Kommentar zur Entlassungswelle in Spanien

Eine vergebene Chance

Kaum sind die Corona-Infektionszahlen in Spanien niedrig, werden tausende Pflegekräfte entlassen. Das könnte sich bitter rächen.

Von Manuel Meyer Veröffentlicht:

Natürlich hat Andalusiens Gesundheitsverantwortlicher Jesús Aguirre Recht: Vergangenes Jahr konnte man vor allem deshalb 20.000 neue Krankenpflegekräfte in der südspanischen Region im Kampf gegen die Corona-Pandemie zusätzlich einstellen, weil aus EU-Töpfen 4,4 Milliarden Euro in Spaniens Gesundheitssystem gepumpt wurden. Dieses Extra-Geld ist im spanischen Budgethaushalt 2022 nicht mehr vorgesehen.

Dennoch haben auch die spanischen Krankenpfleger- und Ärztegewerkschaften Recht: Die COVID-Lage hat sich in Spanien mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 24 Fällen pro 100.000 Einwohner und einer Impfquote von fast 80 Prozent zwar relativ entspannt. Aber immer wieder zeigte uns die Pandemie auch, dass wir nicht zu schnell die Wachsamkeit verlieren dürfen.

Gerade jetzt landesweit Zigtausende, eigens für die Pandemie-Bekämpfung eingestellte Krankenpflegekräfte wieder zu entlassen, könnte zum Eigentor werden. Zumal auch in Spanien mit den kälter werdenden Herbst- und Wintermonaten die COVID-Infektionszahlen wieder anziehen.

Die Krankenpflegegewerkschaften sagen es klar und deutlich: Es braucht jede Fachkraft, um die jetzt beginnende Grippeimpfkampagne zu stemmen, die zudem mit der dritten „Booster“-Auffrischungsimpfung für ältere Menschen, immunologische Risikogruppen und die über zwei Millionen mit Johnson & Johnson geimpften Spaniern einhergehen soll.

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Verpasst Spanien eine historische Chance?

Vielleicht verpasst Spanien aber auch gerade eine nahezu historische Chance, endlich mit seinem chronischen Mangel an Krankenpflegepersonal aufzuräumen. Nach Schätzung des spanischen Krankenpfleger-Verbands fehlen im Land bis zu 120.000 Fachkräfte. Mit 5,4 Pflegern pro 1000 Einwohnern liege man weit hinter dem EU-Durchschnitt von 8,8 zurück.

Aufgrund schlechter Bezahlung und Arbeitsbedingungen sind viele spanische Pfleger und Pflegerinnen ins europäische Ausland abgewandert – vor allem nach Großbritannien. Jetzt bereits eingestellte Pfleger wieder auf die Straße zu schicken bringt das Land seinem Ziel, Personal im Gesundheitssektor künftig aufzustocken, logischerweise nicht näher.

Gerade die Pandemie hat eines gelehrt: Ohne Gesundheit steht alles still. Auch die Wirtschaft. So sollten vor allem EU-Staaten wie Spanien ihre Ausgaben für das öffentliche Gesundheitssystem erhöhen. Spanien ist Europas viertgrößte Volkswirtschaft, gibt aber nur knapp neun Prozent seines Bruttoinlandprodukts für öffentliche Gesundheit aus. Damit liegt das Land nicht nur weit hinter Deutschland (11,47 Prozent), sondern auch deutlich unter EU-Durchschnitt von knapp zehn Prozent.

Schreiben Sie dem Autor: gp@springer.com

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