Pflege

Kriegstrauma wird zum Problem

Es ist ein jahrzehntelang kaum beachtetes Phänomen: Die Traumatisierung von Menschen durch die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs. Allmählich beginnt die Pflegewissenschaft, sich dieses Problems anzunehmen - auch mit Blick auf Bürgerkriegsflüchtlinge.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Berlin nach einem Bombenangriff im April 1945: Menschen bahnen sich einen Weg durch die Trümmer. Noch heute wirken die Traumatisierungen des Krieges bei alten Menschen nach.

Berlin nach einem Bombenangriff im April 1945: Menschen bahnen sich einen Weg durch die Trümmer. Noch heute wirken die Traumatisierungen des Krieges bei alten Menschen nach.

© dpa

Pflegekräfte sollten für den Umgang mit kriegstraumatisierten Menschen geschult werden, denn die Folgen der spezifischen Erfahrungen dieser Menschen spielen bei der Versorgung pflegebedürftiger Menschen eine große Rolle.

Das zeigen Zwischenergebnisse eines empirischen Forschungsprojekts am Lehrstuhl für Rehabilitationswissenschaftliche Gerontologie an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln.

Die Untersuchung "Gespenster des Krieges - Traumatisierungen des Zweiten Weltkrieges als Thema in der Pflege heute" ist 2011 angelaufen. Sie konzentriert sich auf Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, aber keine Verfolgten des Nazi-Regimes sind, erläuterte Diplom-Heilpädagogin Inka Wilhelm auf dem 4. Forum Versorgungsforschung des Zentrums für Versorgungsforschung Köln.

102 Fragebögen ausgewertet

In einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2010 hatten nach Wilhelms Angaben fast 60 Prozent der Befragten im Alter von über 75 Jahren von mindestens einem traumatischen Erlebnis im Kriegskontext berichtet.

"Über die pflegerische Versorgung der Betroffenen gibt es nahezu keine empirischen Daten, aber die Rückmeldung aus der Praxis zeigt, dass das Thema durchaus relevant ist", sagte sie.

Für die Untersuchung hatte sie insgesamt 599 ambulante Pflegedienste und stationäre Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen angeschrieben, bei denen eine examinierte Pflegekraft einen Fragebogen ausfüllen sollte.

Die Befragung zielte auf das Vorkommen von Kriegstraumatisierungen im pflegerischen Arbeitsalltag, den Einfluss auf die Pflegesituation und die Bedeutung für den Arbeitsalltag.

102 Fragebögen flossen in die Auswertung ein. Die Pflegekräfte waren im Durchschnitt 45 Jahre alt und hatten 20 Jahre Berufserfahrung. 82 Prozent von ihnen gaben an, im Arbeitsalltag bereits einen kriegstraumatisierten Menschen gepflegt zu haben.

"77 Prozent bejahten die Frage, ob sich die Kriegstraumatisierung der Pflegebedürftigen auf ihren Arbeitsalltag ausgewirkt habe", sagte Wilhelm. Am häufigsten genannt wurden dabei das Abwehrverhalten dem Pflegepersonal und insbesondere Männern gegenüber, ängstliches Verhalten sowie aggressives Verhalten.

Forschung jetzt bei pflegenden Angehörigen

"Insgesamt schätzten 63 Prozent die Bedeutung von Kriegstraumatisierung in ihrem Arbeitsalltag als hoch ein", sagte Wilhelm. Sie verwies allerdings auf das Risiko einer positiven Verzerrung: Wahrscheinlich haben vor allem die Pflegekräfte den Fragebogen ausgefüllt, die sich ohnehin für das Thema interessieren.

In einem zweiten Untersuchungsschritt werden pflegende Angehörige einbezogen, die über 70-jährige weibliche Pflegebedürftige regelmäßig begleiten und versorgen, oder bei der Pflege unterstützen. Diese Erhebung läuft noch bis Juli, es liegen noch keine abschließenden Ergebnisse vor.

Die Schulung der Pflegenden sei wichtig, damit sie Verständnis für das Verhalten der Pflegebedürftigen bekommen, betonte Wilhelm. Das Thema ist nicht nur mit Blick auf die Generation relevant, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hat: Auch bei der Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund, die aus einer Bürgerkriegsregion kommen, sollte die Möglichkeit einer Traumatisierung beachtet werden.

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