Großbritannien

Brexit-Unsicherheit höhlt Gesundheitssektor aus

Ärzte und Pfleger aus der EU fühlen sich in Großbritannien zunehmend unwohl, neue Mitarbeiter kommen gar nicht erst: Der Brexit hängt wie ein Damoklesschwert über dem Gesundheitswesen der Insel, die Unsicherheit zermürbt die Menschen.

Von Arndt Striegler Veröffentlicht: 03.11.2018, 14:14 Uhr
Brexit-Unsicherheit höhlt Gesundheitssektor aus

Die EU und Großbritannien — wie wird das Brexit-Schachspiel ausgehen?

© Pixelbliss / stock.adobe.com

LONDON. Es war keine gute Woche in Großbritannien: weder für diejenigen, die sich sehnlichst einen harten Brexit wünschen, um das Königreich dann möglichst schnell in ein neues, europäisches Niedrig-Steuer-Paradies mit kaum Auflagen und Regeln zu verwandeln.

Und auch nicht für diejenigen von uns hier auf der Insel, die nach wie vor und entgegen aller Indizien auf eine gütliche Scheidung und einen sowohl für die EU als auch für Großbritannien glimpflichen Brexit Deal hoffen.

Zwar schaffte es die angeschlagene britische Premierministerin abermals, einen drohenden Putsch gegen sie aus der eigenen Partei abzuwenden.

Was freilich die Sache mit dem Brexit nicht leichter macht. Denn der Grund, warum die Verhandlungen zwischen Brüssel und London seit Monaten festgefahren sind, liegt ja nicht in der Person von Theresa May begründet, sondern in den von britischer Seite aufgezeigten roten Linien.

Allen voran die irische Grenze und das Beharren der Briten, Nordirland dürfe zolltechnisch nicht anders behandelt werden als England, Schottland und Wales. Wie das freilich funktionieren soll, wenn das Vereinigte Königreich Ende März 2019 die EU verlässt – niemand weiß es.

Langer Rede, kurzer Sinn: Von einer Einigung mit Brüssel ist man nach wie vor meilenweit entfernt.

Denn ich beobachte täglich mit Spannung und großer Nervosität, wie das Hauen und Stechen am Brüsseler Verhandlungstisch den Wechselkurs des britischen Pfund Sterlings gegenüber dem Euro drückt.

Schlecht für Forschung und Wissenschaft

Dass die britische Währung seit dem historischen Brexit-Votum vor rund zweieinhalb Jahren deutlich an Wert gegenüber US-Dollar, Euro und anderen Weltwährungen verlor, ist genauso wenig verwunderlich wie der Inhalt jener öffentlichen Stellungnahme von Wissenschaftlern des angesehenen Londoner Francis Crick Instituts für Medizinforschung.

Dort wurden mehr als 1000 Forschungsmitarbeiter nach ihrer Meinung zum Brexit befragt. 97 Prozent von ihnen glauben, dass der EU-Ausstieg „grundsätzlich schlecht für die britische Forschung und Wissenschaft“ sein werde.

Das 2015 für umgerechnet rund 700 Millionen Euro eröffnete Institut beschäftigt mehr als 1000 Mitarbeiter, von denen 40 Prozent aus anderen EU-Ländern kommen. 43 Prozent kommen aus Großbritannien und 17 Prozent aus dem nicht zur EU gehörenden Ausland.

Bei anderen großen, in Großbritannien angesiedelten Forschungsstätten ist der Mitarbeiter-Mix ähnlich: Ohne Leute aus der EU würde der Bunsenbrenner in vielen Labors zwischen London und Edinburgh auf Sparflamme brennen.

Noch signifikanter ist ein offener Brief, der kürzlich von 28 Nobelpreisträgern an Theresa May und Jean-Claude Juncker geschickt wurde und in dem diese davor warnten, dass ein No-Deal-Brexit oder Hard-Brexit Großbritanniens Forschung dezimieren würde. Starker Tobak.

Schon jetzt berichten britische Forschungsinstitute und Universitäten, wie viel schwieriger es geworden ist, seit dem Brexit-Votum EU-Forscher und andere Mitarbeiter für einen Job auf der Insel zu gewinnen.

„Die Leute im Ausland haben gemerkt, dass bei uns seit dem Referendum ein ausländerfeindliches Klima herrscht. Da wollen viele nicht mehr kommen“, sagte mir kürzlich ein befreundeter Wissenschaftler aus Cambridge.

EU-Ärzte werfen die Flinte ins Korn

Ähnlich die Situation auch im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS). Von 221 staatlichen Kliniken, die vom Bureau of Investigative Journalism kürzlich befragt wurden, meldeten 122 aktuell weniger Ärzte und Krankenpflegepersonal aus der EU zu beschäftigen als noch vor einem Jahr.

Auch hier findet also seit dem BrexitVotum eine Abwanderung von der Insel statt. Jedes zweite Krankenhaus, das über die Abwanderung von ausländischem Personal klagt, meldet zudem, dass EU-Ärzte und Pfleger heute öfter und rascher die Flinte ins Korn werfen als ausländische Beschäftigte aus Nicht-EU-Ländern.

Anruf bei der Pressestelle des Londoner Gesundheitsministeriums. Nein, man habe zwar von diesen Zahlen gelesen, könne diese aber „so nicht bestätigen“.

Und davon mal ganz abgesehen sei man im Ministerium nach wie vor „zuversichtlich, einen guten Brexit-Deal zu bekommen“, der dann sowohl Ärzten und anderen NHS-Beschäftigten als auch Patienten zu gute kommen werde.

So viel Optimismus trotz wenig Fortschritt! Was umso mehr überrascht, als ausgerechnet das britische National Audit Office, eine Art nationales Überwachungsamt und Rechnungshof in einem, vor wenigen Tagen vor drohendem Chaos an den Grenzen warnte, sollte es tatsächlich zu einem chaotischen Brexit am 29. März 2019 kommen.

Von kilometerlangen Lkw-Schlangen an den Grenzen und Chaos in den See- und Flughäfen ist da die Rede. Auch von Personalnot bei der Zollabfertigung und von der Befürchtung, die Regierung müsste ganze Schiffsflotten mieten, um dringend benötigte Medikamente nach dem Brexit ins Land zu holen.

„Dass wir so etwas im Jahr 2018 in einem Land wie unserem berichten müssen, ist eine Schande“, schrieb kürzlich die Tageszeitung „Guardian“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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