Tourismus in Corona-Zeiten

Wie Ärzte die Urlauber in Schach halten wollen

Die Ferienzeit hat begonnen – und die teils gespenstische Leere in Urlaubsorten in Schleswig-Holstein ist vorbei. Die ansässigen Ärzte bereiten sich mit gemischten Gefühlen auf den neuen Touristen-Ansturm vor.

Von Dirk Schnack Veröffentlicht: 02.07.2020, 12:11 Uhr
Mecklenburg-Vorpommern, Zingst: Blick auf den gut besuchten Ostseestrand in der Nähe der Seebrücke.

Mecklenburg-Vorpommern, Zingst: Blick auf den gut besuchten Ostseestrand in der Nähe der Seebrücke.

© Jens Büttner / dpa-Zentralbild

Grömitz. Eine Woche Urlaub gönnte sich Dr. Lucia Kühner in der letzten Woche vor dem großen Ansturm. Dann begannen in den ersten Bundesländern die Ferien und damit auch die Hochsaison in den Arztpraxen von Küstenorten wie Grömitz, wo Allgemeinmedizinerin Kühner ihre Einzelpraxis hat.

Die Ärzte in diesen Orten sind den Touristenansturm nicht nur gewohnt, auch ihr Praxisumsatz ist in keinem Quartal so hoch wie in der Sommersaison. In diesem Jahr blicken viele Ärzte allerdings mit gemischten Gefühlen auf die Ferienzeit. Grund ist die Pandemie – und die Sorglosigkeit, mit der viele Menschen dieses Thema im Urlaub angehen.

„Für viele Patienten scheint Corona schon vorbei zu sein“, sagt Kühner. Für sie und ihr Praxisteam steigt mit der Sorglosigkeit die Herausforderung, die gebotenen Sicherheitsanforderungen durchzusetzen. Kühner hätte sich von der Politik zu dieser Frage mehr Unterstützung gewünscht.

Hygienekonzept besonders wichtig

„Entweder ist das Risiko so gering, dass wir in den Praxen ohne die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen arbeiten und damit auch das hohe Patientenaufkommen bewältigen können, oder es besteht ein Risiko. Darauf müsste man aus meiner Sicht dann auch in der Öffentlichkeit ganz deutlich hinweisen, damit die Patienten sich entsprechend verhalten“, sagt Kühner.

Im benachbarten Scharbeutz können Dr. Michael Wurz, Dr. Martin Scholz und Dr. Martin Struve die ärztliche Arbeit in ihrer internistisch-allgemeinmedizinischen Praxis auf drei Schultern verteilen. Doch auch sie erwarten, dass sie diesen Sommer noch mehr als sonst zu tun bekommen.

„Wir wollen und wir werden für die Patienten da sein“, steht für Internist Scholz fest. Die Gemeinschaftspraxis bietet im Sommer stets auch eine Sprechstunde am Samstag an, die schon in normalen Jahren gut besucht wird.

Die Praxis liegt zwischen Parkplatz und Ostseestrand, sodass tägliche zahlreiche Urlauber an ihr vorbeigehen. Weil die Praxis aufgrund ihrer Größe und der Entfernung zu den Anlaufpraxen in Eutin und Neustadt für die Region „systemrelevant“ ist, legen die drei Ärzte besonderen Wert auf ihr Hygienekonzept. Verstärkt wird diese Verantwortung noch, weil sie viele Dialysepatienten haben.

Bloß kein erneuter Lockdown

Die Mitarbeiterinnen wurden deshalb früh geschult, um Patienten über das angemessene Verhalten in der Praxis, die über einen Wartebereich im Freien verfügt, aufzuklären. Bislang verhalten sich die Patienten auch entsprechend.

An der Nordseeküste ist der Urlauberansturm ebenfalls schon eingetreten. Die allgemeinmedizinisch-internistische Praxis von Dr. Ursula und Harald Jedicke liegt mitten im Zentrum von St. Peter-Ording. Ihre Patienten beantworten Fragen zu Corona vor dem Eintritt in die Praxis im Freien, wenn das Wetter es zulässt.

Ursula und Harald Jedicke aus St. Peter Ording fürchten sorgloses Verhalten der Touristen.

Ursula und Harald Jedicke aus St. Peter Ording fürchten sorgloses Verhalten der Touristen.

© Dirk Schnack

Damit helfen sie den Praxismitarbeitern bei einer ersten groben Risikoeinschätzung. Allgemeinmedizinerin Ursula Jedicke beobachtet auf der Promenade und in den Geschäften eine Sorglosigkeit, die sie nachdenklich stimmt.

„Wenn ich mir das Verhalten der Menschen anschaue, würde mich eine zweite Welle nicht überraschen“, sagt sie. Das Ehepaar hätte sich zwar keine zusätzlichen Vorschriften, aber einen Ideenaustausch zur Vorbereitung der Praxen auf den Touristenansturm gewünscht.

Im Ärztezentrum Büsum ist das sechsköpfige Ärzteteam darauf vorbereitet, bei auftretenden Fällen auf die organisatorischen Regeln der ersten Pandemie-Welle umzuschalten. Das bedeutet: Getrennte Teams, die Abgrenzung zu den anderen Gesundheitsberufen im Zentrum, vorgegebene Einbahnwege für Patienten und zusätzliche Wartezonen.

Die im gleichen Haus untergebrachte Anlaufpraxis der KV kann als Ausweichquartier mit genutzt werden.

Viele Menschen am Fähranleger und auf der Promenade

Auch auf der Insel Föhr hat Allgemeinmediziner Dr. Christoph Meyer-Schillhorn die Risiken im Blick. Insbesondere Ballungsgebiete wie die Promenade und der Fähranleger bieten nach seiner Einschätzung Risikopotenzial, weil die Menschen im Freien meist auf die Masken verzichten.

Er erwartet, dass sich dennoch kaum Urlauber mit Symptomen in der Praxis einstellen werden. „Als Urlauber hat man nicht den Wunsch, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen oder gar als Verdachtsfall unter Quarantäne gestellt zu werden.“ Folge könnte eine Verschleppung sein.

Eine Alternative weiß aber auch Meyer-Schillhorn nicht: „Einen erneuten Lockdown wollen wir auf keinen Fall. Die zurückliegenden Wochen auf der fast leeren Insel waren gespenstisch.“

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