Zeitgeschichte

Arzt Peter Delius hält Erinnerung an Nazi-Verbrechen wach

Ein Gedenkstein auf dem Gelände der Lübecker Universität erinnert an 605 psychisch Kranke der einstigen Heilanstalt Strecknitz, die von den Nationalsozialisten in ein Zwischenlager deportiert wurden und dort starben. Der Arzt Peter Delius hat den Gedenkstein initiiert – damals gegen große Widerstände. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Professor Thomas Kötter und Dr. Peter Delius (r.) am Gedenkstein, den er 1983 gegen Widerstände initiierte.  Dirk Schnack

Professor Thomas Kötter und Dr. Peter Delius (r.) am Gedenkstein, den er 1983 gegen Widerstände initiierte. Dirk Schnack

© Dirk Schnack

Lübeck. Vergangenheitsbewältigung gestern und heute: Wie stark sie sich auch in der Medizin unterscheidet, erlebt der Lübecker Arzt Dr. Peter Delius. Wo er in den 80er Jahren noch auf erhebliche Widerstände traf, herrscht heute breiter Konsens.

1983 auf dem Gelände der damals noch jungen Lübecker Universität: Ein Gedenkstein, der nicht zu übersehen ist, wird fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgestellt. Initiator ist der damalige Medizinstudent und Asta-Vorsitzende Peter Delius. Mit der Aktion will Delius an 605 psychisch kranke Menschen erinnern.

Die Patienten wurden aus der einstigen „Heilanstalt Strecknitz“, die auf diesem Gelände 1941 von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde, in ein hessisches Zwischenlager deportiert. Dort wurden sie systematisch vernachlässigt und starben an den Folgen.

Widerstände gegen Gedenkstein

Obwohl 1983 schon über 40 Jahre seit der Deportation vergangen waren, stießen Delius und seine Mitstreiter auf erhebliche Widerstände, als sie den Gedenkstein anregten – bis hin zu Morddrohungen. Offizielle blieben der Einweihung der Gedenkstätte fern. Zu groß war damals die Angst, die noch junge Hochschule könnte in eine Diskussion über die nationalsozialistische Vergangenheit medizinischer Einrichtungen und deren Verantwortung geraten.

Oktober 2021, gleicher Ort: Der Künstler Gunter Demnig verlegt eine „Stolperschwelle“ in Erinnerung an die Menschen, die aus Strecknitz deportiert wurden. Neben Lübecker Studierenden sind der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm und hohe Vertreter der Universität vor Ort, Medien berichten. Statt die Öffentlichkeit auszuschließen, wird diese gezielt gesucht.

Delius fällt der Unterschied im Umgang mit den Geschehnissen im Nationalsozialismus besonders auf. Der in Lübeck niedergelassene Facharzt für Psychiatrie, psychosomatische Medizin und Psychotherapie erklärt die andere Herangehensweise in erster Linie mit den Emotionen, die die Beschäftigung mit dem Thema wenige Jahrzehnte nach dem „Dritten Reich“ noch hervorrief.

Scham bei Tätern und Opfern

Im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ verwies Delius unter anderem auf die in den 1980er Jahren noch lebenden Angehörigen der Verschleppten – und der Täter. Scham gab es auf beiden Seiten, aus unterschiedlichen Motiven. Delius nennt ein Beispiel: „Der Sohn einer Verschleppten machte sich noch damals Vorwürfe, weil er als Kind nicht zu seiner Mutter stand und plötzlich war sie weg.“

Für die Angehörigen wäre aus Sicht von Delius damals ein Signal der Universität, das über den Gedenkstein hinausging, wichtig gewesen: „Die Hochschule hätte klar sagen müssen: Das war staatliches Unrecht, keine individuelle Schuld der Betroffenen.“

Ausstellung zur Geschichte der Euthanasie und zur Deportation

  • Veranstaltungsort: Zentralklinikum des UKSH in Lübeck, Haus A
  • Bis 30. Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr
  • Infos zu zusätzlicher Veranstaltungsreihe „plötzlich weg“ unter https://ploetzlich-weg.de/

Die heutige Aufarbeitung freut den Lübecker Arzt. Beim kürzlich in seiner Heimatstadt abgehaltenen Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) zeigte er den Teilnehmern des Symposiums „Das leere Sprechzimmer“ den Gedenkstein und erläuterte dessen Geschichte.

Heute, aus doppelt so langer zeitlicher Entfernung, beobachtet er eine deutliche Entmystifizierung der nationalsozialistischen Verbrechen. „Noch in den 1980er Jahren hatten Angehörige deutliche Probleme, über dieses Thema zu sprechen. Heute ist es Geschichte.“ Was trieb ihn damals an? Delius nennt eine Mischung mehrerer Motive:

  • Das Interesse an dem später schwer vorstellbaren Rechts- und Unrechtsbewusstsein dieser Zeit und die damit einhergehende Verwunderung der Nachfahren: „Das darf noch sein.“
  • Der Generationenkonflikt: Den damals Älteren nachweisen, dass Unrecht geschehen ist, ihnen zugleich aber auch die Chance geben, den „bleiernen Mantel“, den diese Generation über den Nationalsozialismus gelegt hatte, zu lüften und das Thema aufzuarbeiten.
  • Die investigative Komponente: „Es war spannend, wir haben geheimnisvolle Akten über die Zeit entdeckt.“

Heute widmen sich Studierende nicht nur im Rahmen des DEGAM-Projektes dem Thema. Die Lübecker „Stolperschwelle“ haben sie initiiert und sie mit Spenden – die auch von Stiftungen und Mitarbeitern der Universität kamen – ermöglicht. Sie haben außerdem eine noch bis Ende Oktober laufende Ausstellung zur Geschichte der Euthanasie und zur Deportation der Patienten sowie eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „plötzlich weg“ geplant und umgesetzt. Die historische Einführung übernahm Ende September Delius.

Anders als früher gibt es für diese Erinnerungskultur die volle Unterstützung der Hochschule. Uni-Präsidentin Professor Gabriele Gillessen-Kaesbach war genauso bei der Einbettung der Stolperschwelle dabei wie UKSH-Chef Professor Jens Scholz. Scholz sagte: „Wir sind angehalten um nachzudenken, dass das ärztliche Gewissen vor 80 Jahren niederschmetternd versagt hat. Unsere Verantwortung vergeht nicht. Sie prüft uns.“

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