Folgen der Pandemie

Coronabedingte Lernlücken in Schulen stopfen – die praktischen Hürden sind hoch

Lernlücken der Corona-Zeit nachholen: Baden-Württemberg versucht dies – wie auch andere Bundesländer – mit einem Förderprogramm. Doch „Lernen mit Rückenwind“ geht auf Kosten anderer, beklagt der Verband Bildung und Erziehung.

Von Martin Oversohl Veröffentlicht:
Ein Lehrer mit Schülern in einer Grundschule in Neckartailfingen (Baden-Württemberg) bei einer Nachmittagsunterrichtseinheit im Rahmen des Programms „Lernen mit Rückenwind“.

Ein Lehrer mit Schülern in einer Grundschule in Neckartailfingen (Baden-Württemberg) bei einer Nachmittagsunterrichtseinheit im Rahmen des Programms „Lernen mit Rückenwind“.

© Marijan Murat / dpa/ picture alliance

Stuttgart. Lehrer und Schulleitungen sehen sich nach einer neuen Umfrage ihres Verbandes durch das Förderprogramm „Lernen mit Rückenwind“ zusätzlich belastet. Außerdem fehle vor allem bei Rektorinnen und Schulleitern die Zeit, um das millionenschwere Nachhilfeprojekt für Lernrückstände durch die Corona-Pandemie planen und koordinieren zu können.

„Wenn die Lehrerinnen und Lehrer das Programm trotzdem unterstützen sollen, muss das Land sie für diese Zeit von außerunterrichtlichen Aufgaben entlasten“, sagte der baden-württembergische Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Gerhard Brand.

An der VBE-Umfrage hatten Lehrkräfte aus rund 120 Schulen teilgenommen. Demnach beteiligt sich etwa jede vierte Schule nicht an dem Programm. Rund die Hälfte der Befragten gab zudem an, nicht ausreichend über das Programm informiert gewesen zu sein, 60 Prozent fühlten sich bei der Umsetzung nicht ausreichend unterstützt. Es sei vor allem wichtig, die Schulleitungen zu entlasten, sagte Brand. Die Leitungszeit müsse ausgebaut werden, außerdem müsse es Anrechnungsstunden geben für besondere Aufgaben.

Schulleiter sein? Lieber nicht

„Die Grenze des Möglichen ist erreicht, wenn nicht bereits überschritten“, sagte der VBE-Landeschef. Eine jüngere Umfrage habe bereits gezeigt, dass fast jeder dritte Schulleiter im Südwesten in Corona-Zeiten seinen Job nur ungern oder eher ungern ausübe, jeder zweite würde den Beruf nicht weiter empfehlen.

Viele Schulen verfügen schon zu Normalzeiten nicht über das nötige Personal, um den Pflichtunterricht stemmen zu können.

Gerhard Brand, Baden-Württembergischer Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE)

Zwar hielten die meisten Lehrerinnen und Lehrer „Lernen mit Rückenwind“ für ein sinnvolles und notwendiges Programm. „Allein: Sie sind nach nunmehr knapp zwei Jahren Pandemie an der absoluten Belastungsgrenze angekommen“, sagte Brand. „Viele Schulen verfügen schon zu Normalzeiten nicht über das nötige Personal, um den Pflichtunterricht stemmen zu können.“

Das auf zwei Jahre angelegte Programm stehe allerdings erst am Anfang. „Noch hat die Landesregierung Zeit, um nachzusteuern“, sagte der VBE-Landeschef.

Rückstand in Kernfächern aufholen

Mit dem Förderprogramm „Lernen mit Rückenwind“ versucht das Land seit den Herbstferien, die klaffenden Corona-Lücken im Schulunterricht zu stopfen. Im Rahmen des Programms können Einzelne zum Beispiel durch weitere Lehrkräfte im normalen Unterricht und durch eine engere Betreuung zusätzlich gefördert werden.

Auch gesonderter Förderunterricht für kleine Gruppen in Extra-Schulstunden ist möglich. Zudem gibt es Bildungsgutscheine, die Schüler etwa bei einem Nachhilfe-Institut einlösen können.

Ziel sei es, Rückstände in den Kernfächern Deutsch und Mathe und bei Fremdsprachen aufzuholen, hatte das Land vor dem Start erklärt. Das Programm mit seinen Tausenden zusätzlichen Kursen richtet sich vor allem an Abschluss- und Übergangsklassen: die vierten Klassen der Grundschulen, die Klassen 9 und 10 und die Abiturjahrgänge.

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„Ich weiß, welche Belastung die Schulleitungen und die Lehrkräfte in der aktuellen Situation haben“, sagte Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne). Man habe das Programm so schlank wie möglich gehalten und eine Plattform programmiert, die Schulen viel Arbeit beim Suchen von Zusatzkräften und dem Abschluss von Verträgen abnehme. Für die Schulleitungen habe man noch einmal zusätzliche Anrechnungsstunden für die Durchführung des Förderprogramms gegeben, so Schopper. „Das Programm ist nicht fixiert, wir steuern nach, wenn Bedarf bestehen sollte.“

Der baden-württembergische Landeselternbeirat und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) waren nach dem Auftakt ebenso scharf mit „Rückenwind“ ins Gericht gegangen wie der VBE. Es bleibe ein hoher Arbeits- und Organisationsaufwand an den Schulen hängen, hatte dieser schon vor Wochen kritisiert. Das Programm werde auf dem Rücken der Lehrer und Schulleitungen ausgetragen, außerdem fehle es an fertigem Material für Lehr- und Hilfskräfte. (dpa)

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