Kinderärzte fordern Zuschläge für Sozialpädiatrie

Pädiater werden immer mehr zu "Sozialanwälten" ihrer Patienten - viele Tätigkeiten in ihrer Praxis haben mit Medizin gar nichts mehr zu tun. Aus diesem Grund fordert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte einen Sozialpädiatrie-Zuschlag.

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Dem Kind ins Ohr geguckt: Viele Tätigkeiten der Kinderärzte haben mit der reinen Medizin nichts mehr zu tun.

Dem Kind ins Ohr geguckt: Viele Tätigkeiten der Kinderärzte haben mit der reinen Medizin nichts mehr zu tun.

© Jochen Tack / imago

BAD ORB (ras). Wie Dr. Ulrich Fegeler, der Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) beim 38. Herbst-Kongress der Pädiater in Bad Orb erläuterte, würden die vorhandenen "medizinischen Tools" bei immer mehr Familien nicht mehr ausreichend greifen.

Dies liege daran, dass die erforderlichen Interventionen in der ärztlichen Praxis - etwa nach Trennung oder Scheidung der Eltern oder nach einem vorzeitigen Schulabbruch - mit "Medizin gar nichts mehr zu tun haben".

Gerade Pädiater würden immer häufiger mit gesellschaftlichen oder familiären Fehlentwicklungen konfrontiert, die dann häufig in den Praxen der Ärzte behoben werden sollten. So brechen jedes Jahr rund 80 000 Kinder und Jugendliche die Schule ab.

Die daraus resultierenden gravierenden sozialen und gesundheitlichen Folgen seien aber nur mit Hilfe eines breit aufgestellten Fördernetzes aufzufangen, das den Kinder- und Jugendärzten jedoch nicht zur Verfügung stehe.

Die einzige Alternative der Mediziner bestehe häufig darin, vermehrt Heilmittel wie etwa Logo- und Ergotherapie oder Psychotherapien zu verordnen, sagte BVKJ-Präsident Dr. Wolfram Hartmann. Deren Evidenz stehe aber "medizinisch auf wackligen Füßen."

Es komme nicht von ungefähr, dass gerade die Heilmittelverordnungen bei Kindern und Jugendlichen stark zunähmen und damit hohe und zum Teil vermeidbare Kosten produziert würden.

Fegeler plädierte deshalb in Bad Orb dafür, für Kinder aus besonders belasteten Familien eine "Förderumwelt" zu schaffen, in der sie interdisziplinär aufgefangen werden können.

Neben den Medizinern gehörten in ein solches Behandlungsteam auch Sozial- und Heilpädagogen, qualifizierte Erzieher sowie Sozialarbeiter. Allerdings müssten diese koordinierenden und vernetzenden Leistungen auch honoriert werden. Ansonsten, so Hartmann, drohe die Gefahr, dass Pädiater mit einem hohen Kinderanteil aus benachteiligten Familien "wirtschaftlich schnell ins Abseits geraten".

Der BVKJ-Präsident forderte deshalb in Bad Orb eine "Sozialpädiatrievereinbarung", mit der es den Medizinern erstmalig ermöglicht würde, Entwicklungsdefizite bei Kindern medizinisch und pädagogisch aufzufangen.

Die hohen Kosten, die heute bei Heilmittelerbringern oder Sozialpädiatrischen Zentren aufliefen, könnten damit auch zum Teil eingespart werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Vom Kinderarzt zum Sozialarbeiter

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