Arzneimittelpolitik

Innovationen sind per saldo keineswegs teuer

Die Pharma-Industrie kann mit innovativen Arzneien zusätzliche Lebensjahre bei gesteigerter Qualität ermöglichen. Strittig ist, wie viel das dem Staat wert sein darf.

Von Dirk Schnack Veröffentlicht: 04.03.2010, 14:54 Uhr

Biologicals stehen für eine verbesserte Therapie von Rheumapatienten zur Verfügung. Anders als in anderen Ländern, etwa Großbritannien, gibt es in Deutschland keine normative Antwort auf die Frage, was der zusätzliche Nutzen, gemessen beispielsweise in gewonnenen qualitätsadjustierten Lebensjahren kosten darf, wie bei einem Roundtable von Wyeth Pharma deutlich wurde.

Fest steht, dass Pharma-Innovationen Fortschritte bringen könnten, diese aber wegen ihrer vermeintlich hohen Kosten eher zögerlich eingesetzt werden. Der Gesundheitsökonom Dr. Thomas Mittendorf legte dar, welche Hilfestellung sein Fach gibt: Es setzt die zusätzlichen Kosten ins Verhältnis zum gewonnenen Nutzen.

Pharmaunternehmen nutzen solche Kalküle, um die Kosteneffektivität innovativer Arzneimittel transparent zu machen. Am Beispiel des TNFα-Rezeptors Etanercept stellte Maria Deeg von Wyeth dar, dass eine Therapie zusätzliche Lebensjahre und auch Lebensqualität ermöglicht. In Zahlen ausgedrückt: Die Kosten-Nutzen-Relation einer Behandlung beträgt 38 700 Euro für ein qualitätsbereinigtes Lebensjahr. Basis der Untersuchung war die TEMPO-Studie. Ob dies vertretbare Kosten sind, musste allerdings offen bleiben.

Fest steht dagegen für Professor Angela Zink vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum in Berlin, dass solche Untersuchungen unverzichtbar sind, um den Nutzen von Innovationen zu belegen. Analysen des Zentrums zeigen, dass es in der Versorgung von Patienten mit rheumatoider Arthritis seit 2002 deutliche Fortschritte gegeben hat, obwohl die Gesamtkosten nur unwesentlich gestiegen sind. So werden die Patienten später erwerbsunfähig als früher, ihre Krankenhausaufenthalte werden kürzer, die stationäre Reha ebenfalls.

Nur geringe Steigerungen gibt es bei den Arztbesuchen und bei der nicht-medikamentösen Therapie. Steigernd wirkten bei den direkten Kosten besonders die Medikamente. Bei den indirekten Kosten, also Arbeitsunfähigkeit und vorzeitige Berentung, ist ein leichtes Minus zu verzeichnen.

Unter dem Strich sind damit laut Zink die durchschnittlichen jährlichen Gesamtkosten je Patient von 2002 bis 2008 von etwa 15 000 auf rund 16 000 Euro gestiegen. Dabei ist davon auszugehen, dass wegen späterer Erwerbsunfähigkeit und kürzeren Klinikaufenthalten die Lebensqualität zugenommen hat. Weitere Verbesserungen wären nach Ansicht Zinks möglich, wenn es mehr niedergelassene Rheumatologen gäbe. Als Hindernisse nannte sie die geringe Zahl von Lehrstühlen in Deutschland, die Konkurrenz zu anderen internistischen Teilgebieten, die in der Bedarfsplanung in einen Topf geworfen werden und das nach ihrer Beobachtung in vielen Bundesländern zu geringe Regelleistungsvolumen. Folge sind zu wenig Rheumatologen und damit Wartezeiten zwischen drei und sechs Monaten für die Patienten - damit geht wertvolle Zeit im Bemühen um eine frühe Behandlung verloren.

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