Magersucht

Barmer erhebt harsche Vorwürfe gegen Model-Show

Kaum ist die neue Staffel von "Germany‘s Next Top Model" gestartet, müssen sich nicht nur Fernsehmedien erneut die Frage gefallen lassen, ob sie mit derartigen Formaten besonders bei Jugendlichen nicht Essstörungen wie Magersucht begünstigen. Die Diskussion über die Heidi-Klum-Show ist nicht neu, aktuelle Zahlen jedoch alarmieren.

Julia FrischVon Julia Frisch Veröffentlicht:
Schlank oder schon zu dünn? Heidi Klum (links) beim Finale der zehnten Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ mit Kandidatinnen.

Schlank oder schon zu dünn? Heidi Klum (links) beim Finale der zehnten Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ mit Kandidatinnen.

© Uwe Anspach / dpa

BERLIN. Es war kein Zufall, dass die Barmer einen Tag vor dem Start der neuen Staffel von "Germany´s Next Top Model" eine Pressekonferenz zu dem aus ihrer Sicht "beunruhigenden Anstieg" bei Magersucht-Diagnosen in Brandenburg hielt. Barmer-Landesgeschäftsführerin Gabriela Leyh machte keinen Hehl daraus, dass sie von der Model-Sendung mit Heidi Klum nicht viel hält.

Sie propagiere nicht nur, dass Schlankheit schön ist, sondern auch Körpergewichte, die unter dem Normalen liegen. "Jugendliche werden verunsichert und der Eindruck wird erweckt, dass man Anerkennung und Glück bekommt, wenn man schön ist", sagte Gabriela Leyh.

Dass sich Sendungen wie "GNTM" nicht verhindern lassen, weiß Leyh natürlich. Schön wäre es aber, wenn man "die Medienverantwortlichen" für das Thema Essstörungen mehr sensibilisieren und "hellhörig machen" könnte.

"Kritikwürdiges Schlankheitsideal"

2015 befasste sich die Kommission für Jugendmedienschutz zum wiederholten Mal mit der Klum-Sendung. Anlass waren Zuschauerbeschwerden, die eine mögliche Förderung von Magersucht durch das Format bemängelt hatten. Einen Verstoß gegen Jugendschutz konnte die Kommission aber erneut nicht feststellen.

Ihre Begründung: Die Sendung zeige zwar "eine Berufsrealität", in der "ein kritikwürdiges Schlankheitsideal" vorherrsche. Diese mediale Darstellung sei jedoch nicht als entwicklungsbeeinträchtigend oder gefährdend für Kinder und Jugendliche zu bewerten. Problematische Szenen seien ausreichend relativiert worden, indem kritische Kommentare (etwa "Du bist zu dick") ausdrücklich auf die beruflichen Anforderungen an ein Laufsteg-Model bezogen worden seien.

In der Tat lösen Fernsehsendungen allein nicht Essstörungen wie Anorexie, Bulimie oder Binge Eating aus. Bei diesen psychosomatischen Krankheiten mit Suchtcharakter spielen viele Faktoren zusammen.

Erfahrungsgemäß sind es meist Mädchen mit mangelndem Selbstbewusstsein, aus Elternhäusern, bei denen das Aussehen eine große Rolle spielt, Diäten zum Alltag gehören, Schlanksein mit Erfolg gleichgesetzt wird oder unsichere Bindungen zu Vater und Mutter bestehen, die in der Pubertät oder durch den Wunsch nach Anerkennung und zu Gefallen, Essstörungen entwickeln.

Fernsehsendungen können die Tendenz zu Magersucht, Bulimie und den anderen Formen von Essstörungen aber offenbar verstärken. Das legt eine Befragung nahe, die 2015 durch das Internationale Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen unter 240 akut von einer Essstörung Betroffenen durchgeführt wurde. Knapp über 60 Prozent der Befragten gaben an, dass GNTM einen "sehr starken" oder zumindest "etwas" Einfluss auf ihre Essstörung hatte.

Models haben großen Einfluss

Die Studie zeigte aber auch: Nicht nur das Fernsehen, sondern auch Bilder von superdünnen Models auf Werbeplakaten oder in Modezeitschriften haben Wirkung. Fast 70 Prozent der an einer Essstörung Erkrankten gaben an, dass sie Models auf Leinwänden stark bis etwas beeinflussten. Bei 60 Prozent spielten auch Fotos in Modezeitschriften eine große Rolle.

Nach einer Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts zum Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen, die 2007 veröffentlicht wurde, gibt es bei fast 22 Prozent der Jungen und Mädchen zwischen elf und 17 Jahren Hinweise auf Essstörungen. Betrachtet man nur die Mädchen, liegt der Anteil sogar bei 29 Prozent.

Nach Zahlen der Barmer ist Magersucht in allen Bundesländern auf dem Vormarsch. Zwischen 2011 und 2015 stieg die Zahl der Diagnosen in ganz Deutschland an. Am stärksten betroffen sind die beiden bevölkerungsreichsten Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Bayern. Die Dunkelziffer, da sind sich Experten einig, dürfte jedoch hoch sein, da sich Erkrankte oft selbst nicht als behandlungsbedürftig empfinden.

Das momentan herrschende Schlankheitsideal in den Medien sieht auch Cecily Schallock von der Beratungsstelle "Dick und dünn" in Berlin (www.dick-und-duenn-berlin.de) kritisch. "Dicke Helden gibt es im Fernsehen einfach nicht mehr", sagt sie. Nicht nur Biene Maja, auch ihr Kumpel, der dicke Willy, wurden inzwischen verschlankt.

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