Berufspolitik

Kampf den Keimen: Wo sind die Hygieneärzte?

Eher widerwillig gehen deutsche Krankenhäuser an die Umsetzung des Infektionsschutzgesetzes. Eines der Standardargumente: Es fehlt Geld. Ein Problem ist allerdings real: Woher soll man Hygieneärzte nehmen? Sie müssen erst ausgebildet werden.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Notwendig, wirksam, aber keine Selbstverständlichkeit beim Infektionsschutz in Kliniken: die Händedesinfektion.

Notwendig, wirksam, aber keine Selbstverständlichkeit beim Infektionsschutz in Kliniken: die Händedesinfektion.

© Volker Witt / fotolia.com

Das neue Infektionsschutzgesetz verlangt von den Kliniken die Quadratur des Kreises, glaubt der Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen Dr. Hans Rossels.

"Das Personal geht zurück, gleichzeitig sollen wir die Sicherheit erhöhen. Das funktioniert nicht", sagte Rossels jüngst auf dem 34. Deutschen Krankenhaustag in Düsseldorf.

Hinzu komme ein weiterer Faktor: "Die derzeitigen Kürzungen im Krankenhaus-Bereich sind für den Infektionsschutz und die bessere Hygiene kontraproduktiv."

Der Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses Mechernich hält eine gesonderte Finanzierung der zusätzlichen Aufgaben für sinnvoll und notwendig. Dabei gehe es vor allem um die zusätzlichen Personalkosten.

Die Kosten für das Screening von Patienten fielen dagegen nicht so ins Gewicht. Nach Schätzungen kommen bundesweit Kosten von mindestens 400 Millionen Euro auf die Kliniken zu.

Klinikchefs in der Verantwortung

Auch wenn die zusätzlichen Mittel ausbleiben, dürfe das die Kliniken nicht zum Nichtstun verleiten, warnte er. "Wir müssen dem Thema die Aufmerksamkeit widmen, die es braucht."

Krankenhausleiter sollten sich bewusst sein, dass das neue Infektionsschutzgesetz, das am 1. August in Kraft getreten ist, sie persönlich in die Verantwortung nimmt.

Wer meine, das Thema allein den Ärzten oder der Pflege überlassen zu können, sei auf dem Irrweg, betonte Rossels. "Eine effektiv organisierte Krankenhaushygiene muss zentraler Bestandteil des Qualitäts- und Risikomanagements sein: Krankenhaushygiene ist Chefsache!"

Der hervorragende Umgang mit der EHEC-Krise habe gezeigt, dass die Krankenhäuser im Umgang mit gefährlichen Keimen gar nicht so schlecht seien wie oft dargestellt, sagte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Rudolf Kösters.

Weil es mit großen Emotionen verbunden sei, würden die Häuser beim Thema Krankenhaushygiene zu schnell an den Pranger gestellt, glaubt Kösters.

"Wir müssen uns das gefallen lassen und fragen: Was von dem Geschehen ist schicksalhaft und was vermeidbar?"

Hauruck funktioniert nicht

Gerade im Bereich der multiresistenten Keime stehe Deutschland vor großen Herausforderungen. Angesichts der zunehmenden Resistenzen sei ein sehr gutes Management notwendig.

"Die Niederlande zeigen, dass man damit viel erreichen kann, aber das geht nicht im Hauruck-Verfahren", sagte Kösters.

Das Gesetz verlange nichts substanziell Neues, sagte Karin Knufmann-Happe, die zuständige Abteilungsleiterin aus dem Bundesgesundheitsministerium.

"Es geht um die Durchsetzung von Hygieneanforderungen, von denen die meisten seit Jahren bekannt sind."

Sie warnte davor, zu lasch mit den neuen Vorgaben umzugehen und das Gesetz verpuffen zu lassen. "Dann sehen wir uns beim nächsten Gesetzgebungsverfahren wieder."

Die geforderte Ausstattung der Häuser mit Hygieneärzten und Hygienefachkräften sei die zentrale Herausforderung, sagte Knufmann-Happe. Die im Gesetz vorgesehene Übergangsfrist bis 2016 werde nicht ausreichen, um Hygieneärzte auszubilden.

Kein Hygienearzt light

"Nach meiner Wahrnehmung werden die Länder Vorgaben zur Ausstattung machen und festschreiben, welche Ärzte mit der Funktion des Krankenhaus-Hygienikers betraut werden können", prognostizierte die Ministerialbeamtin.

Für Hygieneärzte dürfe es keine "Light-Version" geben, die man bei keiner anderen Fachgruppe akzeptieren würde, betonte Dr. Jörg Herrmann, Direktor des Instituts für Krankenhaushygiene am Klinikum Oldenburg.

Wenn man sich für Überbrückungslösungen entscheide, sollte man sie zeitlich befristen, empfahl er. "Dann sollte man aber wieder zur guten Ausbildung zurückkehren."

Am Ausbau von Versorgungsbereichen wie der Palliativmedizin und der Geriatrie gebe es ein bundesweites Interesse und die Bereitschaft, Geld zu investieren. "Warum ist das in der Hygiene nicht möglich?", fragte Herrmann.

Sehen, dass man schneller wird

Die Erfahrung in Ländern wie Großbritannien zeige, dass die gemeinsame Anstrengung der Beteiligten zur Senkung der Infektionsraten führen kann, berichtete Professor Petra Gastmeier vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin an der Berliner Charité.

Dort habe es ein massives Interesse der Regierung an der Senkung der Infektionsraten und ein großes Medieninteresse gegeben.

"Seit der Melde- und Veröffentlichungspflicht sind die MRSA-Raten signifikant reduziert worden", berichtete sie. Allerdings war die Situation auf der Insel noch prekärer als in Deutschland.

Gastmeier ist eines der 16 ehrenamtlichen Mitglieder der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention, deren Empfehlungen in den Kliniken umgesetzt werden müssen. "Es ist eine Herausforderung für die Kommission, die Empfehlungen auf Stand zu halten", sagte sie.

Angesichts der vielen Studien und Metaanalysen im Bereich der Hygiene sei das schwierig. "Wir müssen uns besser organisieren und sehen, dass wir schneller werden."

Infektionsschutz: Der Stand in NRW

Die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) hat die Kliniken zur Umsetzung von Hygiene-Empfehlungen befragt. Dabei wurden 87,22 Prozent der Betten im Land erfasst. Davon hatten 46 Prozent ein geringes Infektionsrisiko, 47 Prozent ein mittleres. In 66 Prozent der Häuser tagen die Hygiene-Kommissionen zweimal im Jahr, in 4 Prozent nur einmal. Hier bestehe Handlungsbedarf, sagte KGNW-Präsident Dr. Hans Rossels. "Ein vierteljährlicher Sitzungsrhythmus sollte umgesetzt werden." Bei der Zahl der Hygienefachkräfte lagen die Kliniken leicht unter dem Soll. Die Abweichungen waren primär auf mangelnde Bewerber und fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten zurückzuführen. In den Häusern gab es im Durchschnitt drei hygienebeauftragte Ärztinnen und Ärzte.

Lesen Sie dazu auch: Das einfache Rezept der Holländer gegen MRSA

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