Corona-Gefahr für Häftlinge

In US-Gefängnissen lauert der Tod

In immer mehr US-Gefängnissen erkranken und sterben Gefangene an COVID-19. Das ruft Kritiker des Justizsystems auf den Plan.

Von Christoph Fuhr Veröffentlicht:
Sorge um Gefangene: Ex-Häftling protestiert vor einem US-Gefängnis nach COVID-19-Ausbruch.

Sorge um Gefangene: Ex-Häftling protestiert vor einem US-Gefängnis nach COVID-19-Ausbruch.

© Will Lester / ZUMAPRESS.com / picture alliance

Parchman. Die medizinische Versorgung ist erbärmlich, das Mitarbeiterteam chronisch unterbesetzt, Toiletten sind zerstört, Ratten laufen über die Gänge – und dann kommt auch noch Corona.

Als im Staatsgefängnis Mississippi State Penitentiary in der Kleinstadt Parchman Insassen schwer erkrankten und keine Hilfe kam, gingen einige der 2100 Gefangenen in die Offensive: Sie legten Feuer und fügten sich schwere Verletzungen zu. Erst dann reagiert die Gefängnisleitung, Ärzte eilten zur Hilfe.

Dass US-Gefängnisse eine Brutstätte für das Coronavirus geworden sind, wundert Experten, die mit den Haftbedingungen in den Vereinigten Staaten vertraut sind, überhaupt nicht.

Die Betten der Insassen stehen oft nur 45 bis 60 Zentimeter auseinander. Hunderte Inhaftierte teilen sich Dusche, Toilette und Telefon. Social Distancing ist somit unmöglich. Hygieneartikel wie Seife oder alkoholhaltiges Desinfektionsmittel sind aus Sicherheitsgründen oft nicht erlaubt.

Essen für Hunde nicht zumutbar

Ein eigenes Kapitel ist die Qualität des Essens. Die gemeinnützige Organisation „The Marshall Project“, in der sich Journalisten mit der Strafjustiz in den USA auseinandersetzen, beschreibt die mehr als bescheidenen Ernährungsoptionen: Das Essen zum Beispiel in texanischen Strafanstalten habe eine ekelerregende Qualität, die weder für die Insassen noch für Menschen in Freiheit oder deren Hunde zumutbar sei, heißt es.

„Wir kommen uns vor wie in der Dritten Welt“, schreibt ein Häftling. Aber dennoch sei die Situation aus einem ganz anderen Grund bedrohlich: „Wir sterben nicht an COVID- 19, wir sterben vor Hunger!“

Texas setzt ohnehin negative Standards, wie eine vor kurzem vorgestellte Studie der University of Texas in Austin deutlich macht. In keinem anderen Bundesstaat gibt es mehr COVID-19-Infizierte in Gefängnissen – auch in Relation zur Gesamtbevölkerung sind die Texaner ganz vorne mit dabei.

Die Studie geht bis Oktober 2020 von 231 Sträflingen und 27 Mitarbeitern des Wachpersonals aus, die COVID-19 nicht überlebt haben.

Schlechte ärztliche Versorgung

80 Prozent der COVID -Todesopfer waren älter als 55 Jahre. 21 Menschen starben mit einer Resthaftzeit von weniger als zwei Jahren. „Wir müssen nicht nur Häftlinge entlassen, die aus Gesundheitsgründen gefährdet sind, sondern auch Verurteilte die für die Kommunen keine Gefahr darstellen“, fordert Michele Deitch, Projektdirektorin der Studie.

Andere Bundesstaaten, die zunächst deutlich mehr Tote als die Texaner zu beklagen hatten, waren in den Monaten danach weitaus erfolgreicher und konnten die Zahl der Opfer signifikant reduzieren– weil sie mehr Verurteilte entließen.

Die medizinische Versorgung in Gefängnissen ist schlecht. Die American Public Health Association (APHA) weist auf eine Studie hin, nach der viele Straftäter seit dem Zeitpunkt ihrer Einweisung nie medizinisch untersucht worden sind. In kommunalen Gefängnissen sind das 64 Prozent aller Insassen. Und fast jeder dritte Sträfling, der eigentlich auf Dauermedikation eingestellt war, stoppt mit dem Tag seiner Einweisung jede weitere Einnahme von Medikamenten.

Soziale Verwerfungen

Der „Lancet“ rückt in einem Beitrag zum Thema COVID-19 in US- Gefängnissen soziale Verwerfungen in den Fokus. 2,3 Millionen Menschen sind in den USA derzeit in Gefängnissen inhaftiert. Dazu kommen 4,5 Millionen Bürger, die zwar auf freiem Fuß sind, aber wegen einer Bewährungsstrafe in ihren Kommunen unter permanenter Kontrolle stehen.

350.000 Menschen auf Bewährung werden Jahr für Jahr der Dauerkontrolle mit ihren zum Teil aufwändigen, teuren oder kaum nachvollziehbaren Vorschriften nicht gerecht und müssen dann doch ins Gefängnis. 30 Prozent der in dieser Form kontrollierten Bürger sind Afroamerikaner, die aber nur 13 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

„Systemischer Rassismus“ heißt es im „Lancet“-Beitrag weiter, sei der Grund dafür, dass Schwarze sowohl bei der Zahl der Inhaftierten als auch der Zahl der COVID-19-Erkrankten überproportional stark vertreten sind. Nahezu jeder dritte Afroamerikaner ist dem Bericht zufolge irgendwann in seinem Leben inhaftiert.

Negative Prognose

Mehrere US-Organisationen, die die Entwicklung kritisch verfolgen, kommen zu einer negativen Prognose: Die Diskriminierung und Kriminalisierung von stigmatisierten gesellschaftlichen Gruppen – dazu gehören Menschen mit geringem Einkommen, Drogensüchtige und psychisch Kranke – werde sich vor dem Hintergrund von COVID-19 verschärfen.

Es wird also nicht reichen, Gefängnisinsassen besser medizinisch zu versorgen und ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Das Gebot der Stunde heißt „Decarceration“ – die Zahl der Inhaftierten soll deutlich reduziert werden. Die Public Health Experten der APHA haben einen Forderungskatalog veröffentlicht, in dem für eine Entlassung im großen Stil plädiert wird. Sie verurteilen das aus ihrer Sicht rassistische Justizsystem, das Menschen aus unteren Gesellschaftsschichten benachteilige.

Milliarden für marode Gefängnisse

Jahr für Jahr würden viele Milliarden Dollar für den Erhalt der maroden Gefängnisse verplempert. Dabei sei das Geld viel effizienter angelegt für den Aufbau von besseren Lebensbedingungen.

Es gehe um eine bessere Bildung und um qualitativ ordentliche Wohnungen, die auch für sozial Schwache finanzierbar seien. Außerdem dringend erforderlich: eine bessere Gesundheitsversorgung und ordentlich bezahlte Arbeit.

Dieser Forderungskatalog ist für die meisten US-Bürger völlig abwegig: Ihre Botschaft: Werden die Gefängnisse abgeschafft, wird Mord und Totschlag an allen Ecken und Enden zunehmen. Wer im Fernsehen Bilder von Schwerbewaffneten sieht, die gewaltbereit für Donald Trump und die Waffenfreiheit auf die Straße gehen, der wird einräumen müssen, dass die APHA mit ihren Forderungen wohl auf völlig verlorenem Posten steht.

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