DGHO-Jahrestagung

Wenn Wissen und Viren exponentiell wachsen

Die Flut der Publikationen in der Onkologie ist in den Monaten der Pandemie weiter angestiegen. Die Herausforderung: die neuen Erkenntnisse in der Praxis nutzbar zu machen.

Von Moritz Borchers Veröffentlicht:
Studien über Studien: Die Wissensflut stellt Ärzte vor große Herausforderungen. Das gilt vor allem in der Onkologie – aber nicht nur für dieses Fachgebiet.

Studien über Studien: Die Wissensflut stellt Ärzte vor große Herausforderungen. Das gilt vor allem in der Onkologie – aber nicht nur für dieses Fachgebiet.

© thodonal / stock.adobe.com

Berlin. Was treibt deutschsprachige hämatologische und onkologische Fachgesellschaften aktuell besonders um? Wichtige Hinweise darauf liefert gewöhnlich die Eröffnungspressekonferenz zu deren Jahrestagung. Dort zeigte sich: Mit dem publizierten Wissen in der Praxis Schritt zu halten, ist eine der drängendsten Herausforderungen – nicht nur in der Pandemie.

Im Jahr 2020 habe man eine massive Steigerung in der Publikation von Forschungsarbeiten registriert, berichtete Professor Markus Manz, vormaliger Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Hämatologie (SGH-SSH) und Direktor der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Universitätsspital Zürich, Schweiz bei der Pressekonferenz. Dieser Zuwachs liege zum einen in Publikationen zum Thema COVID-19 begründet, die in 2020 circa vier Prozent aller wissenschaftlichen Veröffentlichungen ausgemacht haben. Zum anderen hätten die Verlage über alle wissenschaftlichen Felder hinweg deutlich mehr Einreichungen zur Veröffentlichung registriert.

Allein in Zeitschriften des Elsevier-Verlages sind die Submissions zwischen Februar und Mai 2020 um 30 Prozent zum Vorjahreszeitraum gewachsen, in Zeitschriften mit Medizin- und Gesundheitsbezug sogar um 63 Prozent. Auch in der Onkologie seien mit etwa 12 Prozent substanziell mehr Publikationen im Vergleich zu 2019 angefallen, berichtete Manz mit Blick auf eine eigene Analyse von Pubmed-Daten.

Endlich Zeit zum Publizieren? Nicht für alle!

Während der Anstieg von COVID-19-Publikationen unmittelbar einleuchtet, fällt eine Erklärung bei allen anderen Themen nicht ganz so leicht. Ein möglicher Grund könnte sein, dass Forschende im Homeoffice schlicht mehr Zeit dafür hatten, Paper zu schreiben, mutmaßte Manz.

Das gilt aber offenbar leider nicht für alle gleichermaßen: Laut der Analyse der Elsevier-Einreichungen (die bisher nur als Preprint zur Verfügung steht) ist der beobachtete Publikationszuwachs vor allem auf männliche Autoren zurückzuführen. Das wiederum könnte daran liegen, dass während der Lockdown-Phasen primär Frauen die Last von Homeschooling und Kinderbetreuung getragen hätten, vermutete Manz. Kritisch zu reflektieren sei auch, dass in der Pandemie für Inhalte mit COVID-19-Bezug beschleunigte Publikationsprozesse das Risiko für die Verbreitung von Fehlern bzw. Fehleinschätzungen erhöhten.

Flexible Strukturen als Reaktion auf die Wissensflut

Dass das veröffentlichte Wissen gerade in der Hämatologie und Onkologie seit Jahren rasant zunimmt, ist allerdings auch schon vor der Pandemie so gewesen. Daran erinnerte auch Professor Lorenz Trümper, geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) und Vorstand Krankenversorgung der Universitätsmedizin Göttingen. Er verwies auf das inzwischen fest etablierte Online-Leitlinienportal „Onkopedia“ als eine Antwort auf die Wissensflut.

Die sogenannte Wiki-Struktur der Seite erlaube es – im Gegensatz etwa zu S3-Leitlinien –, sehr schnell neue Erkenntnisse zu berücksichtigen und einzupflegen. Das biete die Chance, sich ändernde Diagnostik- und Therapiestandards von hämatologischen und onkologischen Erkrankungen schnell der betreffenden Fachkollegenschaft verfügbar zu machen.

Dieser Geschwindigkeitsvorteil lässt sich zum Beispiel auch daran ablesen, dass schon im Juli 2020 die erste Version der Leitlinie „Coronavirus-Infektion (COVID-19) bei Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen“ online ging. Diese Guideline zähle auch aktuell noch mit etwa 60.000 Seitenaufrufen pro Monat zu den drei beliebtesten Leitlinien.

Um die Onkopedia-Leitlinien noch breiter zugänglicher zu machen, würden diese sukzessive auch ins Englische übersetzt, erklärte Trümper. Bereits jetzt sind erste englischsprachige Fassungen verfügbar.

Hilfe durch künstliche Intelligenz

Während beim Erstellen von Leitlinien menschliche Expertise laut Trümper unerlässlich ist, kann in anderen Bereichen eine Flut an Daten vielleicht auch durch Künstliche Intelligenz (KI) bearbeitet werden. Diese Hoffnung äußerte der diesjährige Kongresspräsident Professor Andreas Mackensen, Direktor der Medizinischen Klinik – Hämatologie und Internistische Onkologie des Universitätsklinikums Erlangen.

Denn umfangreiche Datenmengen fielen nicht nur in der Fachliteratur an, sondern auch in der Versorgung von Patienten. Hier könnten innovative digitale Lösungen gegebenenfalls auf längere Sicht helfen, die Betreuung von Erkrankten zu verbessern, das Personal zu entlasten und die Effizienz des Gesundheitswesens insgesamt zu steigern.

KI ist allein nicht die Lösung

In diesem Zusammenhang zeigte sich Mackensen vom Projekt „SmartHospital.NRW“ beeindruckt, das Professor Stefan Wrobel, Institutsleiter des Fraunhofer Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) in Sankt Augustin, im Rahmen der Kongresseröffnungsveranstaltung am Freitag präsentierte.

Ziel des von der Universitätsmedizin Essen geleiteten Projektes ist es unter anderem, unter Mitwirkung verschiedener Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft konkrete KI-Lösungen für den realen Krankenhauseinsatz zu entwickeln und zu erproben. Dazu gehört etwa die intelligente KI-basierte Erstellung und Verarbeitung medizinischer Dokumente, die KI-gestützte Gesundheitsdatenanalyse im diagnostischen Kontext oder auch die sterile Bedienung von Computern mittels Spracheingabe.

Nur auf KI und Digitalisierung setzt übrigens auch Mackensen nicht: Schließlich hat er dem diesjährigen Kongress, der als Hybridveranstaltung stattfindet, das Motto „Wir müssen wieder reden“ verpasst – und bezieht sich damit gerade auf die Kommunikation von Mensch zu Mensch im physischen Raum.

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