Vielfältige Hilfe

Ein Kiosk für Gesundheitsfragen

Ob Arztbrief, gesünderer Lebensstil oder Pflegeantrag: Viele Menschen sind in Gesundheitsfragen schlichtweg überfordert. Hier setzt seit 2017 das Konzept des Hamburger Gesundheitskiosks an. Eine Erfolgsgeschichte, die zeigt, wie groß tatsächlich der Bedarf an Unterstützung ist.

Von Dirk Schnack Veröffentlicht: 20.01.2020, 04:55 Uhr
Ein Kiosk für Gesundheitsfragen

Zum Angebot des Gesundheitskiosk gehören Bewegungskurse wie die Nordic Walkinggruppe.

© Dirk Schnack

Hamburg. Für den türkischen Seniorinnenklub war der Gesundheitskiosk Billstedt/Horn der ideale Treffpunkt. Er liegt zentral, verfügt über einen Versammlungsraum und eine Küche und bietet die Möglichkeit, sich ohne Männer mit Freundinnen zu treffen, gemeinsam zu essen, über die Familien zu plaudern und sich wechselnde Vorträge eines Gesundheitsexperten anzuhören.

Beim Thema Blutdruck hatte das für Eylül (Name von der Redaktion geändert) ganz handfeste Vorteile. Bei ihr wurde im Gesundheitskiosk ein systolischer Wert von 180 gemessen. Eylül war nicht in ärztlicher Behandlung und hätte diesen bedrohlichen Wert ohne den Gesundheitskiosk wahrscheinlich erst viel später erfahren.

Die Blutdruckmessung bei ihr war ein Zufallstreffer. Versammlungen wie der vom türkischen Seniorinnenklub sind nicht die Kernaufgabe des 2017 eröffneten Gesundheitskiosks, zeigen aber die niedrigschwellige Herangehensweise.

Der Gesundheitskiosk liegt im Herzen von Billstedt, einem Hamburger Stadtteil, der von einem niedrigen Durchschnittseinkommen, hoher Arbeitslosigkeit und hoher Migrationsrate gekennzeichnet ist. Ärzte gibt es hier weniger als in anderen Stadtteilen.

Viele Menschen in Billstedt haben eine geringe Gesundheitskompetenz, kennen sich kaum aus im deutschen Gesundheitssystem. „Hier ist der Beratungsbedarf höher als in Blankenese“, sagt Alexander Fischer, Geschäftsführer des Gesundheitskiosks.

Schnittstelle zwischen Sektoren

Damit ist Billstedt der ideale Standort für eine Institution, die den Menschen Unterstützung in Gesundheitsfragen gibt. Die ihnen Wissen vermittelt, die das System erklärt und ihnen niedrigschwellige Beratungsangebote macht.

Der Gesundheitskiosk will zugleich die bruchstückhafte Versorgung überwinden und Hilfe dabei geben, dass sektorenübergreifend besser zusammengearbeitet wird. Menschen sollen unterstützt werden, sich selbst gesund zu erhalten und Hilfsangebote für ihre Krankheit zu erkennen.

Aus mehr als 100 Gesundheitsangeboten anderer Einrichtungen können die im Kiosk beratend tätigen akademisch ausgebildeten Community Nurses auswählen. Eines davon ist die regelmäßige Sprechstunde der Hamburger Krebsgesellschaf (HKG).

Lucie Schauer von der HKG ist Gesundheitswissenschaftlerin und berät und begleitet in regelmäßigen Sprechstunden im Billstedter Gesundheitskiosk Patienten mit Krebs. Heute spricht sie mit Dagmar Ehrenstein, die nach einem Rezidiv in ein tiefes Loch gefallen war und zunächst weitere Chemotherapien ablehnte.

In den Arztpraxen, bei den Krankenkassen und auf den Ämtern fühlte sich die früher in der Pflege tätige Frau nicht gut betreut. „Da hätte ich gerne jemanden gehabt, der mir etwas abnimmt“, berichtet die 63-Jährige. Sie organisierte sich ihre Hilfe selbst und kam mit der Frage nach Angeboten zum Thema Ernährung in den Gesundheitskiosk. „Ich hatte den Kiosk beim Einkauf gesehen.“

Sechs frühere Pflegefachkräfte und eine MFA

Ein Kiosk für Gesundheitsfragen

Zu mehr Gesundheitskompetenz: Eine Mitarbeiterin berät einen Patienten im Gesundheitskiosk.

© Klaus Balzer

Der Kiosk ist zentral, direkt am Billstedter Marktplatz und neben einem großen Einkaufscenter gelegen. Durch die Lage, aber auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda, wissen zunehmend mehr Menschen von den Angeboten.

Die Begleitung von Krebspatienten, die auch Hilfe bei der Antragsstellung umfasst, ist nur eine dieser Leistungen. Der täglich von 8 bis 18 Uhr geöffnete Kiosk beschäftigt sechs frühere Pflegefachkräfte und eine Medizinische Fachangestellte (MFA), die den Menschen Fragen zum Thema Gesundheit beantworten und sie bei einem gesunden Lebensstil unterstützen.

Sie suchen mit den Betroffenen nach Einrichtungen, die Hilfe bieten, unterstützen bei der Suche nach Ärzten, bereiten die Praxisbesuche vor, erklären Arztberichte und bieten Kurse an, in denen die Menschen etwas für ihre Gesundheit tun können.

Das Ganze passiert nicht nur auf Deutsch, sondern in vielen Sprachen. Englisch, Türkisch, Russisch, Polnisch oder Farsi/Dari – in diesen Sprachen kann sich mindestens eine der Beraterinnen im Gesundheitskiosk unterhalten.

Per Überweisung in den Kiosk

Viele von ihnen kommen auf Überweisung des behandelnden Arztes. Dafür haben die Ärzte des Praxisnetzes Billstedt/Horn einen weißen Überweisungsschein erstellt, auf dem neben den Stammdaten des Versicherten Diagnose, Hinweise des Arztes und der Auftrag an den Gesundheitskiosk stehen.

Anfangs zögerlich, jetzt in verstärktem Maße werden die Scheine von den Ärzten ausgestellt – rund 50 Patienten kommen monatlich mit dem Schein.

„Die Beratung, die sie im Gesundheitskiosk erhalten, entlastet uns niedergelassene Ärzte in den überfüllten Praxen“, sagt Dr. Gerd Fass. Er ist Vorsitzender des Ärztenetzes Billstedt/Horn, dem Mehrheitsgesellschafter in der Trägerorganisation des Gesundheitskiosks.

Ein Kiosk für Gesundheitsfragen

Dr. Gerd Fass, Vorstandsvorsitzender des Ärztenetzes Billstedt/Horn e.V. informiert Kollegen über den Kiosk.

© Dirk Schnack

Hausbesuch nach Klinikaufenthalt

Auch mit einigen Kliniken arbeitet der Kiosk eng zusammen. In der Stadtteilklinik, im Bethesda-Krankenhaus und im Marienkrankenhaus honoriert der Kiosk jeweils eine Klinikmitarbeiterin dafür, das Risiko einer erneuten stationären Einweisung von Patienten, die in Billstedt leben, zu ermitteln.

Um dieses Risiko zu senken, können Mitarbeiterinnen des Kiosks die Patienten nach dem Klinikaufenthalt zu Hause aufsuchen und ihnen Tipps geben. Allerdings: Von zehn ermittelten Risikopatienten willigen nur zwei in diese weitere Betreuung ein. „Viele Menschen haben leider keine Krankeneinsicht“, bedauert Fischer.

Dies zu ändern ist auch das Ziel von Andrea Husmann. Sie ist eine der Kiosk-Angestellten und besetzt an diesem Tag das Büro mit der bislang einzigen Außenstelle in Mümmelmannsberg. Dieser Stadtteil gilt innerhalb Billstedts als der mit der höchsten Kriminalitätsrate und mit den meisten unterschiedlichen Kulturen.

Gewalt in der Häuslichkeit, soziale Vereinsamung von jungen und alten Menschen, Kriegstraumata und lebensbedrohliche Erkrankungen sind hier keine Seltenheit – was die Beratung umso wertvoller, aber auch herausfordernder macht. „Wir müssen genau schauen, welche Beraterin zu welchem Ratsuchenden passt“, sagt Husmann. Oft entscheiden allerdings die Sprachkenntnisse.

Kiosk wird weiterfinanziert

Für die Beraterinnen sind die regelmäßige Supervision und das eigene Netz, mit dem sie sich über die schweren Schicksale austauschen können, wichtig. Fest steht inzwischen, dass die Arbeit des Gesundheitskiosks auch nach Ende der Förderphase durch den Innovationsfonds seit Jahresbeginn 2020 von den größten Krankenkassen weiter getragen wird.

Eylül und ihre Freundinnen vom türkischen Seniorenklub treffen sich inzwischen nicht mehr im Gesundheitskiosk. Ihre Gruppe ist inzwischen so groß geworden, dass Versammlungsraum und Küche des Kiosks für sie nicht mehr ausreichen.

Eylül verzichtet inzwischen meist auf den türkischen Mokka und lässt ihren Blutdruck von einem Hausarzt kontrollieren – den hatte sie vor dem Besuch im Gesundheitskiosk noch gar nicht.

Der Gesundheitskiosk läuft unter der Unternehmensgesellschaft (UG) „Gesundheit für Billstedt/ Horn“. Diese wurde 2016 eigens für das Projekt gegründet. Gesellschafter sind zu 60 Prozent das Ärztenetz Billstedt/ Horn, zu 30 Prozent der Gesundheitskiosk (beides eingetragene Vereine) sowie zu jeweils fünf Prozent die Stadtteil Klinik Hamburg GmbH und der NAV-Virchow-Bund.

Das Netzwerk verfügt außerdem über einen Ärztlichen und einen Patientenbeirat. Der Ärztliche Beirat unterstützt etwa bei Entscheidungen zu Gesundheitsprogrammen und -aktivitäten.

Er übernimmt gemeinsam mit dem Trägerverbund aber auch die strategische Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung. Der Patientenbeirat will vor allem den Dialog zwischen Patienten und Ärzten fördern. (eb/di)

Innerhalb von zwei Jahren hat es im Hamburger Gesundheitskiosk 6200 Besucherkontakte und immerhin 50 Ärzteveranstaltungen, darunter viele Fortbildungen, gegeben. Eine Erstberatung dauert im Schnitt 45 Minuten. Rund die Hälfte der Besucher im Gesundheitskiosk kommt auf Überweisung vom Arzt.

Im Kiosk werden neun Sprachen gesprochen, darunter Farsi und Russisch. Denn über die Hälfte der Menschen im Hamburger Stadtteil Billstedt/Horn (54 Prozent) haben einen Migrationshintergrund (34 Prozent in ganz Hamburg).

Der Stadtteil gilt als sozial schwach: 21 Prozent der Menschen in Billstedt/Horn beziehen Sozialhilfeleistungen, in ganz Hamburg sind es im Schnitt 10,3 Prozent. (di/eb)

Immer wieder fassungslos macht Andrea Husmann aus dem Team des Gesundheitskiosks Billstedt/Horn, wie wenig die Menschen über das Angebot im deutschen Gesundheitswesen wissen. „Wir wollen die Menschen selbstständiger machen, damit sie sich besser zurechtfinden“, sagt sie.

Zugleich erfährt Husmann aber auch ein ausgeprägtes Anspruchsdenken ohne die Bereitschaft zur Eigenverantwortung. „Mütter von Säuglingen wissen nicht, dass sie Brei auch selbst kochen können“, nennt sie als Beispiel.

In welchem Ausmaß der Gesundheitskiosk dazu beitragen kann, diese Eigenverantwortung zu stärken, lässt sich noch nicht beantworten. Das vom Innovationsfonds geförderte Projekt wird evaluiert, die Ergebnisse werden Ende 2020 vorliegen. (di)

Bislang wurde der Gesundheitskiosk, der 2017 im Hamburger Stadtteil Billstedt/Horn an den Start gegangen ist, über den Innovationsfonds finanziert – mit insgesamt 6,3 Millionen Euro. Die Förderung ist Ende 2019 ausgelaufen.

Aber noch im vergangenen Jahr hatten die AOK Rheinland/Hamburg sowie TK, Barmer und DAK bekannt gegeben, dass sie die Finanzierung übernehmen. Eine entsprechende Vereinbarung unterzeichneten Vertreter der vier Krankenkassen im Beisein von Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD).

Die Senatorin sprach von einem „bundesweit einmaligen Leuchtturm-Projekt“, weil Haus- und Fachärzte, Kliniken, Krankenkassen und Einrichtungen der Prävention und der sozialen Versorgung sektorenübergreifend kooperieren. (di)

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