Gesunde Ernährung schwierig

Studie attestiert Deutschland mangelhafte Ernährungspolitik

Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher, wenn es darum geht, ein gesundes Ernährungsumfeld zu schaffen. Fachgesellschaften sehen die Gefahr, dass dadurch Diabetes begünstigt wird.

Von Margarethe UrbanekMargarethe Urbanek Veröffentlicht:
Laut „Food-EPI“ versuchen rund 90 Prozent der Deutschen, sich ausgewogen zu ernähren – unter den gegenwärtigen lebensmittelrechtlichen Bedingungen sei das in Deutschland aber nur sehr schwer umzusetzen, heißt es.

Laut „Food-EPI“ versuchen rund 90 Prozent der Deutschen, sich ausgewogen zu ernähren – unter den gegenwärtigen lebensmittelrechtlichen Bedingungen sei das in Deutschland aber nur sehr schwer umzusetzen, heißt es.

© kwanchaichaiudom / stock.adobe.com

Berlin/München. Deutschland bleibt bei der Förderung gesunder und nachhaltiger Lebensmittel hinter seinem Potenzial zurück. Das ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts der Ludwig-Maximilian-Universität München und des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie, an dem unter anderem auch die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) mitgewirkt hat.

Der „Food Environment Policy Index 2021“ (Food-EPI) wurde am Dienstag in einer virtuellen Pressekonferenz vorgestellt. Er bewertet die öffentlichen Maßnahmen zur Förderung einer gesunden Ernährung. Dabei wurden die nationalen politischen Rahmenbedingungen mittels strukturiertem Verfahren erfasst und mit internationalen Best Practices verglichen.

Auf dieser Grundlage haben die Autoren dann Reformempfehlungen entwickelt. „Deutschland hat noch besonders viel Luft nach oben“, resümiert Projektleiter Dr. Peter von Philipsborn von der Münchner Uni. Im Vergleich mit rund 40 anderen Ländern weltweit, in denen der Food-EPI angewandt werde, stehe Deutschland im unteren Mittelfeld.

DDG sieht Politik in der Pflicht

Mit Blick auf die Ergebnisse sind sich die medizinischen und wissenschaftliche Fachgemeinschaften, die am Food-EPI beteiligt waren, einig: Um ernährungsbedingten, nichtübertragbaren Krankheiten vorzubeugen, braucht es verbindliche rechtliche Vorgaben.

Wir müssen uns verabschieden von einer allgegenwärtigen Verfügbarkeit ungesunder Lebensmittel.

Professorin Diana Rubin, Leiterin des Berliner Zentrums für Ernährungsmedizin Vivantes Region Nord

„Die ernährungsassoziierte Krankheitslast muss auf jeden Fall politisch angegangen werden“, forderte am Dienstag etwa Professorin Diana Rubin. „Nur so kriegen wir die Übergewichts-Epidemie in den Griff.“ Rubin ist Leiterin des Berliner Zentrums für Ernährungsmedizin Vivantes Region Nord. Auch Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft und Sprecherin der DANK, schloss sich dieser Forderung an: „Die Politik darf nicht länger Rücksicht nehmen auf die Lebensmittelindustrie.“

Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland im Food-EPI besonders schlecht ab bei der Lebensmittelpreisgestaltung, der Regulierung von Lebensmittelwerbung und -marketing sowie dem Lebensmittelangebot in Einzelhandel und Gastronomie. Der Umsetzungsgrad in den Bereichen Datensammlung, -auswertung und -nutzung sowie politische Führungsrolle und offizielle Ernährungsempfehlungen sei „mittel“. Insgesamt wurde der Food-EPI in 13 Kategorien gegliedert.

Handlungsempfehlungen

Nach Analyse der Ausgangslage wurde untersucht, wie die Rahmenbedingungen für eine ausgewogene Ernährung in Deutschland verbessert werden könnten. Folgende Maßnahmen erachten die Autoren als besonders wichtig und praktikabel:

Nach Einschätzung der Autoren sollte flächendeckend eine ausgewogene Kita- und Schulverpflegung angeboten werden, die auch für alle erschwinglich ist. Die Umsetzung könnte steuerfinanziert erfolgen. Auch in anderen öffentlichen Einrichtungen sollten entsprechende Qualitätsstandards eingehalten werden.

Empfohlen wird eine gesundheitsförderliche Mehrwertsteuerreform, das heißt: Senkung des Mehrwertsteuersatzes auf gesunde Lebensmittel und eine Anhebung für ungesunde Produkte.

Die Autoren verweisen hierzu auf das erfolgreiche Modell Großbritanniens, wo eine nach dem Zuckergehalt gestaffelte Herstellerabgabe auf Softdrinks zu einem Rückgang des Zuckergehalts sowie des Zuckerkonsums aus Softdrinks führte. Nach Einschätzung Barbara Bitzers von der DDG könnte eine solche Herstellerabgabe Berechnungen zufolge eine deutliche Gewichtsabnahme in der Bevölkerung bewirken.

Nach Einschätzung der Autoren werden Kinder und Jugendliche in Deutschland zu viel Werbung für ungesunde Lebensmittel ausgesetzt. „Werbespots wirken sich auf die Sensorik aus, die Zuckerschwelle sinkt und Kinder entwickeln eine Präferenz für süße Snacks“,erläuterte Dr. Antje Hebestreit, vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie.

Die wissenschaftlichen und medizinischen Fachgesellschaften forderten am Dienstag geschlossen mehr Regulierung. „Wir müssen uns verabschieden von einer allgegenwärtigen Verfügbarkeit ungesunder Lebensmittel“, so Professorin Rubin. „Die Tendenz übergewichtiger Deutscher ist steigend. Es ist Zeit zu handeln.“

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Sindy Thomas

Zuästzlich zur Kita- und Schulspeisenversorgung, müsste/muss auch in Rehaeinrichtungen und Seniorenheimen eine gesunde Ernährung in den Fokus rücken.


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