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Fußball-Weltmeisterschaft

WM-Kolumne: Wie das Hotel die Leistungsfähigkeit im Spiel beeinflusst

Ein großes Fußball-Turnier beginnt medizinisch betrachtet nicht mit dem Anpfiff, sondern Wochen davor. Eine WM-Vorbereitung zwischen Einreiseformularen, Hitzeschlacht und Hotelbuffet.

Von Kristina Hütter-Klepp Veröffentlicht:
Die deutsche Nationalelf bei einem Training.

Die DFB-Elf in der Vorbereitung: Viele Verletzungen passieren nicht im Spiel, sondern in den ersten Trainingseinheiten am neuen Ort, betont Allgemeinmedizinerin und Teamärztin Dr. Kristina Hütter-Klepp.

© picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON

Wir sind eine Fußballfamilie. Eindeutig. Wenn wir gemeinsam ein Spiel schauen, sieht bei uns genau genommen niemand einfach „nur“ Fußball. Ich starre gebannt auf den Bildschirm und sobald jemand liegen bleibt, denke ich: Wo steht die Rettung? Wie schnell ist die Erstversorgung da? Wie kommunizieren Teamarzt, Physio und Schiedsrichter miteinander?

Mein Sohn verfolgt mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit jeden Pfiff des Referees – und kommentiert jede Entscheidung, als säße er selbst im VAR-Raum. Meine Tochter interessiert sich, sagen wir es ehrlich, eher für den Oberkörperbau der Spieler und überlegt, mit wem sie am liebsten ein Selfie hätte. Und mein Mann, Leiter Sicherheit und Spielbetrieb beim SK Sturm Graz, analysiert hingebungsvoll LED-Banden und Ordner im Stadion.

Anderes Klima, andere Ernährung

So schaut bei uns zuhause ein Fußballspiel aus: Jeder verfolgt etwas anderes. Was viele vergessen: Ein großes Turnier beginnt nicht mit dem Anpfiff. Es beginnt Wochen davor. Und manchmal beginnt es mit Einreiseformularen.

Gerade bei einer WM in Nordamerika wird das deutlich: lange Flüge, mehrere Zeitzonen, anderes Klima, andere Ernährung, andere Hygienestandards. Deshalb reisen viele Nationalteams etwa eine Woche oder länger vor ihrem ersten Spiel an.

Zur Person

Kristina Hütter-Klepp

Kristina Hütter-Klepp

© GEPA pictures/ Christian Ort

Dr. Kristina Hütter-Klepp ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Familienmedizin in Graz. Sie war Teamärztin bei Sturm Graz und ist aktuell in gleicher Funktion beim Zweitliga-Aufsteiger ASK Voitsberg tätig.

Die 51-Jährige arbeitet im Leistungs- und Präventionsbereich und widmet sich einem Thema, das weit über den Spitzensport hinaus Karriere gemacht hat: Longevity, die Kunst des gesunden Alterns. Ihr neues Buch „Der Code zum Jungbleiben“ ist 2025 im Springer Verlag erschienen.

Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 schreibt Dr. Kristina Hütter-Klepp für die Ärzte Woche und die Ärzte Zeitung eine WM-Kolumne.

Zeitverschiebung, Klima und Belastung – das muss man erst einmal „verdauen“. Gleich nach der Landung läuft die unsichtbare Vorbereitung auf Hochtouren. Nach acht bis zehn Stunden Flug fühlt sich der Körper oft noch irgendwo über dem Atlantik.

Die Luft ist anders, der Schlafrhythmus verschoben, der Puls leicht erhöht. Während Fans zuhause noch die Startelf diskutieren, arbeitet der Körper der Athleten bereits an der Anpassung. Körperkerntemperatur, Flüssigkeitshaushalt, Herzfrequenzvariabilität und hormonelle Rhythmen verschieben sich gleichzeitig. „Jetlag“ ist da fast eine Untertreibung.

Hitze – ein physiologischer Stressor

Besonders anspruchsvoll wird es bei Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit. Hitze ist kein „unangenehmes Nebenproblem“, sondern ein physiologischer Stressor: Thermoregulation, Schweißproduktion, Gefäßregulation und aerobe Leistungsfähigkeit geraten gleichzeitig unter Druck.

Ohne gezielte Kühlstrategien kann die Leistungsfähigkeit rasch kippen. Eiswesten, gekühlte Getränke oder kalte Handtücher wirken von außen wie Wellness – tatsächlich sind sie angewandte Hochleistungsmedizin.

Ein erstaunlich einfacher Marker für den Flüssigkeitshaushalt bleibt die Urinfarbe: Dunkel signalisiert Dehydrierung und höhere Kreislaufbelastung, hellgelb eine ausreichende Hydration. Manchmal ist Hochleistungsmedizin erstaunlich pragmatisch.

Belastung für Muskeln und Gelenke verändert sich abrupt

Viele Verletzungen passieren nicht im Spiel, sondern in den ersten Trainingseinheiten am neuen Ort. Neuer Platz, andere Bodenhärte, ungewohnte Temperaturen – die Belastung für Muskeln und Gelenke verändert sich abrupt. Deshalb wirken die ersten Einheiten oft unspektakulär: viel Stabilisation, Prävention und Feintuning.

Während die Welt über Aufstellung und Pressinglinien diskutiert, schaut das betreuende Team auf andere Details: Bodenhärte, Bewässerung, Oberflächentemperatur, Lichtverhältnisse. Parallel laufen GPS-Daten, Belastungsskalen, manchmal Laktatwerte oder Blutmarker. Ziel ist nicht, alle ans Limit zu bringen –, sondern herauszufinden, wo dieses Limit an diesem Tag überhaupt liegt.

Rund um ein Team entsteht außerdem ein ganzes medizinisches Sicherheitsnetz: Absprachen mit lokalen Krankenhäusern inklusive möglicher OP-Bereitschaft, Hotelärztinnen und -ärzte als Ansprechpartner und die genaue Kenntnis, wo im Umfeld Apotheken zu finden sind.

Natürlich reist jedes Team mit eigener Notfallapotheke und medizinischen Koffern an. Aber im Hintergrund ist alles organisiert, damit im Ernstfall jede Versorgung sofort funktioniert.

Und dann wäre da noch das Hotel. Für Außenstehende ein Bett und ein Frühstücksbuffet – für Teams ein medizinisches Werkzeug. Zimmerpartner, Zimmertemperatur, Verdunkelung, Lärm oder Matratzenqualität beeinflussen den Schlaf. Und Schlaf wiederum beeinflusst Regeneration, Hormone und Verletzungsrisiko.

Das Hotelbuffet ist Freund und Feind zugleich

Dazu kommt ein klarer Tagesplan: feste Essenszeiten, Ruhephasen, Tageslicht für den zirkadianen Rhythmus. Und natürlich Social Media – ein Stressfaktor, der in keiner Statistik auftaucht, physiologisch aber durchaus messbar ist.

Auch das Hotelbuffet ist Freund und Feind zugleich. Viele Teams reisen mit eigenem Küchenteam, Lebensmitteln und Diätologinnen. Langkettige Kohlenhydrate füllen die Glykogenspeicher, Proteine unterstützen die Muskulatur, entzündungshemmende Fette liefern Energie.

Und über allem steht die Hygiene: Ein banaler Magen-Darm-Infekt kann für eine Mannschaft schnell zur Katastrophe werden.

Die Leistungsfähigkeit im Spiel entsteht nicht einfach durch eine Dauerbelastung, sondern durch kluge Akklimatisierung, optimale Hotelstruktur, präventive Trainingsanpassung, Hygiene-Management und physiologische Feinabstimmung.

Der Körper ist erstaunlich kooperativ –, wenn man ihn lässt.

Buchtipp

Corina Madreiter-Sokolowski; Kristina Hütter-Klepp, Der Code zum Jungbleiben, Springer Verlag 2025, 310 S., Softcover 26,50 Euro, ISBN 978-3-662-71276-4

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