Hohes Risiko

Armut und Bildungsmangel

Geringer Bildungs- und Sozialstatus und ein niedriges Einkommen begünstigen die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2. Die Lebenserwartung verkürzt sich um bis zu zehn Jahre.

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:
Geringer Bildungs- und Sozialstatus und ein niedriges Einkommen begünstigen die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2.

Geringer Bildungs- und Sozialstatus und ein niedriges Einkommen begünstigen die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2.

© bvmed.de

Im Vergleich zu Personen mit mittlerem und hohem sozioökonomischen Status haben Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status einen schlechteren Gesundheitszustand und erkranken häufiger an Typ-2-Diabetes. Zugleich ist das Risiko für Depressionen, Adipositas, hoher Blutdruck und Fettstoffwechselstörungen erhöht. Lebensstil und -umstände sind problematisch: hoher Raucheranteil, körperliche Inaktivität, prekäre berufliche Situation.

Innerhalb von Deutschland ist die Prävalenz von Typ-2-Diabetes ungleich verteilt und in hohem Maße abhängig von der Prosperität einer Region. Nach dem Diabetes-Atlas der Barmer-GEK sind Menschen in wirtschaftlich schwachen Regionen besonders häufig von Diabetes betroffen. Im brandenburgischen Bad Belzig südlich von Berlin sind 13,5 Prozent der Einwohner Diabetiker, in der Gegend um die Hamburger Elbchaussee sind es lediglich 4,3 Prozent. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg leidet jeder zehnte Bürger an Typ-2-Diabetes, in Schleswig-Holstein sind es weniger als sieben Prozent.

Nach einer Untersuchung des DIAB-CORE-Verbundes ist das Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken, in Gemeinden mit der höchsten strukturellen Benachteiligung mehr als doppelt so hoch wie in prosperierenden Kommunen. Benachteiligte Regionen sind charakterisiert durch ein niedriges Durchschnittseinkommen der Bevölkerung, hohe Arbeitslosigkeit, unterdurchschnittlicher Bildungsstatus und niedriges Steueraufkommen. Hinzu treten Umweltbelastungen, wenig attraktive Freizeitbedingungen und hohe Verfügbarkeit von Fastfood und hochverarbeiteten Lebensmitteln.

"Unter Einbezug individueller Risikofaktoren wie Alter und Geschlecht haben Personen mit der höchsten Deprivation eine rund 20 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, verglichen mit Männern und Frauen in den am wenigsten benachteiligten Regionen", heißt es im "Deutschen Gesundheitsbericht – Diabetes 2017". Bei Adipositas liege sogar eine um fast 30 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit vor.

Soziale Faktoren bestimmen auch den Verlauf der Krankheit. Nach einer schwedischen Untersuchung haben Personen aus der niedrigsten Einkommensgruppe ein dreifach höheres Risiko, an Diabetes oder einer koronaren Herzkrankheit zu versterben. Ledig, oder allein lebens, niedrige Schulbildung und Migrationshintergrund sind weitere Risikofaktoren. Auch dann, wenn unabhängig von diesen Merkmalen der Zugang zur medizinischen Versorgung gewährleistet ist, bleibt es dabei, dass Menschen im unteren Einkommensfünftel ein doppelt so hohes Sterberisiko haben, so das Ergebnis einer zwischen 2003 und 2010 durchgeführten schwedischen Studie.

Hinzu kommt, dass etwa jeder fünfte Diabetiker über soziale Diskriminierung klagt. Tatsächlich existieren Einschränkungen bei der Berufswahl, Benachteiligungen im Berufsleben, Probleme mit der Fahrtauglichkeit, erschwerter Zugang zu privaten (Kranken-)Versicherungen.

Die Gesundheitspolitik in Deutschland reagiert darauf eher zögerlich. Eine nationale Diabetesstrategie wird seit 2012 vom EU-Parlament, seit 2013 von der EU-Kommission, seit 2014 auch vom Bundesrat zusätzlich zum Präventionsgesetz empfohlen. Definitiv entschieden ist bislang nichts.

Verhältnispräventiven Maßnahmen steht die Bundesregierung eher ablehnend gegenüber. Beim jüngst vorgestellten Ernährungsbericht stellte Bundeslandswirtschaftsminister Christian Schmidt mit Erstaunen fest, dass ein großer Teil der erwachsenen Generation nicht kochen kann (oder will), jedenfalls nicht in der Lage ist, Grundwissen für ein gesundes Leben an ihre Kinder weiterzugeben. Entsprechend müsse der staatliche Bildungsauftrag erweitert werden. So liegt der Ball bei den Kultusministern – und liegt, liegt, liegt...

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