Berufspolitik

Dilemma zwischen Ethik und Broterwerb

LÜBECK. Ethik, Moral und medizinischer Fortschritt: Wie diese Ziele in einem Gesundheitswesen bezahlbar umgesetzt werden, konnten Diskussionsteilnehmer auf dem jüngsten Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP) in Lübeck nicht beantworten. Ärzte und andere Experten aus dem Gesundheitswesen schwankten zwischen Schuldzuweisungen an Politiker, Ratlosigkeit und Selbstkritik.

Von Dirk Schnack Veröffentlicht: 16.04.2008, 05:00 Uhr
Dilemma zwischen Ethik und Broterwerb

Implizite Rationierung lädt Entscheidungen bei Ärzten ab, kritisierte Professor Jürgen Wasem (links) - und stieß auf Zustimmung bei Dr. Andreas Hellmann.

© Foto: di

"Mit Logik ist das nicht zu fassen." Dies war eine der ersten Lehren, die Professor Norbert Klusen vor 15 Jahren als Newcomer im Gesundheitswesen aus der für ihn damals weitgehend unbekannten Branche zog. Bis heute sucht der Chef der Techniker Krankenkasse bei manchen Regelungen vergeblich nach ihrem Sinn. Etwa im intransparenten ärztlichen Vergütungssystem, das Ärzte ja entscheidend mitgestaltet haben.

Sind also Ärzte, wie ein Hamburger Mediziner selbstkritisch anmerkte, mitschuldig an einem Gesundheitswesen, das er selbst als "unethisch, unmoralisch und unökonomisch" wahrnimmt? So weit mochten die Experten auf dem von UCB/Schwarz Pharma organisierten Forum nicht gehen. Überwiegend hielten sie Ärzte eher für Opfer, denn für Täter. Gesundheitsökonom Jürgen Wasem etwa sieht Ärzte als Leidtragende, weil die Politiker durch intransparente Regeln eine implizite Rationierung erzeugten und damit die Verantwortung bei den Ärzten abladen. Dr. Andreas Hellmann, Chef des Berufsverbandes der Pneumologen (BdP), sieht in den von der Ökonomie gesetzten Grenzen des ärztlichen Handelns, in Budgets und Regressen eine "dumpfe und aggressive Unruhe" unter Ärzten begründet. Er sieht Ärzte in einem Dilemma zwischen ihrem ethisch moralischen Anspruch und ihrem Broterwerb. "Viele werden sich dem System der GKV entziehen", prophezeite der Pneumologe, der zugleich vor einem "weisungsabhängigen Lohnarztknecht" warnte. Auch Moraltheologe Professor Peter Schallenberg aus Fulda machte deutlich, dass Ärzte in eine bestimmte Rolle gedrängt werden: "Der Arzt findet sich zunehmend als Erfüllungsgehilfe eines staatlichen Gesundheitswesens degradiert." Der katholische Priester stammt aus einer Arztfamilie und hat miterlebt, in welches Korsett Ärzte durch staatliche Bevormundung und ökonomische Grenzen gezwängt werden. Dennoch hält Schallenberg ökonomisches Denken im Gesundheitswesen für berechtigt - wenn die Ökonomie als Instrument genutzt wird, mit der die Gesundheit möglichst vieler Menschen verbessert wird.

Wie aber sollen Ärzte die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen, wenn die Gesellschaft um sie herum moralisches Handeln immer weniger respektiert? Dies fragte der Rostocker Pneumologe Professor Christian Virchow. Nach seiner Einschätzung wird es Ärzten immer schwerer gemacht, ihre Rolle als Anwälte der Kranken auszufüllen - auch wegen der begrenzten Mittel.

Zugleich stand für alle Beteiligten fest, dass auf Rationierung im Gesundheitswesen nicht verzichtet werden kann. Klusen empfahl einen Blick über die Grenzen - in anderen Ländern sind Diskussionen über begrenzte Mittel im Gesundheitswesen und deren Verwendung eine Selbstverständlichkeit. Wasem plädierte für eine explizite Rationierung, um die implizite, also bei den Ärzten abgeladene Rationierung zu verringern. Dafür aber müsste die Politik die unbequeme Aufgabe übernehmen, Entscheidungshilfen bei der Rationierung zu formulieren. Der Kassenchef wünscht sich eine Politik, die einräumt, dass die Menschen für ihre Gesundheit künftig mehr bezahlen müssen. Eine solche Aussage würde aber nicht zu seinen bisherigen Erfahrungen im Gesundheitswesen passen - sie wäre mit Logik zu fassen.

Experten für die explizite Rationierung.

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