Palliativmedizin

Käßmann: "Wir haben den Tod virtualisiert"

Für viele Menschen ist Tod ein Tabu-Thema, kritisiert Theologin Margot Käßmann. Über die Medien sei man zwar häufig damit konfrontiert, dennoch könnten viele nicht darüber sprechen.

Von Johanna Dielmann-von Berg Veröffentlicht:

FRANKFURT/MAIN. Schmerz, Leid und Tod sind Teil des Lebens - auch Ärzte sollten sich Zeit nehmen, darüber mit ihren Patienten zu sprechen.

Dafür plädierte Professor Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017, am Donnerstag auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag in Frankfurt. Der Tod müsse wieder mehr ins Leben geholt werden, so Käßmann.

Der Theologin zufolge solle jeder Mediziner und jede Pflegekraft eine palliativmedizinische Ausbildung erfahren. Dies müsse ein Teil in Aus-, Fort- und Weiterbildung sein. Seit 2009 ist Palliativmedizin bereits Pflichtlehr- und Prüfungsfach im Medizinstudium.

Käßmann kritisierte, dass das Sterben keinen Platz mehr in der Gesellschaft habe. Aus ihrer Sicht sollten Familien öfter über das Thema sprechen, ein guter Anlass sei etwa die eigene Patientenverfügung. "Wir haben den Tod virtualisiert", sagte sie.

So hätten 14-Jährige etwa im Fernsehen im Schnitt 18.000 Tote gesehen, würden aber nicht mit auf den Friedhof genommen, weil man sie so persönlich nicht mit dem Tod konfrontieren wolle.

Rituale helfen gegen Einsamkeit

Zu Luthers Zeiten sei man mit dem Sterben realer umgegangen, so Käßmann weiter. Früher sei es üblich gewesen, dass ein ganzes Dorf an der Beerdigung teilgenommen und den Angehörigen Beileid ausgesprochen habe. Heute gebe es vermehrt "Trauerfeiern im engsten Kreis" und in Todesanzeigen würde darauf hingewiesen, von Beileidsbekundungen Abstand zu nehmen.

Eine falsche Entwicklung, meint die Theologin. Denn gerade durch Rituale wie Trauerfeiern würden die Betroffenen wieder in die Gemeinschaft eingegliedert und die Isolation verhindert.

In diesem Zusammenhang wies der Psychiater Professor Manfred Spitzer vom Uniklinikum Ulm darauf hin, dass nicht nur eine Verletzung, sondern auch Einsamkeit zu Schmerzen führen kann.

In einer Studie habe der Hirnforscher zeigen können, dass im Gehirn die gleichen Nervenzellen aktiviert werden, wenn Menschen unter Schmerzen oder Einsamkeit leiden.

"Das könnte die Schmerzmedizin revolutionieren", erläuterte Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin. Denn neben körperlichen Ursachen müssten Ärzte künftig auch das soziale Umfeld eines Patienten als Auslöser des Schmerzes in Betracht ziehen.

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