therapien weniger gut aus. So ist selbst bei einer Thrombolyse bei Schlaganfall eine NNT von 20 nötig, um Tod oder Unselbstständigkeit zu vermeiden.

Streuung der Ergebnisse ähnelt sicht

Mit Statinen ließ sich zwar relativ betrachtet in vielen Studien die Rate kardiovaskulär bedingter Ereignisse oder Sterbefälle um ein Drittel reduzieren, die absoluten Unterschiede zwischen Placebo und Verum lagen jedoch meist im einstelligen Bereich, sodass Leucht hier bei Ereignissen wie Herzinfarkt und Schlaganfall auf eine NNT von 27 und bei der Mortalität von 83 kommt.

Gut schneidet dagegen die Effektivität einer L-Dopa-Therapie ab (NNT von 1 beim Ansprechen), im mittleren Bereich liegen die Schubreduktion mit Interferonen bei MS (NNT von 7) oder die Migränetherapie (NNT von 5 beim Kriterium "schmerzfrei nach zwei Stunden").

Insgesamt ergab die Analyse von Leucht eine ähnliche Streuung der Effektstärke bei Arzneien in der Psychiatrie wie bei solchen in anderen Disziplinen.

Das Argument, dass es in der Herzkeislaufmedizin um harte Zielkriterien wie Mortalität und lebensbedrohliche Ereignisse gehe, wohingegen in der Psychiatrie eher weiche Kriterien wie Ansprechraten dominierten, wollte Leucht nicht gelten lassen.

Wenn bei einem Depressiven die Symptome deutlich zurückgehen und damit sein Leiden gelindert werde, dann sei das eigentliche Ziel der Therapie erreicht und diese als wirksam zu betrachten.

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