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Porträt

Steve Roczen: Darum ist der MFA-Beruf für Männer interessant

Als sich Steve Roczen für den MFA-Beruf entschied, war er der einzige Mann auf weiter Flur: „Viele hielten mich für den Sohn des Arztes“. Seit Januar ist er Landesvorsitzender Süd des Verbands medizinischer Fachberufe – und brennt für seinen Beruf.

Michaela SchneiderVon Michaela Schneider Veröffentlicht:
Steve Roczen und MFA-Auszubildender

Besonders freute es Steve Roczen (links), als er vor wenigen Jahren in der Hausarztpraxis selbst einen männlichen Auszubildenden betreuen durfte.

© Zentrum Familienmedizin GbR

Medizinischer Fachangestellter? Zu Schulzeiten wäre Steve Roczen nie auf die Idee gekommen, sich für den MFA-Beruf zu entscheiden. Inzwischen liegt der Männeranteil bei zwei bis vier Prozent – er steigt, wenn auch sehr langsam. Besonders freute es den 31-Jährigen, als er vor wenigen Jahren in der Hausarztpraxis selbst einen männlichen Auszubildenden betreuen durfte.

Als Steve Roczen 2013 mit seiner eigenen Ausbildung begann, waren 99 Prozent der MFA weiblich. „Die Verwunderung war riesig, die Blicke werde ich nie vergessen. Viele hielten mich für den Sohn des Arztes, der die Praxis übernehmen wolle. Hatte ich Apotheken, Kliniken oder Krankenkassen am Telefon, dachten alle, der Arzt sei dran“, erinnert er sich.

Immer wieder musste er sich erklären, selbst vor Lehrern in der Berufsschule. „Das war nicht böse gemeint, eher Neugier“, sagt er.

Steve Roczen

  • ist 31 Jahre und kommt aus Gaildorf im Raum Schwäbisch Hall.
  • 2012 FSJ beim Deutschen Roten Kreuz in einem Schulzentrum
  • 2013 bis 2016 Ausbildung zum MFA
  • 2017/2018 Weiterbildung zur VERAH und 2019 zur NäPA
  • 2019 Übernahme der Teamleitung im „Zentrum Familienmedizin“
  • Seit 2026 Landesvorsitzender Süd des Verbands medizinischer Fachberufe

Anfangs überforderten ihn die ständigen Nachfragen. Irgendwann deutete er sie mit einem gesunden Selbstbewusstsein als Bewunderung.

Sogar bei der Abschlussfeier der Ärztekammer wurde er namentlich erwähnt, weil ein MFA – noch dazu einer, der im Beruf bleiben und nicht anschließend Medizin studieren wolle – so ungewöhnlich war.

„Es bräuchte noch viel mehr Männer“

Steve Roczen sagt: „Im Grunde sind wir alle Menschen. Macht der Beruf Spaß und hat man dafür die nötigen Stärken und Qualifikationen, ist das Geschlecht egal.“

Seit Januar 2026 ist er Landesvorsitzender Süd des Verbands medizinischer Fachberufe (VmF) und arbeitet nur noch zwei halbe Tage pro Woche im „Zentrum Familienmedizin“ im Raum Schwäbisch Hall.

Steve Roczen

Seit Januar 2026 ist Steve Roczen Landesvorsitzender Süd des Verbands medizinischer Fachberufe.

© Valentina Vogel Photography

Steve Roczen appelliert: Es bräuchte noch viel mehr Männer im MFA-Beruf. Regelmäßig merkt er, dass männliche Patienten mit intimeren Problemen heilfroh sind, wenn sie in der Praxis auf ihn statt eine der Kolleginnen treffen.

Nicht vergessen werde er einen 14-jährigen Teenager, der im Intimbereich operiert wurde und zur Nachbehandlung ins „Zentrum Familienmedizin“ kam: „Das war für ihn per se sehr unangenehm. Nach der letzten Behandlung kam er zu mir und sagte, er sei unheimlich froh gewesen, dass ich da gewesen sei und keine Frau.“

Von weiblichen MFA habe er nie ein kritisches Wort gehört, auch nicht während der Ausbildung. Stattdessen erlebte er Begeisterung, dass sich ein Mann in die Frauendomäne traue. Lediglich im Freundeskreis habe ihn der ein oder andere auf die doch eher niedrige Bezahlung angesprochen.

Ausschlaggebend war die Stellenanzeige einer Hausarztpraxis

Doch wie kam er zum MFA-Job? Nach der Mittleren Reife wusste der junge Mann nicht recht, was er machen wolle, und überbrückte mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) in einem Schulzentrum. Zuständig war er für die Kinderbetreuung sowie fürs Sekretariat und merkte: „Es ist genau diese Mischung aus Verwaltungstätigkeit und der Arbeit mit Menschen, die ich im künftigen Beruf machen will.“

Nach Ende des FSJs entdeckte er die Stellenanzeige einer Hausarztpraxis, schnupperte als Praktikant drei Tage in die MFA-Tätigkeit hinein und war sich sicher, den richtigen Ausbildungsplatz gefunden zu haben.

Nicht so sein künftiger Chef: Der gab Bedenkzeit und verwies auf das im Vergleich zur Pflege niedrigere Gehalt. „Für mich war trotzdem klar: Ich will in die Hausarztpraxis“, sagt Roczen, auch weil ihn die vielfältigen Weiterbildungsmöglichkeiten überzeugten – vom medizinischen Bereich übers Praxismanagement bis zur Teamleitung.

Nach Ausbildungsbeginn durfte er in der Hausarztpraxis mit zwei Ärzten und fünf weiteren MFA bald schon recht eigenständig arbeiten.

Drei Gründe, warum es laut Steve Roczen mehr Männer im MFA-Beruf braucht:

  • Für männliche Patienten – noch dazu, wenn es um intime Themen geht – ist ein männlicher MFA eine Bereicherung. Das gilt besonders für Fachbereiche wie die Urologie.
  • Die Mischung macht’s: Ein Praxisteam profitiert, wenn (auch) im Arbeitnehmerkreis Männer sowie Frauen arbeiten und verschiedene Perspektiven sowie eine größere Themenvielfalt einbringen.
  • Stoßen Frauen zu einer Männerrunde verändern sich die Dynamik sowie das Kommunikationsverhalten – und das gilt auch umgekehrt. Teaminterne Konflikte lassen sich manchmal besser beilegen, wenn „das andere Geschlecht“ mitspricht.

Es folgten Weiterbildungen zu VERAH und NäPA

Seine Karriere im Anschluss verfolgte er zielstrebig: Kurz nachdem „seine“ Hausarztpraxis 2016 ins ärztlich geführte „Zentrum Familienmedizin“ mit nun fünf Allgemeinmedizinern und einem Kinderarzt umgezogen war, machte er 2017/2018 die Weiterbildung zur VERAH sowie 2019 zur NäPA.

Dazu kamen kleinere Fortbildungen unter anderem zur Ausbildungsbetreuung und Teamführung, so dass er bald für die Azubis im Familienzentrum verantwortlich zeichnete und 2019 die Teamleitung im „Zentrum Familienmedizin“ übernahm.

Bis heute schwärmt der 31-Jährige für seinen Beruf: Jeder Tag sei anders und bringe – egal ob medizinisch oder organisatorisch – eigene Herausforderungen mit sich. Und: „Was man von den Patienten zurückbekommt, ist Gold wert.“ Man bekomme – auch in Zeiten gestiegener Anspruchshaltungen – Dankbarkeit gespiegelt und werde zur Vertrauensperson.

Man sei ein Team, eine Praxis lebe vom Geben und Nehmen – und das betreffe die MFA, die Ärzte, aber auch die Zusammenarbeit an den Schnittstellen zu Apotheken oder Kliniken.

MFA sind keine „Assistenzkräfte“!

Was Steve Roczen allerdings selbst im eigenen Freundeskreis zu ärgern begann: Wenig bekannt sei, dass der MFA-Beruf ein Vielfaches mehr sei als „an der Anmeldung zu sitzen, Karten zu lesen und ab und zu ein bisschen Blut abzunehmen“.

Als dann in der Coronazeit eine befreundete Krankenpflegerin über Überlastung klagte, reichte es dem MFA: „Wir waren Corona-Schwerpunktpraxis, ich hatte Überstunden bis ins Unermessliche gemacht. Was wir für die Patienten jeden Tag leisteten, wurde jedoch völlig übersehen.“

Er schrieb einen öffentlichen Brandbrief an den damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn, der in den Sozialen Medien viral ging und auch vom Verband medizinischer Fachberufe (VmF) geteilt wurde.

Steve Roczen am Megafon beim TFA-Streik Anfang 2025

Steve Roczen am Megafon beim MFA-Streik Anfang 2024.

© Verband medizinischer Fachberufe e.V.

2024 beteiligte sich sein Praxisteam als Solidaritätszeichen geschlossen am ersten MFA-Streik. „Das hatte nichts mit unserem Arbeitgeber zu tun, er stand voll hinter uns“, sagt Steve Roczen. Als bei der Kundgebung ein Redner ausfiel, kam eine Mitarbeiterin des VmF auf den jungen Kollegen zu und fragte, ob er einspringen könne.

Steve Roczen war darauf völlig unvorbereitet, doch übernahm trotzdem das Megafon: „Ich redete mich in Rage – und bekam dafür jede Menge Zuspruch.“ Er forderte mehr Wertschätzung für den MFA-Beruf und dass es aufhören müsse, „dass man uns immer nur als Assistenzkräfte sieht“. Er wandte sich an die Politik und forderte Zuschüsse wie in der Pflege.

„Man terminiert sich selbst“

Als Stefanie Teifel, nach zwölf Jahren im Amt der Landesvorsitzenden Süd in Rente ging, fragte sie Steve Roczen, ob er es sich vorstellen könne, bei der Landeshauptversammlung zu kandidieren. Gewählt wird alle vier Jahre.

„Erst mal war ich überfordert. Dann besuchte ich ein Basisseminar, lernte die Menschen in der Hauptgeschäftsstelle kennen und die Entscheidung war für mich klar. Ich hatte Lust, mich intensiv berufspolitisch zu engagieren.“

Im Januar 2026 trat er sein Amt als Landesvorsitzender Süd des Verbands medizinischer Fachberufe (VmF) an. „Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde: Ich habe bereits den Überblick über alle Verbandsbereiche. Aber das viele Organisatorische hätte ich ohne meine Aus- und Weiterbildungen in der Praxis nicht geschafft“, ist der 31-Jährige überzeugt. „Das beginnt mit der Terminierung. Man terminiert vielleicht keine Patienten mehr, aber dafür sich selbst.“

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