Direkt zum Inhaltsbereich

Welttag der Suizidprävention

Let‘s Talk about Suizid

Rund 60 .000 Menschen sind jährlich betroffen: Ein nahe stehender Mensch hat sich das Leben genommen. Eine Ausstellung, die zum Welttag der Suizidprävention startet, versucht Antworten auf das „Warum?“ zu finden.

Martin WortmannVon Martin Wortmann Veröffentlicht:
Ein Hilferuf? Szene aus dem im Sepulkralmuseum gezeigten Film „Weit weit weg“ von Bjørn Melhus.

Ein Hilferuf? Szene aus dem im Sepulkralmuseum gezeigten Film „Weit weit weg“ von Bjørn Melhus.

© Bjørn Melhus | VG Bild-Kunst

Kassel. 9041 Menschen nahmen sich 2019 in Deutschland selbst das Leben. Am Freitag, 10. September, dem „Welttag der Suizidprävention“, eröffnet im Kasseler Museum für Sepulkralkultur eine Ausstellung, die sich mit Kunst, Wissenschaft und immer wieder Worten Betroffener diesem Thema nähert: „Let’s talk about it!“

245 Morde und 1398 Drogentote gab es 2019 in Deutschland, 3059 Menschen starben bei Verkehrsunfällen. Davon haben wir täglich gehört und gelesen. Von Suiziden hören wir allenfalls im ICE als „Arzteinsatz am Gleis“. Sonst aber ist der Suizid „ein verschwiegenes Leiden in unserer Gesellschaft“, so die Kasseler Ausstellungsmacher.

Hilfsangebot für Menschen mit Suizidgedanken gibt es hier:

www.suizidpraevention.de und

www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote

„Wir alle versuchen, uns davon fernzuhalten“, sagt Reinhard Lindner, Professor am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel, zudem in der Geschäftsführung des vor drei Jahren gestarteten Nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro) für Deutschland. Doch die rund 60 .000 Menschen, die so jedes Jahr einen ihnen nahe stehenden Menschen verlieren, stellen sich immer wieder eine Frage: Warum? „Beim Thema Suizid geht es ja um die ganz große Schuldfrage“, so eine in der Ausstellung zitierte Angehörige. „Warum habe ich es nicht gesehen? Warum konnte ich es nicht verhindern?“

Trauer und Schuldgefühle

75%

der Menschen, die in Deutschland Suizid begehen, sind männlich.

Die Trauer wird überlagert und erschwert durch Schuldgefühle und Wut, erklärt Hannah Müller-Pein, NaSPro-Sprecherin und Mitarbeiterin Lindners. Und während sich Angehörige etwa eines Krebstoten des tiefen Mitgefühls anderer sicher sein können, komme beim Suizid auch von außen oft die unterschwellige Frage: „Was habt Ihr falsch gemacht?“

Die Menschen, die Suizid begehen, sind in Deutschland meist alt und zu über 75 Prozent männlich, aber auch bei jungen Migrantinnen ist die Rate besonders hoch. Bundesweit lag sie 2019 insgesamt bei 10,9 je 100 Einwohner – 15,4 in Sachsen-Anhalt und 14,3 und Sachsen, 8,8 in Bremen und 7,5 in Nordrhein-Westfalen. Häufigste Methode war mit 4074 Suiziden das Erhängen. Erst mit deutlichem Abstand folgen Medikamente (968) und Stürze (917). Nur bei etwa 200 dieser Menschen waren Krankheit und Schmerzen das klar vorherrschende Motiv, schätzt Lindner. Sonst aber ist es eine Gemengelage.

„Gefühle von Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und tiefer Verzweiflung“ nennt im Begleitbuch der Psychologe Georg Fiedler. Ursache seien häufig Konflikte in privaten Beziehungen, der Verlust enger Bezugspersonen, Kränkungen und berufliche Probleme, aber auch Krankheit, Vereinsamung und Selbstwertverlust.

„Vor allem im höheren Alter führen gescheiterte Lebensentwürfe und der Verlust an Kontrolle über das eigene Leben und die eigenen Affekte zu suizidalem Erleben.“ Das Gefühl des Scheiterns und die Angst, gegen den eigenen Willen hospitalisiert zu werden, erschwere es Menschen, sich mit ihren Suizidgedanken an andere zu wenden. Doch wer Suizidgedanken hat, wolle nicht unbedingt sterben, betont Fiedler.

Mehr Werbung nötig

NaSPro fordert deshalb mehr Werbung und eine stabile Finanzierung der derzeit bundesweit 300 Hilfsangebote, zudem eine zentrale Koordinationsstelle, digitale Angebote und eine bundesweit einheitliche Telefonnummer. Neben suizidalen Menschen sei dies auch für Angehörige und enge Freunde wichtig. Auch im medizinischen Bereich gebe es weiterhin hohen Bedarf an Fort-, Aus- und Weiterbildung.

Neben der Ausstellung (bis 27. Februar 2022) bietet das Sepulkralmuseum in Kassel auch ein 357 Seiten starkes Begleitbuch an, zudem ein umfassendes Begleitprogramm. Dazu gehört am Mittwoch, 22. September, auch das hybrid angebotene Herbstforum der Akademie für Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit Nordhessen zur aktuellen Debatte über den assistierten Suizid.

Mehr Informationen zur Ausstellung auf der Webseite des Museums.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Abb. 1: MS-Krankheitsdynamik: Patientinnen und Patienten bewegen sich von frühen Stadien über Phasen fokaler Entzündung in fortgeschrittene, meist irreversible Stadien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [4]

Multiple Sklerose heute

Praxisrelevante Daten im Fokus

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Änderungsantrag beschlossen

Bundestag verschärft Terminmeldepflicht für Praxen

Potenzielle Über- und Untertherapie

Medikation des Typ-2-Diabetes wird im Alter zu selten angepasst

Lesetipps
Lipoprotein(a)-Partikel

© Juan Gärtner / stock.adobe.com

Cholesterin

Intensive LDL-Senkung bei hohem Lp(a): Warum das schwierig werden kann

Petechien, also kleine Einblutungen in die Haut, an einem Bein.

© Robert Yap / stock.adobe.com

Frühe Warnzeichen

Bei diesen Hautbefunden auch an Hantavirus denken

Nahaufnahme einer Ärztin, die die Schilddrüse einer Patientin mit einem Ultraschallgerät untersucht.

© [M] artem_goncharov / stock.adob

Best-Practice-Empfehlungen

Erhöhtes Schilddrüsenkrebs-Risiko unter GLP-1-RA-Therapie?