Coronavirus

Bayern spielt Pandemieszenarien durch

Krisensitzung zur Coronavirusgefahr: Zwar sei man vom Katastrophenschutzstatus noch weit entfernt, „doch sind alle Einsatzkräfte handlungsbereit“, hieß es bei einer außerordentlichen Kabinettssitzung. Ärzte klagen derweil über fehlende Schutzkleidung – auch in Niedersachsen.

Von Birgit Fenzel Veröffentlicht: 01.03.2020, 13:19 Uhr
Bayern spielt Pandemieszenarien durch

Das Wichtigste sei im Moment, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, sagte Andreas Zapf, Präsident des bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (r), nach einer Sitzung des bayerischen Kabinettsausschusses zur Ausbreitung des Coronavirus. Mit dabei: die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) und der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

© Matthias Balk / dpa

München. Aufklärung und Effektkettenverfolgung – auf diese beiden Strategien setzt Bayern, um eine weitere Verbreitung des Coronavirus zu verhindern. Zwar sei man vom Katastrophenschutzstatus „noch weit entfernt, doch sind alle Einsatzkräfte handlungsbereit“, so Innenminister Joachim Herrmann nach einer außerordentlichen Kabinettssitzung am Freitag, zu der sich Vertreter verschiedener Ministerien mit Gesundheitsbehörden in der Staatskanzlei getroffen hatten.

Auch habe man bereits 100 Infektionsschutzsets an die Einsatzkräfte ausgegeben. Probleme bereitet jedoch die Versorgung von Ärzten mit Schutzanzügen. Der Nachschub sei schwierig, so die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml.

Arzt aus Erlangen erkrankt

„Solange wir wissen, wo der Infekt herkommt, haben wir gute Chancen, die Infektkette zu durchbrechen“, so Huml. Das Wichtigste sei im Moment, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, so Andreas Zapf, Leiter des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Wenn der Höhepunkt der Grippewelle überschritten sei, stünden wieder mehr Bettenkapazitäten zu Verfügung. Außerdem könnte es sein, dass auch dieses Virus wie die Grippe eine eher saisonale Erscheinung sei.

Inzwischen gibt es weitere Details der 15. Infektion im Freistaat, die am Donnerstag bekannt geworden ist. Es handelt sich um einen Arzt aus Erlangen. Laut LGL-Chef Zapf hat sich der Dermatologe bei einem Meeting mit Kollegen in München angesteckt, an dem zehn Personen – darunter auch ein Italiener – teilgenommen hätten. Letzterer sei vom 19. bis 21. Februar in München gewesen. Obwohl er bereits am 20. Februar gefiebert habe, habe er an dem Meeting weiter teilgenommen. Bekannt wurde seine Infektion nach einem Arztbesuch am Tag seiner Rückkehr nach Mailand. Die italienischen Behörden informierten dann am Mittwochabend das Gesundheitsamt in Erlangen.

Derweil wurden nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bis zum späten Samstagnachmittag drei weitere Coronavirus-Fälle in Bayern bestätigt. Die drei Fälle stammen aus Oberbayern.

Messen besser ohne Aussteller aus Risikogebieten

LGL-Leiter Andreas Zapf hielt am Freitag die Tatsache, dass die auch die neuen Ansteckungen innerhalb kleinerer Gruppen erfolgt seien, für eine „wichtige Beobachtung“ angesichts der sich die Frage stelle, „ob Großveranstaltungen bei der Verbreitung tatsächlich eine große Rolle spielen“. Dennoch empfiehlt die Staatsregierung den Messeveranstaltern in Bayern, Aussteller aus Risikogebieten explizit auszuladen. „Wenn das möglich sei, sollte die komplette Messe abgesagt werden, so Gesundheitsministerin Melanie Huml. Ansprechpartner seien in diesem Fall die Gesundheitsämter vor Ort.

Schulschließungen oder Abriegelungen ganzer Ortschaften seien noch kein Thema. „Wir haben uns gefragt, ob wir bei den Schulschließungen reaktiv oder proakiv agieren sollten und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir wie bei der Grippe reaktiv handeln sollten“,so Huml. Aus sachlicher Sicht gebe es auch keinen Grund ein ganzes Dorf abzusperren, sagte Herrmann.

Flugblätter für Rückkehrer aus Italienurlaub

Stattdessen will der Freistaat die Aufklärungskampagnen weiter intensivieren. Dazu gehören auch Flugblätter für die bayerischen Italien-Urlauber, die nach dem Ende der Faschingsferien in den Freistaat zurückkehren. Neben Informationen über Risikogebiete enthalten sie Handlungsempfehlungen. Etwa, dass sie bei begründetem Verdacht telefonisch zu ihrem Arzt Kontakt aufnehmen sollten, anstatt gleich persönlich in der Praxis zu erscheinen.

Bayern spielt Pandemieszenarien durch

In Bayern klagen Ärzte über Schwierigkeiten an Schutzausrüstung zu kommen.

© Frank May / picture alliance

Ministerin rät Ärzten zu sparsamem Umgang mit Schutzmaterial

Zudem laufen derzeit Gespräche mit der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung. Dabei geht es auch um die Probleme bei der Beschaffung von geeigneter Schutzkleidung, über die viele Ärzte in Bayern klagen. Generell sei es Sache der Ärzte, sich das Schutzmaterial selbst zu besorgen, betonte die Ministerin. Dass es Nachschubprobleme gibt, wisse sie aus Anfragen ihres Ministeriums bei verschiedenen Herstellern. „Die Rückmeldungen zeigen, dass es schwierig ist, an Material zu kommen“, so Huml. Aus ihrer Sicht könnten „Möglichkeiten materialschonender Testung“ vorerst Abhilfe schaffen. Wenn ein Arzt Abstriche bei Gruppen von Patienten vornehme, bräuchte er nicht für jeden Abstrich einen neuen Schutzanzug, wie es der Fall sei, wenn er einzeln zu den Patienten nach Hause fahre und jedes Mal wechseln müsse.

Auch niedersächsische Ärzte fordern mehr Unterstützung

Auch in Niedersachsen forderte die KV, dass die Ärzte von den staatlichen Stellen besser mit Schutzkleidung ausgestattet werden sollten. Hierzu hat die Vertreterversammlung am Samstag einen Beschluss gefasst. Gleichzeitig appellierten die Delegierten an die Patienten, Arztpraxen primär telefonisch zu kontaktieren und nicht bei geringer Krankheitssymptomatik Arztpraxen oder Krankenhausambulanzen direkt aufzusuchen. „Die Versorgung von Patienten mit Coronakrankheitssymptomen in den Praxen gefährdet chronisch kranke Patienten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Praxen. Auch die amtlich angeordnete Schließung von Praxen muss verhindert werden“, heißt es.

Eine Klinik nur für Coronafälle?

In Bayern sollen unterdessen die kommende Woche Gespräche mit allen bayerischen Krankenhäusern stattfinden. Dabei soll es unter anderem um Kapazitäten von geeigneten Quarantänebetten in Krankenhäusern gehen. „Wir müssen auch darauf vorbereitet sein, wenn es plötzlich sehr viele Fälle sind“, so Huml. Denkbar wäre es, die Krankenhausbetten dann nur noch schweren Fällen vorzubehalten. „Möglich wäre auch, ein Krankenhaus leer zu räumen und nur Coronavirus-Patienten dort unterzubringen“, fügt sie hinzu. (Mitarbeit reh)
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