Hausärztin und Autorin

Buch über Ärzte: „Wir sind nicht nur Gelbe-Zettel-Verteiler“

Dr. Ulrike Koock arbeitet als angestellte Hausärztin in einer Praxis in Altenstadt in Hessen. Ihre Erfahrungen in der Praxis und als Bloggerin hat sie in einem neuen Buch verarbeitet. Ein Interview.

Von Raimund SchmidRaimund Schmid Veröffentlicht:
Dr. Ulrike Koock, angestellte Hausärztin in einer Praxis in der hessischenWetterau, schreibt genauso gerne, wie sie heilt.

Dr. Ulrike Koock, angestellte Hausärztin in einer Praxis in der hessischen Wetterau, schreibt genauso gerne, wie sie heilt.

© Fingerfoto.de

Ärzte Zeitung: Frau Koock, Sie sagen, sie seien mit Leib und Seele Hausärztin. Doch sie sind ja nicht nur Ärztin, sie sind auch Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern, Bloggerin und auch Buchautorin. Lastet Sie ihre angestellte Tätigkeit als Landärztin nicht aus?

Dr. Ulrike Koock: Ich finde, dass sich das alles gut vereinbaren lässt, weil ich als Hausärztin die breite Masse der Bevölkerung einfach so im Alltag erlebe. Dadurch bekomme ich verschiedene Sichtweisen auf die Menschen und auf die Dinge. Das macht mir dann Spaß, darüber nachzudenken und darüber zu schreiben. Da ich in der Praxis nicht die Zeit habe, mich ausführlich mit Themen zu beschäftigen, kompensiere ich das in meiner Freizeit über das Schreiben oder Posten.

Jetzt haben Sie Ihr neues Buch wie folgt betitelt: „Frau Doktor, wo ich Sie gerade treffe ...“. Als Landärztin sehen Sie sich praktisch stets im Dienst. Ist das nicht auf Dauer nervig oder gehört das einfach zum Beruf einer Landärztin dazu?

Es gehört als Landärztin schon dazu, dass man immer ansprechbar ist, dass man auch am Wochenende Fragen bekommt, wenn irgendetwas passiert ist oder wenn jemand krank ist oder dass man doch eben schnell mal hinfährt. Ich glaube, das gehört dazu und stört mich daher auch nicht.

Dr. Ulrike Koock

  • stellt sich selbst vor als „Landärztin, Autorin, Medizinjournalistin, Hobbyköchin, Gemüsegärtnerin, Mutter der tollsten Kinder der Welt“.
  • Im vergangenen März erhielt sie die Auszeichnung „Goldener Blogger 2019“ in der Kategorie „Medizin“
  • Mehrere Fachrichtungen durchlief Koock, von Pathologie über Forschung bis Innere Medizin, bis sie „schreibende Landärztin“ wurde.
  • Im März erschien ihr Buch „Frau Doktor, wo ich Sie gerade treffe ...“ im Verlag: Droemer Knaur (256 Seiten, 16,99 Euro, ISBN: 978-3-426-79091-5)

Welche Fragen tauchen da häufiger auf?

Die Klassiker sind Fragen über die Kinder. Das Kind hat Fieber oder Ausschlag: Muss ich damit ins Krankenhaus, oder ist das etwas, was bis nächste Woche warten kann? Häufig sind es organisatorische Dinge, etwa ob ein Befund schon angekommen ist oder ob ein Physiotherapie-Rezept abgeholt werden kann.

Sie schreiben auf Ihrer Homepage „besonders am Herzen liegen mir die sprechende Medizin, die Psyche bzw. die Psychosomatik, die Themen Gesellschaft und Familie, und der Landärztemangel.“ Alles Themen, die mit einer defizitären Versorgung assoziiert sind ...

Alle Hausärzte, die ich kenne, sagen das Gleiche. Alle hätten gerne mehr Zeit, weil sie dann zum Beispiel vermeiden könnten, dass Menschen zum Heilpraktiker oder zum Homöopathen gehen, eben weil dort mehr Zeit zum Sprechen ist und es dann auch ausreicht, ein paar Kügelchen zu verschreiben, um zumindest einen Placebo-Effekt zu erzielen. Aber für 80 Euro pro Stunde kann ein Heilpraktiker sich eben auch die Zeit nehmen. Wenn wir aber auch als Hausärzte mehr Zeit für diese sprechende Medizin hätten, würden sich manche Probleme in Wohlgefallen auflösen. Vielleicht gäbe es dann auch nicht so viele psychische Erkrankungen oder Alternativmediziner.

Seit zwölf Jahren bin ich nun Ärztin und kann nicht behaupten, dass ich es immer gerne gemacht habe. Beziehungsweise mache. Denn die Arbeitsbedingungen sowohl in Klinik als auch in Praxis sind kaum zu ertragen. Und gleichzeitig liebe ich meinen Beruf, denn ich bin einfach mit Leib und Seele Ärztin.

Dr. Ulrike Koock Auszug aus ihrem Blog Schwesterfraudoktor.de

Es gibt aber bereits den Ansatz der hausarztzentrierten Versorgung, der mehr Spielräume für Gespräche lässt. Müsste nicht ein solches Modell bundesweit etabliert und fortgeschrieben werden?

Ich halte das schon für ein gutes Modell, weil man – abgesehen von der einfacheren Abrechnung – seine Patienten besser im Blick hat. Ich bin dann immer die erste Ansprechpartnerin. Es wird doppelte Diagnostik vermieden und ich kann die Befunde besser zusammenführen und mit dem Patienten besprechen. Das würde manchen weiteren unnötigen Facharztbesuch vermeiden.

Gehen Sie auch so weit, dass ein Patient erst einmal zum Hausarzt gehen sollte, damit er besser gesteuert werden kann?

Das fände ich schon gut. Wir sind doch nicht nur die „Gelbe-Zettel-Verteiler“ und Rezept-Verteiler. Dass wir einen Großteil der ambulanten medizinischen Versorgung selbst abdecken und nur noch ein recht kleiner Anteil zum Facharzt überwiesen werden muss, geht häufig unter.

Oft spielt bei Patienten mehr die Psyche die entscheidende Rolle und weniger das rein medizinisch somatische Grundproblem. Erleben Sie das tatsächlich häufig so?

Ja, ich glaube, man kann sagen, dass ungefähr zwei Drittel der Patientengespräche sich eigentlich auf eine psychosomatische oder auch auf eine psychische oder eine Lebensproblematik beziehen, weil es zum Beispiel in der Ehe kriselt, oder weil es am Arbeitsplatz Konflikte gibt. Die ganzen psychosomatischen Erkrankungen wie Magenschmerzen, Kopfschmerzen, auch Herzrhythmus-Störungen gehören dazu. Natürlich muss man da somatisch schauen, ist da wirklich ein Problem oder nicht? Aber häufig stellt sich heraus, dass das ärztliche Gespräch die geeignete Therapie ist.

Sie sind im Social-Media-Bereich überaus aktiv. Allein bei Twitter haben sie mehr als 54.000 Follower. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Ohne Twitter wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Ich politisiere aber nicht, sondern twittere nur, was ich persönlich denke. Diese Interaktion mit den Menschen macht mir Spaß. 90 Prozent der Kommentare und Interaktionen, die man gesammelt hat, sind wirklich positiv, und ich lerne dabei viel über die Sichtweisen anderer Menschen. Und bevor etwas in den Nachrichten auftaucht, ist es ja schon bei Twitter unterwegs.

Können Sie mal ein Themenbeispiel nennen?

Wann immer ich gesagt habe, ich plädiere im Kampf gegen Corona für den Lockdown und für ein schärferes Vorgehen, habe ich sehr viel Gegenwind bekommen. Das kann aber auch bei klassisch hausärztlichen Themen wie dem Diabetes passieren. Da habe ich bei Instagram mehrfach über das Abnehmen gesprochen. Dabei wurde mir dann gleich Body-Shaming vorgeworfen, und ich sollte nicht die adipösen Leute verachten. Ab einer gewissen Follower-Zahl bekommt man immer Gegenwind. Aber bei Corona und beim Thema Impfen ist es schon ausgeprägt.

Was hält man Ihnen beim Impfen vor?

Dass der Impfstoff an der Bevölkerung getestet werden soll und Langzeitdaten fehlen, die aber im Prinzip nur die seltenen Nebenwirkungen zum Vorschein bringen. Und dass man von der Regierung gesteuert wird, um den Menschen die Impfung aufzuzwingen.

Sind Sie bei so vielen Followern inzwischen nicht schon eine richtiggehende Marke?

Vielleicht, aber ich fühle mich nicht bekannt oder berühmt. Primär arbeite ich immer noch als angestellte Ärztin in der Praxis und habe dabei zwei Chefs, mit denen ich mein Vorgehen und meine Termine in der Regel abstimme. Da habe ich bisher immer freie Hand bekommen. Als Marke wird man aber auch nicht immer freundlich behandelt. Neulich hielt mir etwa ein Facharzt entgegen, dass ich angesichts meines noch recht jungen Alters bereits ein ganz schön großes „Mäulchen“ hätte.

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