Hessen

Gemeinsamer Appell für sicheren Arztbesuch

Praxen und Kliniken in Hessen berichten über erheblich weniger Patienten – die Angst vor dem Corona-Virus lässt sie zu Hause bleiben. Jetzt soll um mehr Vertrauen geworben werden.

Von Christoph Barkewitz Veröffentlicht: 17.06.2020, 18:00 Uhr
Gemeinsamer Appell für sicheren Arztbesuch

Ein ordnungsgemäß geschütztes Trio verspricht Sicherheit beim Arzt: HKG-Präsident Höftberger, Sozialminister Klose und KV-Vorstandschef Dastych.

© KVH

Frankfurt/Main. Die Angst vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 hat auch in Hessen viele Menschen davon abgehalten, in Arztpraxen oder Krankenhäuser zu gehen. Lagen die Fallzahlen bei den Hausärzten im vierten Quartal 2019 noch bei 4,7 Millionen und bei den niedergelassenen Fachärzten bei knapp 6,5 Millionen, so verzeichneten beiden Gruppen im ersten Quartal dieses Jahres jeweils Einbrüche zwischen 25 und 30 Prozent, berichtete der KV-Vorstandsvorsitzende Frank Dastych.

Um den Patienten diese Ängste zu nehmen, starten KV und Hessische Krankenhausgesellschaft (HKG) eine Kampagne, mit der sie deutlich machen wollen: „Sicher für Sie da“.

Klinik-Auslastung 60 Prozent

Denn die Lage in den hessischen Krankenhäusern ist ähnlich wie in den Praxen. Lag die Auslastung im vergangenen Jahr bei 85 Prozent, liegt sie aktuell bei 60 Prozent, berichtet HKG-Präsident Dr. Christian Höftberger. Anfang des zweiten Quartals habe es sogar bis zu 50 Prozent weniger Behandlungen gegeben, ergänzte Professor Steffen Gramminger, geschäftsführender Direktor der HKG. „Wir rechnen über das ganze Jahr hinweg mit 20 bis 30 Prozent weniger Fällen in den Krankenhäusern, so Gramminger.

Was Präsident Höftberger besonders beunruhigt ist die Entwicklung der Fallzahl in den Notaufnahmen. Er schildert dies am Beispiel des Uniklinikums Marburg: Bis Mitte März waren die Zahlen mit den Vorjahreswerten vergleichbar, danach gingen sie rapide nach unten. Am Tiefpunkt in der letzten Märzwoche kamen 478 Patienten in die Notaufnahme, im Vorjahreszeitraum waren es 812.

„Auch bei gravierenden Symptomen kam es also aus Angst vor einer Infektion zum Verzicht auf den Gang in die Notaufnahme“, so Höftberger. Ob Herzinfarkt, Schlaganfall oder anhaltende starke Bauchschmerzen – diese Fälle gehörten sofort ins Krankenhaus, warnt er.

„Eindeutige Symptome zu verdrängen und zu ignorieren ist weit gefährlicher als die Wahrscheinlichkeit, sich im Krankenhaus mit dem Virus zu infizieren“, sagt Direktor Gramminger. Maximale Hygienemaßnahmen würden umgesetzt und streng beachtet.

Die medizinische Versorgung in Hessen ist sicher.

Kai Klose, Sozialminister

Bei akuten Erkrankungen zu Hause zu bleiben, ist schlecht“, meint KV-Chef Dastych, „darum wollen wir den Menschen mit der Kampagne gerne die Infektionsangst nehmen“. Die Patienten seien in den Praxen in den besten Händen und sicher vor einer Infektion. Die wenigen Corona-Patienten, die es derzeit noch in Hessen gebe, würden ambulant in gesonderten Infektsprechstunden oder einer der 60 COVID-Schwerpunktpraxen behandelt.

Erfahren mit Infektionskrankheiten

Infektionskrankheiten seien für Krankenhäuser und Praxen nichts Neues, versicherte Dastych, „wir haben die Erfahrung und die Professionalität, mit Infektionskrankheiten und Infizierten umzugehen.

Der Schirmherr der Kampagne, Sozialminister Kai Klose (Grüne), betonte, es gebe keinen Grund, eine medizinisch notwendige Behandlung aufzuschieben – Hessen sei gut auf die Corona-Situation eingestellt, alle Beteiligten achteten streng auf die Einhaltung der Standards des Robert Koch-Instituts zur Hygiene.

Mit 150 Großflächenplakaten in den hessischen Städten soll die rund 100.000 Euro teure Kampagne Ende Juni starten. In die Praxen der niedergelassenen Ärzte und in die Krankenhäuser werden zudem Pakete mit Plakaten, Aufklebern und Tresenaufstellern geliefert. Immer mit der Botschaft: „Sicher für Sie da“.

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Kommentare
Anne C. Leber

Leserzuschrift von Beate Sonsino

Sie berichten, dass seit Ausbruch von Corona viel weniger Patienten in die niedergelassenen Praxen kommen und demnächst eine Kampagne „Sicher für Sie da“ für Patienten starten soll.

Ich als Patient gehe bewusst momentan auch nur im Notfall in eine Arztpraxis. Warum? Mein internistischer Hausarzt und das gesamte Team laufen generell ohne MNS herum. Nur, wenn ein Patient darauf besteht, wird ein MNS angezogen. Da kommt man sich als Patient schon komisch vor. Auch Patienten müssen nicht zwingend mit MNS im Wartezimmer sitzen. Ich schütze andere in der Praxis, aber der Arzt und das Team schützen mich nicht. Wenn Patienten nicht wollen, überlässt man das dem Patient. Es geht hier nicht um Unverträglichkeit oder Luftnot. Es ist einfach freiwillig. Selbst, wenn es natürlich kein hundert prozentiger Schutz ist, es ist ein gewisser Schutz im geschlossenen Raum und mangelndem Abstand!
Bei meinem Zahnarzt wird die OP Maske vom Arzt und einigen Helferinnen meist unter der Nase getragen, also die Nase ist unbedeckt.
In beiden Fällen fühle ich mich nicht geschützt als Patient! Mein Friseur schützt mich besser, dort trägt jeder einen MNS und das auch korrekt!

Nach all den Informationen, die wir bis heute durch die Virologen, Epidemiologen und Hygieneärzten haben, ist das eigentlich unverantwortlich, zudem Risikopatienten gegenüber.
Ich hoffe, dass Sie mit Ihrer Kampagne auch daran denken. Die Kollegen zu sensibilisieren oder sogar aufzufordern, Ihren Teil zum Schutz, beizutragen. Denn keiner, auch kein Arzt kann sicher sein, auch wenn er sich gesund fühlt, dass er gesund ist.
Nur das Wissen reicht nicht aus, man muss die Schutzmaßnahmen auch umsetzen!

Bleiben Sie alle gesund!

Mit freundlichem Gruß

Beate Sonsino


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