Edelstahl für den Müll

Wegwerfkultur in deutschen Kliniken und Praxen

Tausende Scheren, Pinzetten und andere Instrumente aus Edelstahl landen täglich in deutschen Kliniken und Arztpraxen in Mülleimern. Das spart Geld, ist aber ökologisch fragwürdig. Was sind die Alternativen?

Veröffentlicht: 10.01.2020, 15:01 Uhr
Wegwerfkultur in deutschen Kliniken und Praxen

Schere und Pinzette nach einem Verbandswechsel wegwerfen? Das ist wohl oft billiger, als die Instrumente zu sterilisieren.

© hansgeel / Fotolia

Freiburg/Berlin. Nach wenigen Schnitten ist der Verband ab - und die Edelstahlschere landet im Müll. Wenn der Freiburger Klinikarzt Andreas Thomsen und seine Kollegen Patienten versorgen, füllen sich die Eimer sehr schnell mit Einmal-Instrumenten aus Edelstahl. „Weil wir für verschiedene Arbeitsschritte am selben Patienten immer wieder neue Geräte nutzen müssen, kommen zum Beispiel bei einem Verbandswechsel schon mal zwei Scheren und zwei Pinzetten zusammen“, so Thomsen. „Das scheint aber für die Klinik wirtschaftlicher zu sein, als die Instrumente zu sterilisieren.“

Einweg statt Mehrweg: Seit einigen Jahren gibt es diesen Trend bei Scheren, Pinzetten und anderen Instrumenten in Krankenhäusern und Arztpraxen. „2015 lag der Verbrauch bundesweit bei etwa sieben Millionen Einweginstrumenten, jetzt sind es bereits etwa 15 Millionen Stück pro Jahr“, schätzt Peter Boss, Geschäftsführer der Scholz Labor- und Klinikversorgungs GmbH, einem der größeren Anbieter auf dem Markt. Mehrere Tausend Tonnen Wegwerf-Edelstahl kämen so pro Jahr bundesweit zusammen.

Welche Instrumente werden häufig weggeschmissen?

„Der Einsatz von Einweginstrumenten beschränkt sich auf nur wenige Instrumente, die auf den Stationen verwendet werden – beispielsweise Schere, Pinzette, Klemme oder Ähnliches“, teilt ein Sprecher der Uniklinik Freiburg mit. Nach Schätzungen eines Mitarbeiters macht das eine Tonne Wegwerfedelstahl pro Jahr.

Auch an Europas größter Uniklinik, der Charité in Berlin, heißt es, Einweginstrumente seien nur die „Ausnahme“. In der Neurochirurgie müsse vereinzelt aus medizinischen Gründen auf Edelstahl-Einmalinstrumente zurückgegriffen werden, sagt eine Sprecherin.

„Wirtschaftswunder“ und „Spitzenkraft: So nennt Hersteller Fuhrmann seine Einmalscheren und -pinzetten und wirbt mit Kosteneinsparungen von bis zu 40 Prozent. „Die Reinigung und Sterilisation von Mehrweginstrumenten und die dabei entstehenden Logistikprozesse sind teuer und zeitintensiv“, erklärt eine Sprecherin.

Laut Peter Boss sind Einweginstrumente in Ambulanzen und auf Stationen, in Arztpraxen und auch in Pflegeheimen weit verbreitet: „Im OP haben sie aber nichts oder nur sehr wenig verloren“, so Scholz.

Neben Kosteneinsparungen haben die Einweginstrumente einen weiteren Vorteil: Die Verantwortung für die Sterilisation liegt beim Hersteller. „Das zumindest macht die Einweginstrumente verlockend, denn die Erfüllung der gesetzlichen Auflagen ist über die Jahre immer anspruchsvoller geworden“, sagt Arzt Thomsen.

Wegwerfkultur ökologisch bedenklich

Er hält den Trend für ökologisch bedenklich: „Die Instrumente enthalten auch kostbares Chrom, das im Klinikmüll praktisch verloren geht“. Das bestätigt Sven Grieger von der Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS. „Das nach der Müllverbrennung wiedergewonnene Metall wird häufig einfach nur als Baustahl genutzt, da spielt die Legierung dann keine Rolle mehr“, sagt er.

Um den Chromstahl wiederzuverwerten, haben Grieger und weitere Experten ein separates Rücknahmesystem entwickelt – im Auftrag der Firma Scholz, die sich damit auch von der Konkurrenz absetzen will. „Man kann doch nicht alles einfach wegschmeißen“, sagt Peter Boss. Das Ergebnis sind patentierte, verbrennbare Beutel zum Sammeln der Geräte. „Der große Vorteil ist, dass die Legierungen dann auch als solche wieder genutzt werden können“, erläutert Grieger.

„Doch warum überhaupt einschmelzen? Wenn ich die Geräte sammele, kann ich sie doch auch so produzieren lassen, dass man sie wieder sterilisieren kann“, sagt der Recycling-Experte Rolf Buschmann vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Das sei sicherlich ökologisch und energetisch die sinnvollere Variante. Aus seiner Sicht werden die Einweginstrumente aus „reiner Bequemlichkeit und ökonomischen Überlegungen“ genutzt. „Es ist wahrscheinlich einfacher, das Zeug einfach in die Tonne zu schmeißen, dann muss ich mich nicht mehr kümmern“, so Buschmann.

Klinikhygieniker gegen Einwegbesteck

Auch die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) lehnt Einweginstrumente ab: „Die Instrumente sind nicht gegen Rost geschützt. Wenn sie versehentlich doch einmal mit den Mehrweginstrumenten in die Aufbereitung gelangen, rostet potenziell der gesamte Inhalt des Reinigungs- und Desinfektionsgeräts, oder dann im Dampfsterilisator das gesamte OP-Sieb“, gibt Vorstandssprecher Peter Walger zu bedenken. Da die Instrumente wie Mehrweginstrumente aussehen, sei das nicht sicher zu verhindern.

Er betont zudem: „Diese Instrumente werden zu Hungerlöhnen und teilweise in Kinderarbeit in Sialkot in Pakistan produziert.“ Bei der Freiburger Uniklinik heißt es dazu: „Auch soziale Aspekte werden bei der Auswahl der Zulieferer der Einwegprodukte berücksichtig. In regelmäßigen Audits werden die Vorlieferanten geprüft.“

Trotz des wachsenden Einwegmarktes: Das komplette Wegfallen der Sterilisation in Krankenhäusern und von Mehrweginstrumenten ist wohl nicht zu befürchten. An der Uniklinik Freiburg seien mehr als eine Million davon im Umlauf, sagt der Sprecher. Klinikarzt Andreas Thomsen will sich dafür einsetzen, dass die Zahl der verwendeten Einweginstrumente aus Edelstahl wieder sinkt.

Eine Idee dafür: Weniger bedenkliche Ausweich-Produkte nutzen. „Beim Drapieren von Wundauflagen benötige ich keine Pinzette aus Stahl - ein steriles Instrument aus Kunststoff würde völlig ausreichen.“ (dpa)

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