Leitartikel zur Selbstbeteiligung

Die falsche heile Welt

Gut fünf Milliarden Euro zahlen GKV-Versicherte als Zuzahlung. Um zwei Milliarden werden sie durch den Wegfall der Praxisgebühr entlastet. Dennoch: Das Ausmaß der Eigenbeteiligung ist in Wirklichkeit viel höher.

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:
Zuzahlung für Arzneien

Zuzahlung für Arzneien

© DeVIce / fotolia.com

Das Aus für die Praxisgebühr lässt sich genauso opportunistisch begründen wie ihre Einführung. Derzeit schieben die Krankenkassen und der Gesundheitsfonds Finanzreserven von über 20 Milliarden Euro vor sich her - ein Umstand, der es erlaubt, Bonbons an Ärzte und Patienten zu verteilen.

Als die Praxisgebühr eingeführt wurde - das war 2004 - hatten die Kassen über neun Milliarden Euro Schulden akkumuliert: Der Gesetzgeber verabreichte bittere Pillen.

Die Abschaffung der Praxisgebühr hat nun die Linksfraktion veranlasst, das System der Zuzahlungen insgesamt als unsozial in Frage zu stellen.

Die Bundesregierung hat darauf pflichtschuldigst geantwortet und kommt zu dem Ergebnis, dass Art und Ausmaß des Selbstbeteiligungssystems in der gesetzlichen Krankenversicherung moderat sind.

Beschränkt auf den engen Kreis der Fragen der Linken ist dies zutreffend: Die Zuzahlungslast der GKV-Versicherten liegt bei etwas über fünf Milliarden Euro, in den Jahren 2007 bis 2009 etwas darunter und 2011 bei 5,3 Milliarden Euro.

Eine Dynamik ist nicht sichtbar. Knapp zwei Milliarden Euro wird die Entlastung der Patienten durch den Wegfall der Praxisgebühr, der mit 38 Prozent bedeutendsten Zuzahlung betragen.

Auch die Entwicklung der Zahl der Versicherten, die von der Zuzahlung deshalb befreit sind, weil sie die Überforderungsgrenze erreichen, gibt keinen Anlass zur Sorge.

Bei den chronisch Kranken, bei denen die Zuzahlungsgrenze bei einem Prozent ihres Einkommens liegt, ist sie zwischen 2005 und 2010 nur geringfügig um 3,5 Prozent gestiegen. Die Zahl der Patienten, die mehr als zwei Prozent zuzahlen müssen und deshalb befreit sind, ist dagegen um ein Viertel gesunken.

Diese Zahlen vermitteln eine heile Welt - und das entspricht nicht ganz der Realität ...

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Karlheinz Bayer

es ist eine falsch verstandenene Eigenbeteiligung, von der Sie schreiben!


Sehr geehrter Herr Laschet,

in der ersten Woche nachdem die Praxisgebühr abgeschafft wurde, habe ich mit zunehmendem Vergnügen gesehen, wie entspannt der Arbeitsablauf in der Praxis ohne dieses bürokratische Monster sein kann.

Mir kam dann in den Kopf, daß jahrelang die Ideologie verbreitet worden ist, die Praxisgebühr sei eion erster Schritt in eine mündige Selbstbeteiligung des Patioenten an den Kosten im Gesundheitswesen. Und ich habe jetzt, nach Abschaffung der Praxisgebühr gesehen, wie falsch dieses Schlagwortgerede ist.

Im Grunde hat die Art und Weise, wie die Praxsigebühr angelegt war sogar abgeschreckt davor, Patienten an den Kostzen zu beteiligen, denn es war weder ein Stück privater leistung noch ein Stück gewählter Selbstbeteiligung.

Es war lediglich ein Wegezoll und ein Eintrittsgeld.
Ich bin durchaus für Selbstbeteiligung. Dann aber muß Arzt und Patient die Möglichkeit haben, Alternativen zu wählen und entweder bewußt teuer und mit hohem Eigenanteil, oder problembewußt und sparsam, dann aber auch sparsam für die eigenen Beiträge zu agieren.

Das fehlt an den angeblichen Steuerungssystemen zur Zeit. Und deswegen werden die Kassen auch weiterhin Geld horten, das ihnen nicht gehört und Ausgaben tätigen, die sie garbnicht tätigen sollten, aber zu feige sind, auf den Index zu stellen.

Halten Sie weiter den Finger in der Wunde!

Ihr
Karlheinz Bayer


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