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Primärversorgung

Ein Systemwechsel als „digitales Hütchenspiel“ – oder als „Mammutstrukturreform“?

Eine digitale Ersteinschätzung vor der geplanten Primärversorgung ist in Politik wie Wissenschaft umstritten. Das zeigt eine Diskussion auf Einladung des GKV-Spitzenverbandes. Und noch etwas wird deutlich.

Veröffentlicht:
„Wartezimmer“ ist auf der Tür eines Wartezimmers in einer Arztpraxis zu lesen.

Vor dem Gang in die Arztpraxis ein digitales Ersteinschätzungstool? Die Meinungen darüber gehen auseinander.

© Daniel Karmann / dpa / picture a

Berlin. Das von Schwarz-Rot geplante Primärversorgungsmodell lässt die Spekulationen darüber ins Kraut schießen. Am Dienstagabend hat der gesundheitspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis90/Die Grünen, Dr. Janosch Dahmen, davor gewarnt, in der Digitalisierung den Stein der Weisen für die Primärversorgung zu sehen.

Es bringe nichts, ein Bollwerk von Terminmanagement-Systemen und Chatbots vor den Primärversorgungspraxen zu errichten, so Dahmen bei einer Diskussionsveranstaltung des GKV-Spitzenverbandes. Nur die Versorgenden selbst hätten die Möglichkeit, dem Patienten oder der Patientin zu sagen, er oder sie brauche einen Termin in 40 Tagen, in den nächsten Tagen oder in drei Stunden.

Es sei zudem ein Märchen, es gebe ein große Gruppe von Menschen, die man aus der Versorgung wegsteuern und davon abhalten müsse, sich versorgen zu lassen, so Dahmen. Es sei richtig, dass es Über- und Fehlversorgung gebe. Das sei aber durch die Versorgung selbst induziert, also durch die Ärztinnen und Ärzte.

Er beobachte mit einiger Sorge, wie die Digitalisierung zu einer „heilbringenden Wunderpille“ erklärt werde. Am Ende bleibe von der „Mammutstrukturreform“ nur eine App. Menschen bräuchten aber jemanden, der sich kümmert. Patientensteuerung dürfe nicht als eine Art „digitales Hütchenspiel“ enden.

Die Hausärztin und Gesundheitswissenschaftlerin Professor Jutta Bleidorn von der Medizinischen Hochschule Hannover warnte ebenfalls davor, die Errichtung eines Instruments für digitale Ersteinschätzung zu unterschätzen. „Das ist nicht so trivial, wie es sich anhört“, sagte Bleidorn.

Wenn Algorithmen programmiert würden, die Patienten sagten, wie sie sich selbst versorgen könnten, dann würden Sicherheitsaspekte berührt. Erfahrungen in anderen Ländern zeigten, dass viele Wege der digitalen Ersteinschätzung zu mehr Arzt-Patientenkontakten führten. Warum? „Der Algorithmus geht auf Nummer sicher“, sagte Bleidorn.

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Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Tino Sorge, bestätigte, dass aktuell über Ausnahmen von der Primärversorgung diskutiert werde. Dafür müssten dann „zusätzliche Vergütungsmöglichkeiten“ geschaffen werden, antwortete der CDU-Politiker auf die Frage, ob die Pläne für das Primärarztsystem eher Richtung Regelversorgung oder eher Richtung Hausarztzentrierte Versorgung (HZV) tendierten.

Ein „gewisses Maß an Verbindlichkeit“ werde das Primärarztsystem aufweisen müssen. „Einfach zu sagen, wir machen etwas, was der Einzelne aber nicht einhalten muss, wird nicht funktionieren“, betonte Sorge.

Für eine rein kollektivvertragliche Lösung beim Primärarztsystem sprach sich die stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Stefanie Stoff-Ahnis, aus. Es brauche eine „neue Regelversorgung“, der steuernde Elemente implizit seien und in der die Krankenkassen gemeinsam mit den KVen die Ausgestaltung der Versorgung definierten. „Eine selektivvertragliche Lösung für diese große Frage kann es dann nicht mehr geben“, so Stoff-Ahnis. (af)

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