Neues Entgeltsystem in der Psychiatrie

Ein Praxisbericht

Klinikmanager empfinden die geplante Umorientierung bei der Vergütung stationärer psychiatrischer Leistungen als Segen. Ein Bericht aus der Praxis.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:

KÖLN. Das haben Klinikmanager wie Stefan Thewes nicht zu hoffen gewagt: Die Politik zieht Konsequenzen aus den zahllosen Einwänden aus der Praxis gegen das Pauschalierende Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP). "Die jetzt beschlossenen Eckpunkte gehen vom Grundsatz her in die richtige Richtung", sagt der Leiter des Fachbereichs Wirtschaftliche Steuerung beim Landschaftsverband Rheinland (LVR).

Bei PEPP dagegen stimmte die Richtung nach Einschätzung von Thewes nicht. Er weiß, wovon er redet, denn die neun psychiatrischen Fachkliniken des LVR, die zusammen rund 60.000 Patienten pro Jahr versorgen, haben bereits auf PEPP umgestellt.

PEPP lässt die Kontrollitis blühen

Die LVR-Klinik in Düren erprobt das System seit Juni 2014. Eine Folge der Umstellung war ein dramatischer Anstieg der Anfragen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) zu den Abrechnungen. Jahrelang waren es rund 40 im Jahr, 2015 stolze 461.

Nicht nur die Zahl der MDK-Anfragen wächst. "Die Bearbeitung ist deutlich komplexer geworden", sagt Michael van Brederode, Kaufmännischer Direktor und Vorstandsvorsitzender. Bei der Abrechnung nach der Bundespflegesatz-Verordnung ging es bei den Prüfungen vor allem um mögliche Fehlbelegungen. Jetzt stellt der MDK auch die Erst- und Nebendiagnosen in Frage oder die Abrechnung von Intensivbehandlungen.

"Das System frisst unglaublich viel Arbeitszeit, gerade die Oberärztinnen und Oberärzte tragen eine hohe Last", berichtet van Brederode. Nach einer Schätzung verschlang die Beantwortung der 461 Anfragen rund 2300 Arbeitsstunden. "Diese Zeit fehlt in der Versorgung", betont er.

Der Aufwand erhöht sich nicht nur durch die Anfragen, sondern auch durch die komplexer gewordene Abrechnung. Während das Pflegekostenbüro dafür in der Vergangenheit dank IT-Unterstützung rund 60 Stunden pro Jahr aufwandte, sind es unter den PEPP-Bedingungen 744 Stunden. "Es muss sehr viel per Hand nachgerechnet werden", erläutert er.

Das System stellt sich selbst in Frage

Auch die anderen LVR-Häuser stöhnen unter der Belastung. "Die Prüfungen nehmen Züge an, die für uns nicht mehr nachvollziehbar sind", berichtet Thewes und nennt ein Beispiel: Einem Patienten mit Selbstmordabsichten wird eine Sitzwache zugeordnet. Die Fachkraft hält in der Dokumentation fest, dass der gefährdete Patient gut geschlafen hat. In der Abrechnung streicht die Krankenkasse die Eins-zu-Eins-Betreuung mit der Begründung, dass sie ja nicht nötig gewesen sei, wenn der Patient gut geschlafen habe.

Für Thewes mangelt es der geltenden Fassung von PEPP an fehlender Bedarfsorientierung. "Wir haben keine Möglichkeit, auf den tatsächlichen Bedarf zu reagieren." Zwar sollen ergänzende Tagesentgelte dem wechselnden Behandlungsaufwand Rechnung tragen, doch gerade sie werden von den Kassen oft gestrichen. "Damit stellt sich das System selbst in Frage", sagt Thewes.

Die LVR-Manager fordern von einem neuen System, dass es Anreize für eine leitliniengerechte Behandlung der Patienten setze. Hier ließen die jüngsten Signale aus Berlin hoffen.

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