Neue Leitlinie Depression

"Die Versorgung ist im Moment schlecht. Punkt!"

Die überarbeitete Leitlinie zu Depression soll dabei helfen, die Behandlung besser zu strukturieren. Dabei werden auch Hausärzte in die Pflicht genommen.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 16.11.2015, 15:18 Uhr
'Die Versorgung ist im Moment schlecht. Punkt!'

Menschen mit Depressionen sollen besser versorgt werden - dabei helfen soll die jetzt überarbeitete S3-Leitlinie.

© Stephan Drescher / iStockphoto

BERLIN. Depressionen entwickeln sich zur weltweiten Volkskrankheit. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass unipolare Depressionen bis 2030 vor allen anderen Krankheiten stehen, was Lebensbeeinträchtigung und vorzeitigen Tod angeht.

In Deutschland bilden 6,2 Millionen Menschen im Jahr zumindest vorübergehend eine Depression aus. Wie sie ambulant behandelt werden, ist wissenschaftlich nur lückenhaft erfasst.

"Die Versorgung dieser Patienten ist im Moment schlecht. Punkt!", fällte Professor Frank Schneider von der Universitätsklinik Aachen am Montag in Berlin ein klar verständliches Urteil. Drei Viertel der Erkrankten erhielten keine dem aktuellen Wissensstand entsprechende Behandlung.

Ablehnung bei Ärzten und Patienten

Nach wie vor stießen evidenzbasierte Therapieverfahren bei Patienten, aber auch bei Ärzten auf Ablehnung, sagte Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Besserung soll nun von der überarbeiteten S 3-Leitlinie / Nationale Versorgungsleitlinie "Unipolare Depression" ausgehen, die die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlich-Medizinischer Fachgesellschaften, die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung am Montag vorstellten.

26 Monate hat die Überarbeitung der alten Leitlinie aus dem Jahr 2009 gedauert. Rund 30 Fachgesellschaften waren beteiligt. Die Evidenz aller bisherigen 120 Empfehlungen stand auf dem Prüfstand.

Ein "großer Sprung"

Herausgekommen ist ein "großer Sprung in methodischer Hinsicht", stellte Corinna Schäfer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) fest.Mehrere Themenschwerpunkte wurden neu aufgenommen: Das ist neu:

  • Pharmakotherapie: Bei Patienten, die nicht auf eine Monotherapie mit Antidepressiva ansprechen, sollte eine Augmentation mit Antipsychotika in niedrigen Dosierungen erwogen werden.
  • Psychotherapie: Bei schweren rezidivierenden Depressionen sollte eine Kombination aus Pharmakotherapie und Psychotherapie geprüft werden - nicht zuletzt aus Gründen der Compliance bei der medikamentösen Therapie.
  • Sport: Patienten, die sich bewegen können, sollte auch Sport empfohlen werden.
  • Gender: Um Depressionen in der Peripartalzeit zu begegnen, sollte Schwangeren eine Psychotherapie angeboten werden.

Die Leitlinie soll über klare Behandlungspfade auch niedrigschwellige psychosoziale Interventionen fördern, sagten die Vertreter der Verbände. So solle die knappe Ressource Psychotherapie besser bewirtschaftet werden können.

60 Prozent der Erstkontakte zwischen Menschen mit einer Depression und Ärzten fänden in Hausarztpraxen statt. Die Leitlinie solle daher über die DEGAM, aber auch über Arztnetze und Selektivverträge in die Versorgung implementiert werden, sagte Professor Martin Härter von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Die Publikation alleine reiche nicht aus.

Die Leitlinie "Unipolare Depression" findet sich unter www.versorgungsleitlinien.de

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