Palliativversorgung

Konzept für interprofessionelle Kooperation

Nichts geht über Kommunikation: In NRW wird ein berufsübergreifendes Schulungskonzept für die Versorgung von Schwerstkranken erprobt.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Palliativstation in einem deutschen Krankenhaus. Gefragt auch hier: interprofessionelle Zusammenarbeit.

Palliativstation in einem deutschen Krankenhaus. Gefragt auch hier: interprofessionelle Zusammenarbeit.

© epd / imago

DÜSSELDORF. Wenn bei der Versorgung von Schwerstkranken und Sterbenden alle Beteiligten an einem Strang ziehen und sich untereinander austauschen, nutzt das nicht nur den Patienten und den Angehörigen. Auch Ärzte, Pflegekräfte und medizinische Fachangestellte profitieren davon, wie ein Modellprojekt zeigt.

Die Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo), die KV Nordrhein (KVNo), der Pflegerat Nordrhein-Westfalen und der Verband medizinischer Fachberufe haben eine gemeinsame Schulung für die verschiedenen Gesundheitsberufe entwickelt. Das Projekt "Interprofessionelle Schulung und Förderung der Kommunikation und Selbstfürsorge bei der Versorgung von Schwerstkranken und Sterbenden" ist von der Robert Bosch Stiftung gefördert worden.

Die Fortbildung umfasst fünf Module: Haltung, Krankheitsverarbeitung, Kommunikation, Resilienz und Abschiedsrituale/Umgang mit Trauer. Im niederrheinischen Nettetal haben sieben niedergelassene Ärzte, vier Klinikärzte, elf medizinische Fachangestellte und je vier ambulant und stationäre tätige Pflegekräfte die Schulung einem Praxistest unterzogen.

Mehr Respekt, mehr Sicherheit

Bei der Vorstellung des Abschlussberichts nannte ÄKNo-Präsident Rudolf Henke wesentliche Ergebnisse einer Befragung der Teilnehmer: Fast alle berichten von einem erheblichen Wissenszuwachs; der Respekt für Angehörige anderer Gesundheitsberufe ist gestiegen und die Einstellung zur Arbeit im Team ist positiver geworden; die meisten Teilnehmer fühlen sich sicherer in der Versorgung von Schwerstkranken.

Das Projekt habe gezeigt, wie sehr die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die sektorübergreifende Vernetzung in der Region geschätzt werden, sagte Henke. Er will im Vorstand der Bundesärztekammer für eine Übernahme des Projekts werben.

In Nordrhein könnten die Qualitätszirkel ein guter Hebel sein, um das Konzept zu verbreiten, findet der KVNo-Vorsitzende Dr. Frank Bergmann. Die Moderatoren der Qualitätszirkel könnten außerdem speziell geschult werden. Für sinnvoll hält Bergmann dabei die Kooperation mit Kliniken.

Im Umgang mit den schwerstkranken und sterbenden Patienten sind Ärzte und Pflegende einer hohen Belastung ausgesetzt und laufen Risiko, selbst zu erkranken, betonte der Neurologe und Psychiater. "Die Möglichkeit zum Austausch ist ganz wesentlich für alle Beteiligten."

Der Fokus auf den Umgang mit den eigenen Gefühlen, ist für Professor Roman Rolke ein sehr innovatives Element. Der Direktor der Klinik für Palliativmedizin der Uniklinik Aachen war einer der Referenten bei der Schulung. "Ich muss mir klar werden, was das mit mir selbst macht."

Die Abstimmung im Team könne dazu beitragen, die für die Patienten und die Angehörigen oft sehr aufreibenden Probleme an den Schnittstellen zu beseitigen, sagte Rolke. An diesen Reibungspunkten müsste in seinen Augen für sanftere Übergänge gesorgt werden.

Entscheidend sei auch die Abstimmung über Behandlungsziele, therapeutische Konzepte und ethische Fragestellungen, betonte Ludger Risse, der Vorsitzende des Pflegerats NRW. "Jeder muss wissen, welches der Informationsstand des Patienten ist." Pflegende seien oft in einer schwierigen Lage, wenn sie nicht wissen, inwieweit Patienten über ihre Diagnose aufgeklärt sind, erläuterte Risse.

Es gibt erste Interessenten

Durch das Schulungskonzept in kleinen Gruppen hätten die Beteiligten die Grenzen schnell überwinden und Verständnis für die jeweils andere Berufsgruppe sowie die besondere Situation der Patienten entwickeln können, lobte Hannelore König. Sie ist 1. Vorstandsvorsitzende des Verbands medizinischer Fachberufe. "Wir dürfen nicht warten, bis das Konzept in Ausbildungsordnungen oder Studiengänge eingeflossen ist", forderte sie. Es müsse jetzt zwingend in die Fläche gebracht werden.

Es gibt erste Interessenten. Die Diakonie Kaiserswerth, das Bildungswerk Aachen und das Irmgardis-Krankenhaus in Viersen wollen die Schulungen 2018 in eigener Regie anbieten.

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