Sozial benachteiligte Stadtteile Berlins

Corona-Impfkampagne: Es geht vor allem um Aufklärung

Mit mobilen Teams versucht Berlins Gesundheitssenat Menschen in sozial benachteiligten Stadtteilen für eine Corona-Impfung zu gewinnen. Rund 10.500 haben so in Neukölln, Lichtenberg, Steglitz-Zehlendorf und Spandau bereits eine Impfung erhalten. Das Projekt ist nicht unumstritten.

Von Madlen Schäfer Veröffentlicht:
Eine Anwohnerin aus Neukölln spricht vor ihrer Corona-Impfung mit Dr. Fatmir Dalladaku.

Eine Anwohnerin aus Neukölln spricht vor ihrer Corona-Impfung mit Dr. Fatmir Dalladaku.

© Bernd von Jutrczenka / dpa / picture alliance

Berlin. Ohne Termin zur Corona-Impfung – in bestimmten, sozial benachteiligten Berliner Bezirken ist das über ein Modellprojekt derzeit möglich. Pro Tag würden dafür jedem der beteiligten Bezirke 800 Dosen der Corona-Impfstoffe von Moderna und Johnson & Johnson zur Verfügung gestellt, teilt der Gesundheitssenat auf Nachfrage der „Ärzte Zeitung“ mit.

Der Einsatz der mobilen Teams könne bis zu drei Tage, von Freitag bis Sonntag, dauern. 10.535 Menschen in sozial benachteiligten Stadtteilen mit hohen Corona-Inzidenzen hätten auf diese Weise bereits gegen das Virus geimpft werden können. Trotzdem halten nicht alle Experten das Konzept der Schwerpunktimpfungen für den richtigen Weg.

Prioliste hilft hier nicht

„Die Mehrheit der sozial benachteiligten Stadtteile sind statistisch gesehen als Hoch-Inzidenzgebiete einzuordnen, aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, gerade in diesen Bezirken die Impfkampagne zu intensivieren und vergleichsweise unkompliziert Impftermine bereitzustellen“, sagt Milena Müller, Sprecherin des Gesundheitssenats.

Bereits Anfang des Jahres hatte der Berliner Gesundheitssenat eine Studie zur Verbreitung des Coronavirus in den Bezirken in Auftrag gegeben. Das Ergebnis war eindeutig: „Je dichter ein Bezirk besiedelt ist, desto höher ist die COVID-19-Inzidenz“, hieß es in der Studie. „Wir müssen den Impfstoff dorthin bringen, wo das Infektionsgeschehen besonders hoch und die Aufklärung darüber möglicherweise noch zu gering ist“, meint Dr. Wolfgang Albers, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses. Die Vorgaben der Impf-Priorisierung würden dem realen Infektionsgeschehen nur bedingt gerecht werden.

Wir müssen den Impfstoff dorthin bringen, wo das Infektionsgeschehen besonders hoch und die Aufklärung darüber möglicherweise noch zu gering ist.

Dr. Wolfgang Albers, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses

Jeder Bezirk kann sich laut Senatsverwaltung bei den mobilen Impfteams melden und einen Termin vorschlagen. Je nach Stand der Vorbereitung seitens der Bezirke würden die Termine dann vergeben.

Der Startschuss für die Schwerpunktimpfungen fiel bereits Mitte Mai in Neukölln. Am Wochenende vom 14. bis zum 16. Mai konnten sich Impfwillige ohne vorherigen Termin, wie er etwa in den Impfzentren nötig ist, in einer Turnhalle gegen Corona impfen lassen. 3020 Menschen nahmen die lange Wartezeit für eine COVID-19-Impfung in Kauf. Es sei richtig gewesen, die Schwerpunktimpfungen in Neukölln zu versuchen, meint Falko Liecke, Gesundheitsstadtrat von Neukölln.

Gesundheitsrat: Ziel verfehlt

„Das Ziel, sozial und gesundheitlich benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu erreichen, wurde aber leider verfehlt“, so Liecke. Um zielgenau impfen zu können, schlägt der Gesundheitsstadtrat vor, die bezirklichen Gesundheitsämter in die Impfstrategie einzubeziehen. Damit die Ärzte dort im Regelbetrieb impfen könnten, bräuchten die Gesundheitsämter Impfstoff.

Bei ohnehin stattfindendem Patientenkontakt könnten mit viel Beratung und Aufklärung, die diese Menschen häufig benötigen würden, kontinuierliche und langfristige Immunisierungen gegen COVID-19 realisiert werden. Der Amtsarzt von Neukölln, Nicolai Savaskan, sieht das ähnlich. Schon bald werde es ein Überangebot an Impfstoff geben. „Dann wird die Herausforderung sein, die letzten 30 Prozent der Bevölkerung auch zu erreichen. Das wird viel Zeit und Mühe kosten und darum müssen wir schon jetzt anfangen“, sagt Savaskan.

Da die Gesundheitsämter bereits jetzt gegen verschiedene Erkrankungen impfen würden, könne dies auch bei COVID-19 der Fall sein. Zudem könnten in den Sprechstunden Menschen aus niedrigen sozialen Schichten erreicht werden, die mehr Beratung benötigen würden. Zusätzlich sollte es einen Fokus auf Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund oder sozialer Benachteiligung geben, so der Amtsarzt.

Impfen ohne Terminvergabe

Nach den Erfahrungen aus Neukölln wurde am Pfingstwochenende in den Bezirken Lichtenberg und Steglitz-Zehlendorf zielgerichtet in bestimmten Vierteln ohne vorherige Terminvergabe geimpft. Dadurch konnten in Lichtenberg 2978 Menschen, in der Thermometersiedlung in Steglitz-Zehlendorf 1847 Menschen gegen Corona geimpft werden. „Die Schwerpunktimpfungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Pop-up-Impfzentren sollten ergänzend Bestandteil der Impfstrategie im Land Berlin werden. Dazu braucht es mehr Impfstoff“, sagte Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst im Anschluss.

In der Thermometersiedlung zeigten sich allerdings zunächst zu wenige Menschen impfbereit. Um einen Verfall von Impfstoffdosen zu verhindern, wurde das Modellprojekt daher kurzerhand auf den gesamten Bezirk Steglitz-Zehlendorf erweitert. Dennoch wurden die Menschen aus der Thermometersiedlung bevorzugt geimpft und unter Umständen aus der langen Warteschlange vorgezogen.

Auch bei den Schwerpunktimpfungen in der Heerstraße in Spandau vom 28. bis zum 30. Mai entschied sich das Bezirksamt direkt am ersten Tag für eine Erweiterung der Personengruppe. Insgesamt 2690 Menschen ließen sich gegen COVID-19 impfen.

Es kommt auch auf niedergelassene Ärzte an

Albers hält mobile Schwerpunktimpfungen je nach Lage auch weiterhin für sinnvoll: „Ob und inwieweit und in welchem Maße sie allerdings weiter notwendig sind, hängt auch davon ab, ob und wie es gelingt, die Impfungen jetzt in der Fläche von den niedergelassenen Ärzten durchführen zu lassen.“

Nach Angaben der Senatsverwaltung werden die nächsten Schwerpunktimpfungen in den Bezirken Marzahn-Hellersdorf und Tempelhof/Schöneberg sowie in Friedrichshain-Kreuzberg stattfinden. Ein langfristiger Einsatz über die Laufzeit der mobilen Impfteams hinaus sei aber nicht geplant.

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