Staatliche Hilfe

Verbesserungen für behinderte Kinder gefordert

Für Hilfe vom Staat müssen die Eltern von Hunderttausenden Kindern und Jugendlichen mit Behinderung zum Sozialamt. Ein schwerer Gang mit oft unbefriedigendem Ergebnis, monieren Kritiker – und fordern eine große Reform.

Veröffentlicht:

BERLIN. Sozialverbände und Politiker haben eine grundlegende Reform zugunsten von Kindern und Jugendlichen mit geistiger oder körperlicher Behinderung gefordert.

Die 260.000 betroffenen Minderjährigen sollten für staatliche Unterstützung nicht länger von Bewilligungen des Sozialamts abhängig sein, forderte das Bündnis am Dienstag in Berlin. Dies sei diskriminierend.

Vielmehr sollte die Kinder- und Jugendhilfe zuständig werden, forderte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, Karin Böllert.

Dies gilt bisher schon für rund 100.000 Minderjährige mit seelischer Behinderung, also dauerhaften psychischen Beeinträchtigungen.

Unterstützung aus einer Hand als Ziel

Die niedersächsische Sozialministerin Carola Reimann (SPD) sagte: „Kinder und Jugendliche sollten unabhängig von ihrer Beeinträchtigung Unterstützung aus einer Hand erhalten.“ Nötig sei eine „sehr große Reform“ unter Federführung von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD).

Die Sozialämter gewährten Eingliederungshilfe erst nach eingehender Prüfung unter anderem des Einkommens der Eltern, so die Initiatoren. Hohe Eigenanteile der Betroffenen seien die Regel. Die Unterstützung durch die Jugendämter sei in der Regel kostenfrei.

Willkür bemängelt

Folgende weitere Probleme machte das Bündnis an der heutigen Aufteilung aus:

  • Entschieden werde häufig nur anhand eines einzelnen Werts, ob Sozial- oder Jugendhilfe zuständig ist, nämlich anhand des Intelligenzquotienten. Mit einem IQ bis 69 sei es das Sozialamt, ab 70 das Jugendamt. Das sei oft willkürlich.
  • Betroffene würden oft von Amt zu Amt geschickt. Dies sei für die ohnehin belasteten Familien oft hart, führe zu doppelten Begutachtungen und Verunsicherung.
  • Sozialämter prüften die Gewährung von Assistenzleistungen, unterstützenden Maßnahmen für die Schulbildung, Heilpädagogik und anderem oft nach strengen Vorgaben. Bei den Jugendämtern seien hingegen oft Sozialpädagogen zuständig, die auch das Umfeld der Betroffenen umfassend sondierten, um passende Hilfen auszumachen.

Reform gefordert

Unterm Strich würden Minderjährige mit geistiger und körperlicher Behinderung ausgegrenzt. Mit zunehmendem Alter nähmen auch immer weniger Leistungen in Anspruch. Die Reform würde wohl zu mehr Leistungen für die Betroffenen und somit zu höheren Kosten für die Kommunen führen, so die Initiatoren.

Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) sagte: „Es ist absurd und alles andere als inklusiv, eine künstliche Trennung zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung vorzunehmen.“

Die rheinland-pfälzische Familienministerin Anne Spiegel (Grüne) forderte von der Bundesregierung eine entsprechende Reform des Kinder- und Jugendhilferechts.

Unterstützt wird der Aufruf für eine entsprechende Reform zudem unter anderem von den Ländern Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen sowie von Diakonie, Caritas, der AWO und dem Sozialverband VdK. (dpa)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Urteil

Arzt muss keine Auskunft über Samenspende-Zahlen geben

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Mehr als ein oberflächlicher Eingriff: Die Krankenhausreform verändert auch an der Schnittstelle ambulant-stationär eine ganze Menge.

© Tobilander / stock.adobe.com

Folgen der Krankenhausreform für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte

Die Klinikreform bringt Bewegung an der Schnittstelle zwischen Praxen und Krankenhäusern

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztbank (apoBank)
Detailansicht eines Windrades: Bringt eine ökologisch nachhaltige Geldanlage auch gute Rendite? Anleger sollten auf jeden Fall genau hinschauen.

© Himmelssturm / stock.adobe.com

Verantwortungsbewusstes Investment

„Nachhaltig – das heißt nicht, weniger Rendite bei der Geldanlage!“

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank)
Protest vor dem Bundestag: Die Aktionsgruppe „NichtGenesen“ positionierte im Juli auf dem Gelände vor dem Reichstagsgebäude Rollstühle und machte darauf aufmerksam, dass es in Deutschland über drei Millionen Menschen gebe, dievon einem Post-COVID-Syndrom oder Post-Vac betroffen sind.

© picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

Symposium in Berlin

Post-COVID: Das Rätsel für Ärzte und Forscher

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Porträt

Wie eine Gynäkologin ihre Krebserkrankung in einem Comic verarbeitet

Herzinfarkt-Prävention

Diabetes: Grippeimpfung schützt das Herz!

Lesetipps
Maske

© Porträt: BVKJ | Spritze: Fiedels / stock.adobe.com

Sie fragen – Experten antworten

Mutter mit MS: Kind gegen MMR impfen?

Ein Mann zieht an einem riesigen Virus.

© freshidea / stock.adobe.com

Off-Label-Use möglich

Long-COVID-Therapie: So schätzt Hausarzt Maibaum den G-BA-Beschluss ein