Leitlinien

Fachgesellschaften spitzen Transparenzregeln zu

Bei der Entwicklung von Leitlinien können Ärzte in Interessenkonflikte geraten. Die Fachgesellschaften arbeiten bereits an strengeren Transparenzregeln für die Leitlinienarbeit.

Anno FrickeVon Anno Fricke Veröffentlicht:
Fachgesellschaften spitzen Transparenzregeln zu

© alphaspirit / Fotolia

BERLIN. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen Ärzten und der Industrie stehen zunehmend unter Beobachtung. Auf das Anfang Juni scharfgeschaltete Antikorruptionsgesetz der großen Koalition und die Transparenzinitiative der Pharmaindustrie reagieren nun die Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).

Bei einer Tagung in Berlin haben Vertreter der Arbeitsgemeinschaft einen Diskussionsprozess über den Umgang mit Interessenskonflikten gestartet. An dessen Ende sollen weiterentwickelte Regeln für die Mitarbeit von Ärzten an Leitlinien stehen, sagten Vertreter der AWMF im Vorfeld des Berliner Forums am Donnerstag in Berlin. Da Leitlinien von Ärzten für Ärzte gemachte Orientierungs- und Entscheidungshilfen seien, sei das Offenlegen von Interessen an dieser Stelle besonders wichtig, hat AWMF-Präsident Professor Rolf Kreienberg dazu mitgeteilt.

Kooperation steht nicht in Frage

Die Zusammenarbeit mit der Industrie wird in diesem Prozess nicht in Frage gestellt. "Wissenschaftliche Entwicklung sowohl von Arzneien als auch von Medizinprodukten wird nur funktionieren, wenn die Ideen der Wissenschaftler mit Hilfe der Industrie umgesetzt werden, oder umgekehrt Entwicklungen in der Industrie wissenschaftlich geprüft werden, bevor sie bei Patienten angewendet werden", sagte AWF-Vizepräsident Wilfried Wagner.

Wohin die Reise gehen soll, zeigt ein in der AWMF formuliertes Papier. Darin sind Eckpunkte des angestrebten Verhaltenskodex‘ bereits angerissen. Fertige Leitlinien, deren Finanzierung zu Interessenkonflikten führen kann, sollen demnach keine Chance mehr auf Aufnahme in das AWMF-Register erhalten.

Ärzte, die an Leitlinien mitwirken, sollen bereits zu Beginn des Projekts ihre Interessen schriftlich darlegen müssen. Dazu gehören Geldflüsse, aber auch der wissenschaftliche Schwerpunkt. Die Erklärungen sollen von "Interessenkonfliktbeauftragten" unter die Lupe genommen werden. Die Konsequenzen sind laut dem Papier eindeutig: Schon wer moderate Interessenkonflikte aufweist, soll die Leitlinienarbeit weder koordinieren noch eine leitende Position innerhalb der Leitliniengruppe ausüben.

Das Bemühen um Transparenz geht sogar noch weiter: Wenn es um den Einsatz von Industrieprodukten gehe, sollen Ärzte mit leichteren Interessenkonflikten von der Bewertung von Evidenzen ausgeschlossen werden, sagte die Vorsitzende der AWMF-Leitlinienkommission Professor Claudia Spies. Bei als gravierend eingestuften Industrieverflechtungen sollen sie nicht einmal mehr an den Beratungen der Leitliniengruppe teilnehmen dürfen. Diese Regeln sollen für die Öffentlichkeit transparent gemacht werden.

AWMF lädt zur Wertediskussion

Spies mahnte eine Wertediskussion im Kreis der medizinischen Fachgesellschaften an. Auch in der AWMF müsse bei der Bewertung zum Beispiel onkologischer Therapien über eine Gewichtung von Lebensqualität versus schierer Lebensverlängerung nachgedacht werden, sagte die Leiterin der Klinik für Anästhesie an der Charité. Deshalb sollten Patientenvertreter künftig in der Leitlinienarbeit eine größere Rolle spielen.

Kritikern gehen diese Anstrengungen nicht weit genug. Es müssten auch die institutionellen Interessenkonflikte ins Auge genommen werden, sagte Dr. Wolfgang Wodarg. Vorstand bei Tranparency International Deutschland. Manche Fachgesellschaften würde es ohne Industrieunterstützung gar nicht geben, sagte der frühere SPD-Gesundheitspolitiker.

Leitlinienarbeit solle grundsätzlich nicht abhängig von Zuwendungen interessierter Seiten sein, sagte Wodarg. Deshalb sollten die Krankenkassen und die Steuerzahler die notwendigen Ressourcen für die Erstellung von Leitlinien zur Verfügung stellen.

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