"Wir übernehmen Verantwortung für uns selbst und für andere"

BERLIN. Etwa 25 Jahre nach den ersten in Deutschland registrierten HIV-Infektionen beobachten Hilfsorganisationen eine zunehmende Diskriminierung und Stigmatisierung von Aidskranken. Und die Zahl der Menschen mit HIV und Aids steigt weiter.

Von Bülent Erdogan Veröffentlicht:

HIV/Aids bleibt in Deutschland weiter auf dem Vormarsch. Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin geht in diesem Jahr von 3000 Neuinfektionen aus, nach 2638 im Jahr 2006. Im Jahr 2000 waren es knapp 1500.

Das gesellschaftliche Klima gegenüber den Infizierten wird unterdessen offenbar wieder rauer. So beklagt Sven Christian Finke, Vorstandmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe, dass HIV-Infizierte ihre Krankheit aus Angst vor Diskriminierung oder dem Verlust des Arbeitsplatzes zunehmend wieder verschweigen müssen. Die Infektion bedeute für viele das Ende ihrer beruflichen Karriere.

Homosexuelle Männer haben weiter das höchste Risiko

Zwar verlängerten die heute verfügbaren antiviralen Therapien das Leben, doch damit auch "ein Leben in Armut", meint auch Dr. Ulrich Heide, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Aids-Stiftung. Seit ihrer Gründung 1987 hat die Stiftung insgesamt 62 000 Mal HIV-Infizierten in Notlagen geholfen, sei es mit einer Waschmaschine, mit neuer Kleidung oder Geld für den Umzug in eine andere Wohnung, sagt Heide.

Verschärft werde die Situation dadurch, dass der Staat seine Hilfen in den vergangenen Jahren weiter zurückgefahren habe, so Heide. Zudem verweigerten die Kommunen oft Leistungen für Aidskranke.

Besondere Sorgen bereitet den Experten die Entwicklung bei Männern, die mit Männern Sex haben. Sie sind mit etwa 34 500 Personen die größte Gruppe unter den derzeit etwa 59 000 Menschen mit HIV/Aids in der Bundesrepublik. Das RKI geht davon aus, dass über 70 Prozent aller Neuinfizierten Männer sein werden, die gleichgeschlechtlichen Sex haben. Mit 20 Prozent folgen Infektionen über heterosexuelle Kontakte und sieben Prozent über verunreinigtes Drogenbesteck.

Als eine der Ursachen für die steigende Zahl von Neuinfektionen nennt Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die zunehmende Sorglosigkeit von älteren Homosexuellen über 50 Jahren - und das weltweit. Eine genaue Erklärung hat sie nicht. Vielleicht liege das an der jahrzehntelang erfahrenen Diskriminierung, die dann irgendwann zur Haltung führe "Jetzt ist es auch egal", vermutet sie.

Finke führt als weitere Gründe eine Überschätzung der Therapieerfolge und den inzwischen langen Abstand zwischen Infektion und Tod an. Dies führe zu Präventionsmüdigkeit. Die AIDS-Hilfe will daher ihre Aufklärungsarbeit unter den Homosexuellen im kommenden Jahr noch verstärken.

Die zweite Problemgruppe sind Schmidt zufolge Menschen mit Migrationshintergrund. So seien 20 bis 25 Prozent aller HIV-Infizierten ausländischer Herkunft, so die Ministerin. Unter diesen ist die Not offenbar besonders groß. So haben 30 bis 40 Prozent derjenigen, die bei der Aids-Stiftung Hilfen beantragen, ausländische Wurzeln, berichtet Heide.

68 Prozent der Jugendlichen nutzen Kondome

Noch fehlt den Gesundheitsbehörden und den Hilfsorganisationen anscheinend der richtige Draht zu den Migranten, um über HIV/Aids aufzuklären. Modellprojekte und Kampagnen sollen dem jetzt begegnen. Das sieht auch der nationale Aktionsplan der Bundesregierung vor.

Doch im Kampf gegen HIV und Aids gibt es auch Lichtblicke: So stieg die Kondomnutzung bei Jugendlichen im Alter von 16 bis 20 Jahren in den vergangenen zehn Jahren von 57 auf heute 68 Prozent, so die Direktorin der Kölner Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Professor Elisabeth Pott.

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