Arzneimittelpolitik

Jeden dritten Euro könnten Kassen bei Arzneimitteln sparen

12,1 Milliarden Euro - deutlich mehr als 30 Prozent - könnten in der Arzneiversorgung der gesetzlichen Krankenkassen gespart werden. Diese Rechnung machen die Autoren des Arzneiverordnungs-Reports auf.

Veröffentlicht: 14.09.2011, 13:57 Uhr

"Das Regressrisiko wird definitiv überschätzt" - Dr. Leonhard Hansen, Mitglied im Schiedsamt des AMNOG.

BERLIN (HL). Letztes Jahr war es Schweden, dieses Jahr ist es Groß-britannien, das den Autoren des Arzneiverordnungs-Reports, der gestern am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, als Maßstab für eine wirtschaftliche Arzneimittelversorgung dient.

Im Fokus: die nach Ansicht der Autoren zu hohen Preise sowohl für patentgeschützte Arzneimittel als auch für Generika.

Zwar wird gewürdigt, dass das Preismoratorium und die erhöhten gesetzlichen Rabatte die Arzneiausgaben gedämpft haben - theoretisch werden aber immer noch große Einsparpotenziale gesehen.

66 Prozent teurer als auf der Insel

Beispiel patentgeschützte Arzneimittel, für die die GKV 14,2 Milliarden Euro (48 der Gesamt-Arzneiausgaben) aufwendet. Der Pharmakologe Professor Ulrich Schwabe hat dazu Preisvergleiche für die zehn umsatzstärksten patentgeschützten Arzneien zwischen Deutschland und Großbritannien angestellt. Sie sind in Deutschland im Schnitt 66 Prozent teurer als auf der Insel.

Theoretisches Sparpotenzial: 977 Millionen Euro. Hochgerechnet auf den Gesamt-Patentmarkt kommt er auf 4,1 Milliarden Euro.

AMNOG auch für Generika notwendig

Ähnliches gelte aber auch für Generika. So seien die führenden zehn Nachahmer-Präparate in Deutschland 90 Prozent teurer als in Großbritannien. Hochgerechnet auf das gesamte Segment der patentfreien Arzneimittel schätzt er das Einsparpotenzial auf 3,3 Milliarden Euro.

Das Fazit von Schwabe lautet: Weder das AMNOG mit seiner frühen Nutzenbewertung für jetzt neu auf den Markt kommende Wirkstoffe noch das Instrumentarium für den Generikamarkt mit Festbeträgen, Generikaquoten und Rabattverträgen können das Problem lösen. Notwendig sei ein AMNOG auch für Generika.

Graalmann ist anderer Meinung

Das sehen Jürgen Graalmann, designierter Vorsitzender des AOK-Bundesverbandes und AVR-Ko-Autor Dr. Dieter Paffrath (AOK Nord-West) anders. Sie verweisen auf Einsparungen durch Rabattverträge in Höhe von 1,3 Milliarden Euro. Allein die AOK spart damit 600 Millionen Euro. Für Graalmann ein "bewährtes Erfolgsmodell".

Aus der Sicht von Dr. Leonhard Hansen - der Hausarzt und frühere Chef der KV Nordrhein gehört jetzt dem Schiedsamt AMNOG an - belegt der Report, dass der GBA sich so schnell wie möglich dem Bestandsmarkt patentgeschützter Arzneimittel zuwenden müsse.

Keine Angst vor Regressen

Drei Appelle richtete er an die Ärzte: Klinikärzte müssten die Polypharmazie reduzieren, Vertragsärzte sollten nicht bei Anwendungsbeobachtungen mitmachen.

Vor allem sollten sich Vertragsärzte nicht von apokalyptischen Szenarien zu ruinösen Regressen beeindrucken lassen. So habe es in Nordrhein bei 12 200 Ärzten im Jahr 2008 lediglich 19 Regresse gegeben.

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Kommentare
Reinhard Rodiger

Warum nicht aus den Fakten lernen?

Es ist richtig,dass sich derartig emotional aufgeladen schwer kommunizieren lässt.Ein paar Fakten Der grosse Aufreger sind die Arzneimittelpreise.Keiner regt sich auf über einen Ideologiebefrachteten Bericht,der praktisch un-kritisiert die Krankenkassensicht darstellt.Ein Beispiel: Der Preisvergleich mit England soll hervorheben,dass dort Spezialpräparate 66% billiger sind.Unterschlagen wird die hier gültige Mehrwertsteuer und darauf wird noch hingewiesen.Danach entfällt rund ein Drittel des ach so hohen Preisunterschieds auf den Staat.Nur der Zorn wird auf alle anderen gerichtet,Gerade England ist ein gutes Beispiel für Informationsverdrehung. Warum erwähnt der Bericht nicht,dass in England (wie in der Schweiz) ein Honorarsystem die pharmazeutischen Dienstleistungen regelt.Nur auf die Preise ohne Systemvergleich abzuheben ist Manipulation.Darunter fällt auch die Angabe der Kosten ohne Berücksichtigung der geregelten Abzüge. Oder die Apotheker bekommen angeblich 8,10 Euro. Der Krankenkassenrabatt wird geflissentlich unterschlagen(2,05 ). Also bekommen sie 6,05 Euro. Nur diese Zahl liest man nirgends. Dies ist die einzige Bezahlung ,wenn man die Logistikgebühr (3% auf den Einkaufspreis) aussen vor lässt.Der
Hintergrund dieser Regelung war der Gedanke,die Apothekerleistung unabhängig vom Produktpreis zu
machen.Stattdessen ergab sich eine Diskussion am falschen Objekt. Denn naturgemäss ist ein Festzuschlag
bei niedrigen Preisen anteilig grösser als bei den höheren Preisen.Dass dies bei Apotheken,die sich be-
sonders um HIV,MS,Cystische Fibrose etc gekümmert haben praktisch einer Enteignung gleichkam
kümmert niemand.Dies ist der Preis für den Versuch die Situation zu entspannen.Dies war ein gravierender Fehler.Was jedoch die Preisbildung für Arzneimittel angeht,so ist doch an das Prinzip der
kommunizierenden Röhren zu denken.Was durch politischen Eingriff den cash-cows (PatentAM) weg-
genommen wird kommt als erhöhte individualisierte Therapiekosten wieder.Dies ist ein Mechanismus,
der eher einen als trennen sollte.Anders ausgedrückt: das ökonomische Interesse an den Volkskrankheiten
ist bei der Industrie zunehmend geringer ausgeprägt,da die Ertragsmöglichkeiten minimiert werden.Also bleiben die restlichen Marktteilnehmer verstärkt aufeinander angewiesen.

Dr. Jürgen Schmidt

Stoßseufzer

Vielleicht übertreibt auch Herr Gehring etwas, aber darum geht es nur in zweiter Linie.
Tatsächlich pfeift der emotionale Überdruck in manchen Kommentaren aus allen Ventilen. Der Leser wird nicht mit Tatsachen und gewichteten Argumenten konfrontiert, sondern mit der Projektion eines inneren Erregungszustandes auf (oft marginale) berufspolitische Probleme.
Der Leser wird Zuschauer eines Theaters auf der inneren Bühne, auf dem noch dazu deutlich überchargiert wird.

Dr. Thomas Georg Schätzler

Kaum zu glauben, aber wahr!

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die Autoren des Arzneiverordnungs-Reports jedes Jahr die gleichen Berechnungsfehler machen. In Politik und Kassenbürokratie ist das ja eher Grundvoraussetzung für Argumentationen. Doch in keinem Land der Welt gibt es etwas Vergleichbares: Eine pauschale Entnahmegebühr für die Ausgabe eines verschreibungspflichtigen Medikaments. Dieses "Apothekenhonorar", im Volksmund auch "Schubladengebühr" (Schublade auf und zu!) genannt, beträgt 8,10 Euro pro Packung. Das gilt für j e d e Einzelpackung, egal ob N1 N2 oder N3 eines rezeptpflichtigen Arzneimittels, g l e i c h g ü l t i g wie teuer die Inhaltssubstanz ist.

Die Massenware der patentfreien Generika, die in anderen Ländern im Durchschnitt fünf Euro entsprechend kosten, gehen in Deutschland mit einem Aufschlag von e i n h u n d e r t z w e i u n d s e c h z i g Prozent für 13,10 Euro über den Ladentisch. Und zuzahlungspflichtige Patienten müssen 5 € Eigenanteil als Zuzahlung leisten. Selbstverständlich bekommen alle Apotheken anderer Länder einen prozentualen Anteil von 35-40 % des Verkaufspreises als Betriebsumsatz. Bei einem 5-€-Durchschnittspreis der "Butter-und-Brot"-Medikamente entspricht das 1,75 € bis 2,00 € pro Packung, wie in vielen anderen Branchen auch. Bei seltener verordneten, teuren und patentgeschützten Arzneimitteln bekommen Apotheker anderer Länder und Völker z. B. von 100 € Endverkaufspreis einen Umsatz von 35-40 € Äquivalent.

Zur Durchsetzung dieser weltweit einmaligen Sonderregelung entstand die große deutsche "Apothekenlüge": Der ABDA, Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände als Spitzenorganisation von ca. 59.000 deutschen Apothekerinnen und Apothekern gelang es, Gesundheitspolitikern und GKV-Kassen weis zu machen, sie würden extrem viel Geld sparen, wenn die Generika-Massenware zwar mittels "Schubladengebühr" exorbitant überteuert, aber die an sich schon teure und angeblich so häufige Patentware damit etwas billiger würde. Die Funktionäre spielten dabei auf Zeit, o h n e sich zu verzocken. Der Anteil der Billig-Generika nimmt jedes Jahr stetig zu. Dass sich auch die privaten Krankenversicherer an diesem "Deal" beteiligen, merkt man daran, dass dort auch die Apothekengebühr von 8,10 € pro Einzelpackung akzeptiert wird.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stecken sie noch heute ... unter einer Decke!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund




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