Direkt zum Inhaltsbereich

INTERVIEW

"Wir müssen in Deutschland auf MRSA reagieren"

Methicillin-resistente Staphylokokken (MRSA) galten bislang hauptsächlich als Krankenhaus-Problem. Doch jetzt hat eine US-Studie für Aufregung gesorgt, wonach sich außerhalb von Krankenhäusern sogenannte community MRSA-Stämme (cMRSA) rasch ausbreiten. Auch in Deutschland sei Wachsamkeit geboten, sagt Professor Wolfgang Witte vom Nationalen Referenzzentrum für Staphylokokken des Robert-Koch-Institutes. Mit ihm sprach unser Mitarbeiter Thomas Meißner.

Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: In elf Großstädten der USA hat man festgestellt, daß MRSA inzwischen die häufigste Ursache für Haut- und Weichteilinfektionen sind. Wie sieht die Situation in Deutschland aus?

Witte: In Deutschland haben wir für MRSA keine Meldepflicht. Zum großen Teil werden die Erreger bei Haut- und Weichteilinfektionen nicht gezielt nachgewiesen. Erfaßt werden also nur die Keime aus komplizierten Infektionsverläufen. In einer Studie der Universitätshautklinik in Heidelberg gemeinsam mit uns traten unter 248 Patienten mit Haut- und Weichteilinfektionen bei 7,2 Prozent MRSA auf. Nur 1,6 Prozent waren mit cMRSA infiziert. Das ist viel seltener als in den USA. Der Anteil von cMRSA an MRSA insgesamt liegt bei zwei bis drei Prozent.

Ärzte Zeitung: Mediziner aus den USA berichten, daß die Ausbreitung landesweit sehr rasch vonstatten gegangen ist. Kennt man die Gründe dafür?

Witte: Staphylokokken werden überwiegend durch direkten Kontakt übertragen. Bei lokal gehäuftem Auftreten in den USA wurde die Übertragung zwischen Leistungssportlern, Marinesoldaten sowie unter Saunabesuchern festgestellt. Außerdem scheinen besonders sozial benachteiligte Menschen, die unter schlechten hygienischen Verhältnissen leben, betroffen zu sein, etwa Rauschgiftsüchtige oder Gefängnisinsassen. In Deutschland treten lokal begrenzt Infektionen gehäuft auf, etwa in Familien oder in einzelnen Kommunen. Eine massenhafte Ausbreitung gibt es hier bisher nicht.

Ärzte Zeitung: Berichtet wird auch über cMRSA-Träger, die nicht erkrankt sind. Spielt die individuelle Anfälligkeit eine Rolle?

Witte: In uns bekannten Familien kamen auf vier mit cMRSA besiedelte Personen ein bis zwei mit Symptomen! Das heißt, cMRSA können bei bestimmten Eigenschaften des Bakteriums sehr kontagiös sein! Deswegen sind fast immer auch Angehörige der Patienten befallen, die in die Diagnostik und Therapie einbezogen werden müssen. cMRSA bilden typischerweise das Toxin Panton-Valentin-Leukozidin (PVL) und sind deshalb im Hinblick auf tiefgehende Haut-Weichgewebeinfektionen deutlich virulenter als andere S. aureus. Aus Haut-Weichgewebeinfektionen mit cMRSA kann sich eine nekrotisierende Fasziitis entwickeln. PVL-bildende Stämme von S. aureus verursachen selten auch eine nekrotisierende Pneumonie. Diese hat einen schweren Verlauf und endet tödlich, wenn nicht frühzeitig adäquate antibiotisch behandelt wird. Ein Problem ist, daß cMRSA-Stämme in Krankenhäuser eingeschleppt werden können. In Deutschland ist das bisher zweimal bekannt geworden, hat aber infolge wirksamer Krankenhaushygiene nicht zur weiteren Ausbreitung geführt. cMRSA sind also auch bei uns eine drohende Gefahr. Wir müssen reagieren, sonst werden MRSA etwas Allgegenwärtiges.

Ärzte Zeitung: Läßt sich die Ausbreitung von cMRSA verhindern?

   
"Fast immer sind auch Angehörige der MRSA-Patienten befallen"
   

Witte: Ich denke schon, wenn grundlegende Hygienemaßnahmen im privaten Umfeld von Patienten eingehalten und wenn Hygienestandards in Arztpraxen und Krankenhäusern konsequent beachtet werden. Dafür spricht, daß es in Europa bislang keine großen cMRSA-Ausbrüche gegeben hat. Bislang waren hauptsächlich Ballungsräume betroffen. Ich rate jedoch, Furunkel, die zu einer ärztlichen Intervention Anlaß geben, auf jeden Fall mikrobiologisch zu untersuchen. Kollegen sollten auch daran denken, daß Haut- und Weichteilinfektionen häufig von Staphylokokken verursacht werden. Dafür sind Diabetiker übrigens besonders anfällig.

Ärzte Zeitung: Wie sehen die Behandlungsoptionen aus?

Witte: Betalaktam-Antibiotika sind gegen MRSA nicht wirksam. cMRSA sind allerdings noch gegen einige andere Antibiotika empfindlich. Für die Behandlung von Haut-Weichgewebeinfektionen hat sich die Kombination von Rifampicin mit Cotrimoxazol als wirksam erwiesen, bei Resistenz wäre Linezolid eine Alternative.

Ärzte Zeitung: Wie sollte man bei purulenten Haut- und Weichteilinfekten vorgehen?

Witte: Im Vordergrund steht die adäquate chirurgische Behandlung und die mikrobiologische Diagnostik. Ob Antibiotika gegeben werden, ist von der klinischen Situation abhängig. Bei kleinen Solitärfurunkeln erfolgt oft keine antibiotische Behandlung, Ausnahmen sind Lippen-, Nasen- und Augenlidfurunkel. Werden cMRSA festgestellt, sollte durch die systemische Antibiotika-Therapie der Erreger eradiziert werden. Besteht eine nasale cMRSA-Besiedlung, muß sie beseitigt werden. Nach wie vor ist dafür die Mupirocin-Salbe das Mittel der ersten Wahl. Weiter ist es erforderlich, Kontaktpersonen in häuslichen Lebensgemeinschaften auf cMRSA-Besiedlung zu untersuchen. Das Waschen der unmittelbar auf der Haut getragenen Wäsche bei Temperaturen mindestens 60°C mit einem Vollwaschmittel ist anzuraten. Im Umfeld des Patienten, in der Arztpraxis und im Krankenhaus muß mit Hygienemaßnahmen die weitere Verbreitung der Keime verhindert werden.

Ärzte Zeitung: Trägt ein übermäßiger Antibiotika-Gebrauch ebenfalls zur Ausbreitung von cMRSA bei?

   
"Mit Hygiene-
maßnahmen in Praxis und Klinik kann die Verbreitung der Keime verhindert werden"
   

Witte: Nach Erkenntnissen unserer US-Kollegen ja. Wir haben allerdings dafür bisher keine Anhaltspunkte. Die Patienten in Deutschland waren überwiegend kerngesunde Leute, die dann plötzlich einen Abszeß oder ein Furunkel hatten.

Ärzte Zeitung: Brauchen wir angesichts der sich immer weiter ausbreitenden Antibiotika-resistenten Staphylokokken neue Behandlungsstrategien?

Witte: Die Antibiotika-Therapie ist natürlich nach wie vor unverzichtbar. Bisherige Ansätze zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen Staphylococcus aureus waren noch nicht erfolgreich. Eine weitere Strategie ist es, mit Hilfe der Biotechnologie harmlose Konkurrenzbesiedler zu entwickeln, die die Krankheitserreger verdrängen. Erneut nachgedacht wird auch über den Einsatz von Bakteriophagen, die bakterielle Infektionserreger lysieren.

Hygienetips des RKI zu MRSA gibt es unter www.rki.de, dort bei Infektionsschutz; Krankenhaushygiene; Informationen zu ausgewählten Erregern.

Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

© EAU

Ergänzung EAU-Leitlinie 2026

Neue Empfehlung zu HWI und Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

© robertprzybysz | iStock

Persistierende Onychomykosen

Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

© Domepitipat | iStock

Lebensqualität zurückgewinnen

Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Pityriasis versicolor

© iStock / C5C

Kleienpilzflechte im Sommer

Pityriasis versicolor sicher erkennen und gezielt behandeln

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

© APOGEPHA Arzneimittel GmbH | Generated by AI

Überaktive Blase

Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APOGEPHA Arzneimittel GmbH, Dresden
Abb. 1: MS-Krankheitsdynamik: Patientinnen und Patienten bewegen sich von frühen Stadien über Phasen fokaler Entzündung in fortgeschrittene, meist irreversible Stadien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [4]

Multiple Sklerose heute

Praxisrelevante Daten im Fokus

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

© Kateryna_Kon / stock.adobe.com

PPAR-Isoform-Selektivität: wissenschaftliche Grundlagen und klinische Relevanz

Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Planegg-Martinsried
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Mikrobiomforschung

Atemwegs-Dysbiose befeuert Lungenerkrankungen

Weniger Spätkomplikationen

Frühe HbA1c-Kontrolle zahlt sich aus

Lesetipps
Eine Frau sitzt am Tisch und misst ihren Blutzucker am linken Zeigefinger.

© Felippe Lopes / Generated with AI / Stock.adobe.com

Potenzielle Über- und Untertherapie

Medikation des Typ-2-Diabetes wird im Alter zu selten angepasst