Bayern

Fördergeld provoziert Hausärzte

Der Praxisverbund "consensus med" in Bayern bekommt von der Gesundheitsministerin 200.000 Euro Fördergeld. "Skandalös" nennen das rund 70 Hausärzte.

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MÜNCHEN. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) will "neue Wege für die medizinische Versorgung von morgen" unterstützen. Dazu hat sie vor Kurzem einen Förderbescheid über 200.000 Euro an das Projekt "consensus med" in Oberbayern übergeben.

Mindestens 70 Hausärzte finden das gar nicht gut - und haben bei Ministerpräsident Horst Seehofer gegen den "skandalösen Förderpreis" protestiert. Mit diesem Preis greife die Staatsregierung massiv in den lokalen Wettbewerb ein, heißt es in einem Offenen Brief. "Das ist, als würde man einer Industriebäckerei einen großen Vorteil verschaffen gegenüber den handwerklichen Bäckereien vor Ort".

Für die unterzeichnenden Hausärzte stelle sich die Frage, was der Praxisverbund consensus med im vergangenen Jahr geleistet habe, was alle die anderen Praxen im Ort und im Landkreis nicht schon seit Jahrzehnten leisten, "und zwar mit Sicherheit nicht weniger engagiert und aufgrund von Erfahrung vielleicht sogar besser", so das Protestschreiben.

Die consensus med GmbH der Hausarztfamilie Dr. Trißler aus Sugenheim erklärt über sich selbst, sie erfinde den Beruf des Hausarztes auf dem Land neu und löse damit das drängende Problem des Hausärztemangels im ländlichen Raum.

An den Standorten Petershausen, Hohenkammer und Reichertshausen nördlich von München sind bei dem Unternehmen angestellte Hausärztinnen und Hausärzte tätig.

Sie bieten ein umfassendes Leistungsspektrum der Hausarztmedizin über Kindervorsorgen bis hin zu Akupunktur und Reisemedizin an, so die Selbstdarstellung auf der Homepage. Sprechstundenzeiten würden an allen drei Standorten an allen Werktagen vor- und nachmittags angeboten.

Die schon länger ansässigen Hausärzte sehen in dem Projekt hingegen eine Medizinkette "a la McMed", das keine Zukunft habe. Eine flächendeckende Versorgung von hoher Qualität werde man so jedenfalls nicht schaffen. "Dieser aus Steuergeldern finanzierte Förderpreis ist eine Bankrotterklärung der Gesundheitspolitik in Bayern", heißt es in dem Protestschreiben an Seehofer.

Auch in mehreren Leserbriefen an die Lokalzeitung haben Hausärzte in den vergangenen Tagen ihrem Unmut über den Förderpreis des Gesundheitsministeriums Luft gemacht. Das Innovative bestehe offenbar darin, angestellte Ärzte für sich arbeiten zu lassen, schreibt eine Hausärztin im Donaukurier. In ihrem Landkreis sei die hausärztliche Versorgung in den letzten Jahrzehnten niemals gefährdet gewesen.

Bei einer Bezirksversammlung des Hausärzteverbandes vor wenigen Tagen in Freising wurde nach Angaben aus Teilnehmerkreisen auch Kritik am Vorsitzenden des Bayerischen Hausärzteverbandes, Dr. Dieter Geis, geübt: Geis solle die Unterstützung eines fragwürdigen Unternehmens unterlassen, sonst ergehe es dem Verband am Ende wie dem ADAC. (sto)

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