Interview zu SARS-CoV-2

Den Coronaviren die Eingangstür versperren

Dicht dran an einem Medikament gegen SARS-CoV-2: Professor Stefan Pöhlmann, Leiter der Abteilung Infektionsbiologie am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, erklärt, wie er und seine Kollegen herausfanden, dass der neuartige Erreger im Körper möglicherweise blockiert werden kann.

Von Heidi Niemann Veröffentlicht: 20.03.2020, 16:23 Uhr
Virenforscher Markus Hoffmann bei seiner Arbeit im Labor.

Virenforscher Markus Hoffmann bei seiner Arbeit im Labor.

© Manfred Eberle/DPZ

Ärzte Zeitung: Wie sind Sie darauf gekommen, dass ein bestimmtes Enzym bei den COVID-19-Erkrankungen eine wichtige Rolle spielt?

Prof. Stefan Pöhlmann: Wir wissen aus unseren langjährigen Forschungen, dass die Protease TMPRSS2 ein sogenannter Wirtszellfaktor ist, der unter anderem von verschiedenen Coronaviren ausgebeutet wird. Mithilfe dieses Proteins gelangen die Viren in die Wirtszelle, wo sie sich dann vermehren. Unsere aktuelle Studie hat nun gezeigt, dass auch das neuartige Coronavirus dieses im menschlichen Körper vorhandene Enzym benötigt, um in die Wirtszelle einzudringen. Das Enzym ist also eine Art Schlüssel, der die Eingangstür zur Zelle öffnet. Gelingt es, die Aktivität dieses Enzyms zu blockieren, bleibt den Viren dieser Weg versperrt.

Ein japanisches Medikament kann dies offenbar, jedenfalls in Zellkulturen. Wie geht es nun weiter, wie gelangt die Forschung vom Labor zum Menschen?

Bei der Medikamentenentwicklung ist der erste Schritt, ein Molekül zu finden, das eine entscheidende Rolle bei der Erkrankung spielt. Wir haben sowohl einen solchen Angriffspunkt identifiziert als auch einen potenziellen „Angreifer“, der das Enzym hemmt und so verhindert, dass sich die Eingangstür zur Zelle öffnet.

Wenn ein Mechanismus in einer Zellkultur funktioniert, heißt das jedoch noch nicht, dass er auch im lebenden Organismus so abläuft. Da der von uns identifizierte Wirkstoff bereits in Japan für den Einsatz im Menschen zugelassen ist, können hier zeitnah klinische Studien zur antiviralen Wirkung erfolgen. Diese Studien müssen durch Kollegen mit Erfahrung in diesem Gebiet vorgenommen werden.

Parallel dazu möchten wir die Wirkung im Tiermodell untersuchen und versuchen, sie zu verbessern. Da derartige Versuche einer besonderen Genehmigung bedürfen, müssen wir zunächst die entsprechenden Anträge stellen und Forschungsgelder einwerben. Angesichts der Dringlichkeit dieser Forschungen hoffen wir, dass die Genehmigungsverfahren etwas zügiger ablaufen als sonst.

Was wollen Sie konkret untersuchen?

Wir wollen vor allem prüfen, ob und wie stark der von uns identifizierte Wirkstoff-Kandidat die Krankheitsentwicklung unterdrückt beziehungsweise wie stark sich die Viren ausbreiten. Außerdem geht es unter anderem um die Frage, wie der Wirkstoff am besten verabreicht wird: Als Tabletten oder als Nasenspray?

Der Wirkstoff soll die Aktivität eines Proteins ausschalten, das unser Körper produziert. Werden aber damit nicht auch andere Funktionen beeinträchtigt?

Starke unerwünschte Nebenwirkungen sind bei Einhaltung der vom Arzt beziehungsweise Hersteller empfohlenen Dosis nicht zu befürchten, denn TMPRSS2 hat keine essenzielle Funktion. So können beispielsweise Mäuse ohne das Gen, das für TMPRSS2 kodiert, ganz normal leben. Im Einklang damit zeigte sich, dass der Wirkstoff sicher ist, sonst wäre das Medikament nicht in Japan zugelassen worden.

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