Top-Noten für das Gesundheitswesen

Der große Lobgesang

Honorarstreit, Chefarzt-Boni und Leberskandale hin oder her. All das scheint an der Bevölkerung vorbeizugehen, denn das Vertrauen in das deutsche Gesundheitssystem erreicht Rekordwerte. Auch Ärzte sind hoch zufrieden, wenn das nicht diese eine Sache wäre.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:

BERLIN. Was das Allensbach Institut für Demoskopie von seiner jüngsten Umfrage unter Ärzten und in der Bevölkerung mitgebracht hat, steht in krassem Gegensatz zu den Nachrichten über Ärztepfusch, Transplantationsskandale und langes Warten auf Facharzttermine.

Die Menschen in Deutschland sind hoch zufrieden mit der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems.

82 Prozent der vom Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP befragten gut 2.100 Bürger fühlen sich in diesem System gut bis sehr gut versorgt.

Das sind Werte, wie sie das Institut zuletzt 1994 ermittelte. 2008 hatte dieser Wert bei 59 Prozent gelegen und ist seither fortlaufend angestiegen.

Keine Reform - keine Verunsicherung

Damals war vor der Reform. Und die Debatten über anstehende Gesundheitsreformen scheinen die öffentliche Meinung stark zu beeinflussen.

"Die wachsende Zufriedenheit der Menschen mit dem Gesundheitssystem geht darauf zurück, dass die Bürger nicht von Reformdiskussionen behelligt werden", sagte Dr. Renate Köcher, Leiterin des Allensbach Institutes, bei der Vorstellung des aktuellen MLP-Gesundheitsreport am Mittwoch in Berlin.

Zudem habe es trotz der angespannten Kassenlage 2009 keine Einschnitte in die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung gegeben. In der guten Beurteilung des Gesundheitswesens sind Ost und West sich inzwischen so gut wie einig, weist der Report aus.

Aber: Das aus Sicht der Betroffenen lange Warten auf Arzttermine sorgt weiter für Unmut. Auch die Bezahlbarkeit von Gesundheitsleistungen besorgt die Bevölkerung.

Bereits 39 Prozent der gesetzlich Versicherten geben an, sie hätten in den vergangenen Jahren mindestens einmal Therapien selbst bezahlen müssen.

Noch mehr Vertrauen in die grundsätzliche Leistungsfähigkeit des Systems als die Gesamtbevölkerungbringen die befragten 308 niedergelassenen und 213 Krankenhausärzte auf. 93 Prozent beurteilen das Niveau der Versorgung als positiv.

2008 waren es nur 80 Prozent gewesen. Eine leichte Aufhellung der Stimmung lässt sich auch in der Entwicklung des Meinungsbildes der vergangenen vier Jahre feststellen. Für 45 Prozent der Ärzte hat sich in diesem Zeitraum an der Qualität der Versorgung nichts geändert.

Hausärzte immer zufriedener

2008 sahen das nur 30 Prozent der Ärzte so. Überraschenderweise zeigen sich vor allem die Krankenhausärzte optimistischer. 2008 hatten laut MLP-Report noch 61 Prozent Verschlechterungen wahrgenommen.

Aktuell sind es noch 36 Prozent. Diejenigen Ärzte, die die Entwicklungen der vergangenen vier Jahre ausdrücklich als Verbesserung verstehen, sind allerdings nach wie vor deutlich in der Minderheit.

Sorgen macht sich eine überwiegende Mehrheit der befragten Ärzte um die Therapiefreiheit.

Auf die Frage: "Sehen Sie durch den Kostendruck im Gesundheitswesen Ihre Therapiefreiheit als Arzt in Frage gestellt, oder würden Sie das nicht sagen?", antworteten 67 Prozent aller Ärzte, dass die Therapiefreiheit in Gefahr sei. Bei den Niedergelassenen betonten dies sogar 74 Prozent.

Insgesamt bewerten die Kollegen ihre Situation positiv. Vor allem Hausärzte zeigen sich zunehmend zufriedener mit ihrem Einkommen. 82 Prozent von ihnen bewerten ihre wirtschaftliche Lage als gut oder sogar sehr gut.

2009 waren nur 58 Prozent der Hausärzte mit ihrem Einkommen zufrieden, 2011 waren es schon 76 Prozent. Damit beurteilen die Hausärzte ihre Lage erstmals besser als die niedergelassenen Fachärzte.

Bei denen zeigt das Stimmungsbarometer auf fallend. Nach 81 Prozent im Jahr 2011 sind derzeit nur noch 72 Prozent mit der wirtschaftlichen Lage ihrer Praxen zufrieden.

Mehr als zwei Drittel aller Ärzte halten ihre Profession für attraktiv, hat das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP ermittelt. Eine wachsende Zahl geht davon aus, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird.

Kritik am mangelnden Bürokratieabbau

"Es ist geradezu Konsens unter den Ärzten, dass das Gesundheitssystem stabil bleibt", begründete Köcher die Zuversicht.

Eitel Freude herrscht nicht überall. Eine deutliche Mehrheit aller niedergelassenen Ärzte übt Kritik an der jüngsten Honorarrunde. Sie macht sich weniger am Ergebnis der Verhandlungen fest, sondern an der nach Ansicht vieler Ärzte ungerechten Honorarstruktur zwischen den Arztgruppen und dem Auftreten der Verhandlungsführer.

Die jedoch insgesamt eher freundliche Stimmung wirkt sich auf die Politik aus: "Aus der Bevölkerung kommt kein Reformdruck", stellte Renate Köcher fest. Im Gegenteil geht die Zahl der kritischen Stimmen zurück.

Nur rund ein Drittel der gesetzlich Krankenversicherten fürchtet, bei einer Erkrankung Leistungen vorenthalten zu bekommen. 2010 waren dies noch 46 Prozent gewesen.

Äußerten sich vor der Bundestagswahl 2009 noch 62 Prozent der Menschen in Deutschland kritisch über die Gesundheitspolitik der Regierung waren dies zum Zeitpunkt der Umfrage im Oktober und November 2012 nur noch 42 Prozent.

Bei den Ärzten fällt dieses Urteil harscher aus. 71 Prozent stellen der Gesundheitspolitik ein schlechtes Zeugnis aus. 2009 hatte dieser Wert allerdings noch 87 Prozent erreicht.

Inhaltlicher Schwerpunkt der Kritik ist, dass die Politiker zu wenig gegen die Bürokratie, auch die von den Kassen ausgelöste, unternähmen.

Die Bürgerversicherung spaltet

Vom Ergebnis der Bundestagswahlen erwarten sich Bevölkerung und die Ärzte nicht viel. Das Kompetenzprofil der Parteien sei in der Gesundheitspolitik nur wenig ausgeprägt, schreiben die Autoren des Reports.

Ein Fünftel der Befragten ist der Meinung, dass keine der Parteien über vernünftige gesundheitspolitische Konzepte verfüge. Von den befragten Ärzten verneinen sogar 44 Prozent die Existenz solcher Konzepte.

Zustimmung erfahren die gesundheitspolitischen Konzepte der Parteien zu höchstens 15 Prozent (CDU und SPD je 15 Prozent, Grüne 6, Linke ein Prozent). Während nur der drei Prozent der Bevölkerung bei der FDP die besten gesundheitspolitischen Ideen vermuten, sind dies unter der Ärzteschaft zwölf Prozent.

In der Beurteilung einer Bürgerversicherung sind die Ärzte gespalten. 51 Prozent aller Ärzte würden sie sogar begrüßen, heißt es in dem Report. Die Ärzteschaft sei in weiten Teilen davon überzeugt, dass eine Bürgerversicherung die Versorgung nicht verschlechtere.

Zudem würden mit den Bürgerversicherungs-Modellen der SPD und der Grünen die privaten Zusatzversicherungen nicht eingeschränkt, erklärte Renate Köcher diese Reaktion.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Michael Hill

Chefarzt-Boni und Leberskandale hin oder her.

Wenn Krankenhäuser durch Klinik-GmbHs betrieben und an die Börse gehen, oder als Finanzwirtschaftler mit Gewinnabsichten agieren, ist es ein Unding leitende Mediziner als geldkorrupt zu deklassifizieren, was in den sogenannten Transplantationskandalen geschehen ist.
Die wirtschaftliche Träger, z.B. Helios oder Rhön u.a. sind auf ein Profit im wirtschaftlichen Sinn geeicht. Welche Behandlungsmethode im medizinischen Sinn bringt mehr Profit?
Hüftimplantationen sind eine niedrig eingestufte Profit-Nummer, Transplantationen bringen richtiges Geld ein ( ca. 120000 Euro!)
Folglich wird der Klinikverwaltungsmensch angewiesen, sich einen renommierten Arzt zu suchen, der einen berufsbezogenen Leumund hat.
Diesem wird aber aufgetragen eine bestimmte "Schlagzahl" an erforderlichen Eingriffen vorzunehmen, damit die Rentabilität sich rechnet.
Der Arzt ist eigentlich nun doppelt geknebelt, arbeitet er stringend eine Risikoliste von oben an ab, besteht ein großes Risiko, dass Komplikationen häufiger auftreten können, weil diese Auslese sich an dem Schweregrad der Erkrankung orientiert und negative Ergebnisse sich anhäufen. Mit dieser Häufigkeit könnte allerdings auch der Ruf der Qualität in eine negative Betrachtung geraten, nicht nur der Klinik sondern auch des verantwortlichen Arztes!
Hier hat die Perversion der von Ulla Schmidt initiierten "Wettbewerbskomponente" in der Medizin einen absoluten Gipfel erreicht, der eigentlich von keinem engagiertem Mediziner, und das sind die meisten, gewollt und akzeptiert wird.
Wer in der Gesundheitspolitik Veränderungen planen und durchsetzen möchte, sollte bitte vorher ein Pflegepraktikum in einem Krankenhaus der Grundversorgung durchführen.
Alternativ wäre bei ausreichendem Intellekt auch eine Praktikantenstelle in den Praxen der niedergelassenen Haus- und Fachärzten empfehlenswert, um die Basisnöte verstehen zu lernen!


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